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Der Tag, an dem Old Shatterhand erschossen wurde

Spielen auf dem Hinterhof ist ein wichtiger Bestandteil im Leben eines Kindes, zumindestens war das einmal so.

In der unteren Lunemannsiepen, auf den großzügig angelegten Hinterhöfen der Buderus-Häuser fand sich immer eine Vielzahl von interessierten Mitspielern. Zu den bevorzugten Spielen gehörten Klassiker wie Verstecken, Fangen, Blinde Kuh, Mutter und Kind, Cowboy und Indianer und etwas später Fußball.

Ein besonders unangenehmes Spiel (für uns Jungs) war Mutter und Kind. In frei improvisierten Stegreifhandlungen ließen hier die jüngeren Mädchen ihren frühmütterlichen Instinkte freien Lauf. Bevorzugte Spielpartner waren kleine Jungs, die sie nach Herzenlust bemuttern und umsorgen konnten. Richtig kritisch wurde es, wenn eines der Mädchen einen Arztkoffer besaß und...ach, ich verzichte auf weitere Details und hülle den Mantel des Schweigens darüber. Wie dem auch sei, so manchen Jungen war die Mitwirkung nicht selten unangenehm, verletzten diese doch sehr oft abstrusen Handlungsabläufe die vormännliche Macho-Ehre. Es kam durchaus vor, daß, wenn die Handlung einmal wieder besonders bunt und turbulent war, man in den nächsten Tagen die Zielscheibe des Spotts seiner Freunde war. Vor allem dann, wenn eine der Muttis in spe auf die Idee kam, ihrem kleinen Spatz einen dicken Kuß zu versetzen. Spielen mit Mädchen gut und schön, aber was zu weit ging, ging zu weit. Dann war der Spott seiner Kameraden um so heftiger, garniert mit Schmähgesängen wie: „Liebespaar, küßt euch mal“. Viele Jahre später hat man diese Form der weiblichen Zuwendungen sehr zu schätzen gewußt!

Selbstverständlich schlugen sich die Mädchen nicht nur mit Mutter und Kind die Zeit tot, ihre Aktivitäten waren breit gefächert. So kümmerten sie sich fürsorglich um ihre Puppen oder kümmerten sich intensiv um den Haushalt ihrer Puppenstuben. Natürlich gab es auch die eine oder andere „Rabenmutter“, die mit Puppen nicht so viel am Hut hatte. Sie schlug sich anderweitig die Zeit tot. Bei ihr war unter anderem Gummitwist, das Sammeln von Glanzbildern und weiß der Henker was sonst noch angesagt.

Im Sommer stand bei den Mädels Zelten hoch im Kurs. Dafür hatten sie auf der großzügigen Hofanlage günstige Voraussetzungen. Zwischen zwei Wäschestangen wurde eine starke Leine gespannt und aus den mitgebrachten Decken wurde ein stattliches Zelt improvisiert. So schufen sich die trickreichen Mädchen eine fast authentische Campingatmosphäre. Ja, ja, da lag Abenteuer und Freiheit in der Luft.

Es gab auch vereinzelt das ein oder andere Mädchen, das zwischen allen Stühlen stand. Wie z.B. Ellen, eine gute Freundin meiner Schwester. Mit etwa 12 Jahren war sie ein Mittelding aus fürsorglicher Puppenmutti und frühreifen Flittchen. Oder die etwas tumbe Renate, die sich eigentlich mit gar nichts richtig beschäftigen konnte und in ihrem Freundeskreis eher eine geduldete Mitläuferin war. Als sie in das gleiche Alter wie Ellen kam, entdeckte sie schnell die Vorzüge von jungen Männern. Ob die intimen Details, die sie ihren Freundinnen brühwarm erzählte, der Wahrheit entsprachen oder eher das Produkt ihrer Phantasien waren, sei einmal dahingestellt. Und dann war da noch Ute, ebenfalls eine Freundin meiner Schwester. Sie hatte mit Jungs nicht viel am Hut. Durch ihre Eltern geriet sie in den Bann einer sehr zweifelhaften Sekte. Und im Laufe der Jahre sonderte sich immer mehr von ihren Freundinnen ab und tauchte ein in die bizarre, völlig irrationale Welt der Sekte.

Auch das Schaukeln war sehr beliebt, boten auch hier die universell einsetzbaren Wäschestangen die ideale Befestigungsmöglichkeit für eine Schaukel.
Ein unentbehrlicher Bestandteil im aufreibenden Alltag eines Kindes jener Zeit war auch das Spielen mit Murmeln, allgemein Knickern genannt. Wer sich äußerst geschickt (dreist?) anstellte, konnte seinen Bestand an Murmeln innerhalb kürzester Zeit um ein Vielfaches vergrößern. Besonders beliebt waren die Glasmurmeln. Klar, daß man diesen kostbaren Schätzen sehr sorgfältig und mit Bedacht haushaltete.

