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Auf der Kirmes

Der alljährliche Rummelplatz gehörte in Essen-Kray zu den absoluten Höhepunkten, bot er doch Zerstreuung für Jung und Alt.

In den 1960er Jahren fand er auf dem freien Feld hinter dem Buderus-Parkplatz statt. Dieses große Feld verband die Eckenbergstraße mit der Bezirkssportanlage an der Buderusstraße und bot eine ideale Abkürzung, wenn man direkt und ohne Umwege nach Kray hinein wollte. Unter dem Feld befanden sich einige alte Bunker aus dem zweiten Weltkrieg, die Einstiege waren zubetoniert. Um diese Bunker rankten sich allerlei Geschichten. Ob diese Geschichten der Wahrheit entsprachen oder ob sie nur in das Reich der Sagen und Legenden gehörten, kein Mensch wird es je ergründen können, weil auf dem Feld seit Anfang der 80er Studentenwohnheime stehen und glaubwürdige und kompetente Zeitzeugen damals wie heute eher in der Minderzahl waren/sind.

Nun, wenn für ein paar Tage die Schausteller das Feld bevölkerten, leuchteten die Augen von Jung und Alt. Für jeden war etwas dabei: Karussells und Fahrgeschäfte für die Kinder und Jugendlichen sowie Trinkstände für die etwas Älteren, damit diese ihre durstigen Kehlen anfeuchten konnten. Eben Lebertraining pur. Als absolutes Zückerchen gab es sogar einmal eine sogenannte Boxbude. Hier konnten die Mutigsten der Mutigen ihre Kräfte gegen einen vermeintlichen Boxchampion messen. Hielt der Mutige eine Runde gegen das As durch ohne zu Boden zu gehen, winkte ihm vom Veranstalter ein Preis von 100 DM. Der Veranstalter war eigentlich auf der sicheren Seite, wußte er doch, daß es kaum ein Mann schaffen konnte, seinen Boxer auf die Bretter zu schicken. Der Boxer lebte allerdings mehr von seinem enormen Körpergewicht als von Kampftechnik. Der Mann war muskulös und wog gut und gerne 130 Kilogramm. Auch die übelsten Schläger der Gegend fanden in ihm schnell ihren Meister und wurden von ihm in ihre Schranken gewiesen. Ihre Schläge steckte der Boxer mühelos und ohne mit der Wimper zu zucken in seinen Fettpolstern weg. An diesem Samstagnachmittag hatte sich mein Vater überreden lassen mit mir, meiner Mutter und meiner Schwester die Kirmes zu besuchen. Ich konnte es schon gar nicht abwarten, endlich den Kirmesplatz zu betreten. Als wir ihn betraten, tat sich eine faszinierende Welt vor mir auf.

Während ein Karussell die ganze Aufmerksamkeit meiner Mutter und meiner Schwester genoß, traf mein Vater zwei Arbeitskollegen von Buderus. Der eine von ihnen war Emil, auch Emil der Chinese genannt. Er wurde deshalb Emil der Chinese genannt, weil er aktiver Boxer war und nach heftigen Kämpfen am Wochenende am Montagmorgen mit geschwollenen Augenbrauen zur Schicht kam. Seine Augen waren zu Schlitzen angeschwollen, so daß man meinen konnte, Emil sei ein Asiate. An diesem Wochenende hatte Emil keinen Kampf und wollte auf der Kirmes seiner zweiten Leidenschaft, dem Bier, frönen. Mein Vater und sein anderer Arbeitskollege überredeten Emil, einmal gegen den Boxer anzutreten. Emil hatte zunächst keine Lust auf einen Kampf, doch die Prämie von 100 DM war schließlich ein handfestes Argument, das ihm einleuchtete.

„Treten Sie an gegen Wotan den Schrecklichen! Wenn Sie eine Runde gegen den Fürchterlichsten aller Boxer ohne zu Boden zu gehen überstehen, zahle ich dem Todesmutigen eine Prämie von 100 DM!“ rief der Boxveranstalter marktschreierisch und hielt einen Hundertmarkschein in die Luft.

