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Alfred ist schlecht in der Schule

Mit dem sechsten Lebensjahr beginnt für ein Kind der viel zitierte „Ernst des Lebens“ mit der Einschulung.

Bei mir war es 1966 soweit. Damals gab es noch die Halbjahresschuljahre, und so kam ich am Nikolaustag des Jahres 1966 in den Genuß der Einschulung. Aus meiner Straße war ich nicht der einzige, der an diesem Tag eingeschult wurde. Bei Andreas aus dem Haus der Nummer 32 war es an diesem Tag auch soweit. In Begleitung unserer Mütter stiefelten wir durch den Schnee zur Joachimschule.

Im großen Foyer der Joachimschule hatten sich unzählige Kinder mit einer Schultüte (die Größe reichte von mickrig bis übergroß) versammelt. Die Mütter hatten ihre Sprößlinge dem Ereignis angemessen in Schale geworfen. Die Jungen trugen ihre Sonntagsanzüge, während die Mädchen ihre besten Kleider trugen und ein Großteil von ihnen trug zur Zierde Schleifen in den Haaren. Bei diesem Anblick wäre garantiert jede Omi in Verzückung geraten.

Kurz vor 8.00 Uhr erschien der Rektor und begrüßte alle Schulanfänger und ihre Eltern. Er hielt eine kurze blumige Rede, von der ich allerdings akustisch nicht viel mitbekam. Nach seiner Ansprache stellte er die Klassenlehrer der drei neuen ersten Klassen vor. Es waren Frl. Krüger, Frau Rauch und Herr Auerbach. Ich war der 1 A von Frl. Krüger zugeteilt und darüber war ich recht froh, denn die junge Frau machte im Gegensatz zu den beiden anderen Lehrkräften einen recht sympathischen Eindruck auf mich. Andreas kam in die Klasse von Frau Rauch.

Nacheinander betraten wir den Klassenraum. Da ich als einer der letzten den großen Klassenraum betrat, blieb für mich nur ein Platz in der letzten Reihe übrig. Nachdem das letzte Kind Platz genommen hatte, begrüßte uns Frl. Krüger.
„Und, freut Ihr Euch schon auf die Schule?“ fragte sie.
Kein Kind traute sich etwas zu sagen. Schließlich meldete sich ein pummeliger Junge und sagte mit affektierter Stimme: „Ich konnte in dieser Nacht vor Aufregung gar nicht schlafen. Ich freue mich schon darauf, endlich schreiben und lesen zu lernen.“
Eine solche Einstellung hörte die Lehrerin gerne. Nun war das Eis gebrochen und viele der fast 40 Kinder im Klassenraum hatten etwas zu sagen. Ich für meinen Teil enthielt mich jeglichen Kommentars.

Anschließend teilte Fr. Krüger die Namensschilder aus und erzählte uns anschließend, was uns in den kommenden Tagen erwarten würde. Um 9.30 Uhr war mein erster Schultag beendet. Es waren zwar nur zwei Schulstunden, es kam mir aber vor wie eine Ewigkeit.

Ab dem zweiten Schultag brachte mich meine Mutter in Begleitung von Alfred und seiner Mutter zur Schule. Alfred besuchte die gleiche Klasse wie ich. Da er aber bereits letztes Jahr eingeschult wurde, aber nicht versetzt worden war, hatte ich ihn gestern nicht kennengelernt. Er war mir von Anfang an unsympathisch und zu allem Überfluß bekam ich ihn auch noch als Tischnachbarn. Es wurmte ihn, daß ich bereits nach wenigen Wochen in der Lage war, meinen Namen zu schreiben und er es noch nicht einmal fertig brachte, den ersten Buchstaben seines Vornamens auf das Blatt eines Zeichenblocks zu malen. Als sich nach wenigen Monaten abzeichnete, daß Alfred auch dieses mal keine Chance auf eine Versetzung in die zweite Klasse hatte, versuchte er mir einzureden, ich würde sitzenbleiben. Diese Aussage teilte ich brühwarm meiner Mutter mit, die sich umgehend mit Frl. Krüger in Verbindung setzte. Die Lehrerin kommentierte Alfreds Bemerkung gelassen mit den Worten, daß sich Alfred erst einmal an seine eigene Nase fassen sollte. Am Ende des Schuljahres wurde ich in die zweite Klasse versetzt, während Alfred fortan die Sonderschule besuchen durfte.

Ich will mich ja nicht selber loben, aber zwischen meinen und Alfreds schulischen Leistungen lagen Welten. Das wurmte ihn und er ließ keine Gelegenheit aus, um mich vor den anderen Mitschülern der Lächerlichkeit preiszugeben. Wie z. B. im März 1967. Damals war es außergewöhnlich warm und ich trug eine kurze Hose aus Wolle. Als Alfred diese sah, rief er den Mitschülern zu: „Der Claus, der trägt ‘ne Babyhose!“ Das fanden die anderen natürlich besonders komisch und sie sangen spöttisch im Chor: „Babyhose! Babyhose!“ Mehrere Tage mußte ich den Spott meiner Mitschüler ertragen (die Hose habe ich übrigens nie wieder angezogen!!), bevor ich mich für die erlittene Schmach bei Alfred revanchieren konnte. Am Freitag dieser ominöse Woche sammelte Frl. Krüger das Geld für die Milch bzw. den Kakao der nächsten Woche ein. Als Alfred an der Reihe war, hatte er kein Geld bei sich. Frl. Krüger wollte wissen, warum seine Mutter ihm kein Geld mitgegeben habe. Alfred konnte ihr keine plausible Erklärung geben und so sagte ich: „Alfreds Papa hat das Geld versoffen.“ Nun war Alfred die Zielscheibe des Spotts der Mitschüler.
An meiner Behauptung war durchaus etwas dran, denn Alfreds Vater war als Alkoholiker verschrien. Wenn er Schichtende hatte - er arbeitete als Kumpel auf der Zeche Katharina - trank er an der Trinkhalle in der Dorstfelder Straße erst einmal ein paar Flaschen Bier und einige Doornkaats. Der Alkoholgenuß machte diesen nicht sonderlich sympathischen Zeitgenossen aggressiv. Nachdem er seinen ärgsten Durst gelöscht hatte, ging er heim, verprügelte seine Frau und seine Kinder, aß zu Mittag, um anschließend mit seinen Saufkumpanen auf eine ausgedehnte Zechtour zu gehen. Ähnlich wie sein ältester Sohn Alfred war auch er nicht gerade mit Intelligenz gesegnet und er redete viel dummes Zeug. Aber manchmal, wenn auch sehr selten, sagte er schon mal etwas wahres. So wußte er einmal an der Trinkhalle bei Bier und Doornkaat seinen Saufkumpanen zu berichten: „Mein Alfred ist schlecht in der Schule.“ Eine Aussage, der man einfach nicht widersprechen konnte. Als ich noch nicht zur Schule ging, da war er einmal in unserer Wohnung zu Gast. Gemeinsam mit meinem Vater trank er Bier. Ich schaute mir fasziniert eine volle Bierflasche an. Alfreds Vater sagte zu mir: „Das darfst Du nicht trinken, da wirst Du doof von.“ Mein Vater sagte darauf: „Das stimmt. Da brauchst Du Dir bloß einmal den Onkel Otto anschauen.“