Der Boxer stand in der Mitte des Rings und knallte seine Boxhandschuhe gegeneinander. Der Koloss sah wirklich furchteinflößend aus.
„Ich will gegen Ihren Mann antreten!“ rief Emil und stieg in den Ring. Der Boxveranstalter musterte das Leichtgewicht Emil ziemlich geringschätzig. Der Boxveranstalter machte Emil darauf aufmerksam, daß er für eventuell entstehende körperliche Schäden keine Haftung übernehme. Das konnte den todesmutigen Emil aber nicht davon abhalten, gegen den Koloss anzutreten. Er machte seinen Oberkörper frei und ließ sich die vom Boxveranstalter gestellten Boxhandschuhe von einem seiner Helfer zubinden. Der Boxveranstalter machte die beiden Kontrahenten auf die allgemeinen Boxregeln aufmerksam und der ungleiche Kampf konnte beginnen. Der 130 Kilo Koloss ging sofort wie von der Tarantel gestochen auf den etwa 70 Kilogramm leichteren Emil los. Für Emil war es ein leichtes, den Schlägen des ungelenken Boxers auszuweichen. Um den Koloss in Sicherheit zu wiegen, ließ Emil einige Treffer auf seinen Schultern zu. Fast zweieinhalb Minuten lief dieses Spiel. Emil ließ sich in die Ecke treiben, vor der seine beiden Arbeitskollegen standen. Er zwinkerte ihnen zu.

„Paß mal auf, jetzt brettert der Emil ihm einen“ sagte mein Vater zu mir.

In der Tat, jetzt machte Emil ernst. Er attackierte den Boxer mit einer Stafette von Kinnhaken. Der Mann war schwer getroffen und taumelte nur noch. Emil setzte zum finalen Schlag an und versetzte ihm eine so schwere Rechte, daß er aus dem Ring flog. Das Publikum grölte vor Freude und verlangte nach einer Zugabe. Das tat Emil aber nicht, stattdessen präsentierte er sich in der Mitte des Boxrings in einer Siegerpose wie ein Racheengel. Nachdem sich Emil ausgiebig als Sieger feiern ließ, zog er sich wieder an und verlangte seine 100 DM. Der Boxveranstalter war auf diese Situation nicht vorbereitet und verweigerte Emil zunächst die Siegerprämie. Das Publikum – viele davon kannten Emil – buhten und skandierten ‚Schiebung’. Als sich der Boxveranstalter beharrlich weigerte, Emil die 100 DM zu zahlen, drohte die Situation zu eskalieren. Einige aufgebrachte Zuschauer wollten dem Filou von Boxveranstalter an den Kragen. Dieser sah schließlich ein, daß er keine andere Wahl hatte und zahlte Emil die wohlverdiente Prämie. Mit den 100 DM in der Hand verließ Emil den Ring und genoß das Bad in der Menge. Ohne Umwege steuerte er mit seiner fetten Beute den nächsten Bierstand an und spendierte eine Runde nach der anderen. Mein Vater hätte auch gerne etwas von Emils Großzügigkeit genossen, doch er hatte ein ernsthaftes Problem am Hals, und zwar mich. Ich, etwa 5 Jahre alt, hatte etwas entdeckt, was meine volle Aufmerksamkeit erregte: das Kinderkarussell. Dort standen auch meine Mutter und meine Schwester. Diese hatte aller Wahrscheinlichkeit nach schon die Vorzüge einer Karussellfahrt genossen und widmete sich jetzt hingebungsvoll einer großen Portion Zuckerwatte. Mein Vater hatte die Karussellfahrt für mich bezahlt, und meine Mutter setzte mich auf ein Holzpferd. Die Fahrt ging los. Meine anfängliche Euphorie war schnell verflogen und als die Fahrt losging, war mir das Ganze doch reichlich suspekt. Da saß nun der kleine Feigling auf dem Holzpferd und wollte unbedingt absteigen. Da er sich aber nicht traute, heulte er vorsichtshalber los. Seine Mutter trabte neben ihm her und beruhigte die kleine Heulsuse. Nun gut, das ist eine Geschichte, die man besser nicht erzählt und über die man am besten den Mantel des Schweigens hüllt.