Ein anderer merkwürdiger Klassenkamerad war der bereits erwähnte pummelige Junge. Hans-Peter hieß er, ein Mittelding aus weinerlichem Müttersöhnchen und vorlautem Naseweis. Er ließ keine Gelegenheit aus, um sich beim Lehrpersonal einzuschmeicheln, und wenn er einen Vorteil für sich witterte, seine Klassenkameraden zu denunzieren. Am ersten Schultag nach den Osterferien 1967 stand er mit seinem besten Sonntagsanzug und einer Krawatte in der Klassentür und hielt einen Biedermeierstrauß in der rechten Hand. Tief verbeugt öffnete er Frl. Krüger die Klassentür und überreichte ihr den Blumenstrauß. Man merkte Frl. Krüger an, daß sie die Geste doch unangenehm berührte. Wenn einer der Schüler mal wegen Krankheit mehrere Tag außer Gefecht gesetzt wurde, pflegte Hans-Peter zu sagen: „Ich komm immer zur Schule.“

Einer meiner unangenehmsten Mitschüler jener Zeit war Andreas R. Optisch sah er so aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Aber er hatte es faustdick hinter den Ohren. Da er den meisten Kindern seines Alters kräftemäßig weit überlegen war, nutzte er diese Fähigkeit aus, um ihn körperlich unterlegende Kinder zu erpressen. Wer ihm einen bestimmten Geldbetrag zahlte, hatte von ihm und seinem Spezi Udo F. nichts zu befürchten. Ich dachte aber nicht im Traum daran, mich von ihm erpressen zu lassen. Also erzählte ich meiner Mutter von Andreas' Anliegen. Sie ging unverzüglich zum Rektor der Joachimschule und unterrichtete ihn von Andreas' Untrieben. Dieser nahm sich augenblicklich Andreas vor und informierte seine Eltern über seine Aktivitäten. Seine Mutter war darüber wenig begeistert. Als sie wenige Tage später meine Mutter beim Einkaufen in einer Metzgerei traf, hielt sie ihr vor, was für ein schlimmer und durch und durch schlechter Junge ich doch sei. Es geht doch nicht an, seine Kameraden zu denunzieren. Sie verglich mein Handeln mit dem Denunziantentum während der Nazizeit und kam zum Fazit, daß einer wie ich in eine Erziehungsanstalt gehöre. Wer weiß, vielleicht hat Frau R. ihren kleinen Spatz für sein kriminelles Handeln auch noch fürstlich belohnt. Dieser jedenfalls hat seine Erpressungen eingestellt und sich einige Jahre später auf Ladendiebstähle spezialisiert. Viele Jahre später habe ich gehört, daß Andreas wegen Totschlag zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre ist er verstorben.
Interessant war auch Jutta H. Ihre Eltern betrieben in Schonnebeck ein kleines Lebensmittelgeschäft. Diese Tatsache reichte aus, daß sich Jutta wie eine kleine hochnäsige Zicke benahm, die meinte, das sie etwas besseres sei.

Mein erstes Schuljahr war gleichzeitig das letzte Schuljahr auf der evangelischen Volksschule Joachimschule. Zum neuen Schuljahr 1967/68 trat die große Schulreform in Kraft. Konfessionelle Schulen gab es nicht mehr, statt dessen städtische Gemeinschaftsschulen. Aus der evangelischen Volksschule Joachimschule wurde die städtische Gemeinschaftsgrundschule Joachimschule und aus der katholischen Barbaraschule die Hauptschule an der Soester Straße. Diese Umwandlungen machten Sinn, denn die Kinder der Gastarbeiter kamen langsam, aber sicher ins schulpflichtige Alter und so manches Kind speziell aus einer muslimischen Familie hätte wohl seine Schwierigkeiten gehabt, hätte es zum Beispiel die Barbaraschule besucht, in der zu jener Zeit (und noch einige Jahre darüber hinaus) in jedem Klassenzimmer ein Kreuz hing.

Im Gegensatz zu heute wurde das Schulsystem nicht in Frage gestellt, weil es damals einfach besser war. Denn im Gegensatz zu heute waren die Lehrer einfach besser. Sie waren den Schülern gegenüber Respektpersonen und konnten sich jederzeit durchsetzen. Das ist eine Eigenschaft, die den Lehrern von heute gänzlich fehlt.
 

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