Gleich neben dem Kinderkarussell stand der Autoscooter. Hier versammelten sich die Jugendlichen, Halbstarken und Oberschlauen der Umgebung. Kein Wunder, dröhnten doch aus den Lautsprecherboxen die allerneuesten Hits, fröhlicher Krach. Mit einer Zigarette in der linken und einer Flasche Coca-Cola oder wahlweise Bier kamen sie sich richtig erwachsen vor. Die Jungs, die schon eine Freundin hatten, fuhren mit ihren Angebeteten eine oder mehrere Runden und konnten ihnen auf diese Art zeigen, was für Draufgänger und tolle Hechte sie waren.

Eine weitere Attraktion für die Kleinen war die Kinderschiffsschaukel, die vor allem von den Mädchen sehr geschätzt wurde. Neben den Fahrgeschäften gab es natürlich auch eine Reihe von Ständen, die für das leibliche Wohl zuständig waren. Denn der Kirmesbesucher lebt nicht vom Fahrgeschäft allein.

An den Imbißwagen konnte man sich mit sich „kulinarischen Köstlichkeiten“ wie Pommes Frites, Bratwurst, Frikadellen, Fisch- oder Mettbrötchen eindecken. Um den durch den Genuß dieser Leckereien entstandenen Durst zu löschen gab es natürlich auch eine Reihe von Getränkeständen, die vor allem bei den männlichen Kirmesbesuchern auf sehr regen Zuspruch stießen. Abgerundet wurde das bunte Geschehen durch Losbuden und diverse Süßwarenstände. An letzteren wurde all das angeboten, was Kinder- und Zahnarztherzen höher schlagen läßt: Lebkuchenherzen, Paradiesäpfel, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln, Schaumwaffeln und allerlei Gegenstände, deren Hohlräume mit Liebesperlen gefüllt waren. Irgendwann Ende der 1960er Jahre wurde die Krayer Kirmes von der Eckenbergstraße auf den zentraler gelegenen Markt verlegt. Auf dem asphaltierten Marktplatz lief man nicht Gefahr, nach einem heftigen Regenguss im Matsch zu waten. Das war allerdings auch der einzige Vorteil, denn im Gegensatz zum Gelände an der Eckenbergstraße war hier alles viel kleiner, waren doch (rein subjektiv betrachtet) weniger Schausteller anwesend. Veranstalter waren lokale Vereine, wie etwa der ortsansässige Schützenverein oder die Krayer Krähen, ein Spielmannszug, die nicht selten dem Vogel in ihrem Vereinsnamen (musikalisch) Ehre machten und die Besucher mit ihren kakophonischen Darbietungen unterhielten. Den zentralen Mittelpunkt der Kirmes auf dem Krayer Markt bildete das riesige Festzelt. Vor allem abends herrschte hier eine Bombenstimmung, wenn das durch heftigen Biergenuss beseelte Publikum inbrünstig solch musikalische Perlen wie „Schöne Maid“, „Komm gib mir deine Hand“, „Ein bißchen Spaß muß sein“, „Hoch auf dem gelben Wagen“ etc. sang. Da versiegte der Bierhahn nie und keine durstige Kehle blieb trocken. Wer im Festzelt keinen Platz fand, der frönte seiner Leidenschaft halt in den Gaststätten am Markt wie etwa „Marktklause“, Stifts-Eck“ oder „Anker“.

Inzwischen haben die Rummelplätze in den Vororten viel von ihrer Attraktivität und ihrem Charme verloren. Die Fahrgeschäfte werden immer ausgefeilter und schneller und haben dementsprechend auf Plätzen wie dem Krayer Markt aufgrund ihrer Größe keinen Platz mehr. Hinzu kommen selbst auf den kleinen Rummelplätzen die enorm hohen Preise. Für die Fahrt auf einem einfachen Karussell zahlt man heute im Schnitt 1,50 €, was einen Gegenwert von fast 3,00 DM darstellt. Dafür hätte man einst auf einem Karussell in der Eckenbergstraße 6 bis 10 Fahrten bekommen. Tja, so ändern sich die Zeiten.

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014