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Bei Jungs und Mädchen gleichermaßen beliebt war Rollschuhfahren. Dafür boten die Lunemannsiepen und die Vierhandbank optimale Voraussetzungen, weil beide Straßen ein leichtes Gefälle haben und man ohne großen Kraftaufwand nach Herzenslust dieser sportlichen Betätigung frönen konnte.

Auch sehr beliebt bei Jungs und Mädchen war Brennball, eine Lightversion von Völkerball. Dieses Spiel bot unter Umständen Beschäftigung für viele Stunden am Nachmittag. Für die Muttis kam das nur gelegen, konnten sie ungestört und in aller Ruhe untereinander brennende Fragen des aktuellen Weltgeschehens erörtern (z.B. warum Prinzessin Anne wieder vom Pferd gefallen war) oder den allerneuesten Straßenklatsch austauschen.

Bei den Jungs sehr gefragt war Cowboy und Indianer. Bei der Rollenverteilung gab es nicht selten Streit darüber, wer Winnetou, Old Shatterhand, Ben Cartwright, Bronco, Hondo, Matt Dillon oder weiß der Henker wen spielen durfte. Wer bei der Vergabe der Hauptrollen leer ausging, durfte halt den Banditen abgeben. Ich schätzte mich in der Rolle des Banditen immer glücklich, fand ich eine solche Rolle doch wesentlich interessanter als die der öligen, schmierigen Hauptfiguren. In frei improvisierten Handlungen nahmen wir uns die letzten Folgen von „Bonanza“, „Der Mann ohne Namen“, „1000 Meilen Staub“, „Bronco“ oder „Am Fuß der blauen Berge“ vor und gestalteten die einzelnen Episoden nach unseren Vorstellungen um. Das Größte war natürlich, wenn am Sonntagmittag im Filmeck in der Kiwittstraße in der Jugendvorstellung ein Winnetou-Film gezeigt wurde. Die Hauptfiguren aus den genannten Serien waren natürlich nichts gegen die göttergleichen Gestalten Winnetou und Old Shatterhand. So spielten wir an einem Montagnachmittag in einer sehr freien Inszenierung „Der Schatz am Silbersee“ nach. Ich durfte wie immer den Banditen abgeben und da unterlief mir ein nicht zu verzeihender Faux-Pas: In meinem Übermut erschoß ich Old Shatterhand! Winnetous Blutsbruder wurde von Hans-Georg, dem kleinen Bruder von Ellen, einer guten Freundin meiner Schwester, gespielt. Als ich Old Shatterhand mit meiner mit einem Baumast imitierten Winchester niederstreckte, ließ sich Hans-Georg äußerst theatralisch fallen. Wir spielten gerade auf der Straßenseite und Hans-Georg fiel direkt in den Grünstreifen an der Hecke zu den Schrebergärten. Pech für ihn, daß er ausgerechnet in die üppige Hinterlassenschaft eines Hundes fiel. Das merkte er zunächst gar nicht. Er stand auf und meinte zu mir, daß man Old Shatterhand doch gar nicht erschießen könne. Dann bemerkte er das Malheur, das ihm widerfahren war: Seine gesamte Haarpracht war verdreckt mit der Hinterlassenschaft des Hundes. Bitterlich weinend rannte Old Shatterhand heim zu seiner Mami, die ihren kleinen Spatz erst einmal säubern mußte. Etwa eine halbe Stunde kam eine doch sehr angesäuerte Mama Shatterhand zu uns und fragte mich, was ich mir dabei gedacht hätte, ihren kleinen Sonnenschein einfach zu erschießen. Nun, darauf wußte ich keine Antwort. Nur gut, daß der gute Karl May nicht miterleben mußte, in welch infamer Art und Weise ich mit seinem Helden umgegangen bin.

Natürlich waren wir in der Auswahl unserer Helden sehr flexibel. Wenn wir nicht gerade den Wilden Westen unsicher machten, trieben wir uns auf den Weltmeeren herum. Hier richtete sich unser Fokus besonders auf Sir Francis Drake, Captain Blood (Käptn Blatt) oder John Silver. Natürlich wollte jeder von uns einen der Helden mimen. Da ich im Wilden Westen immer ein besonders verwegener Schurke war, durfte ich auch beim Piratenspiel immer den durchtriebenen Schurken abgeben. Mal schlüpfte ich in die Rolle des Roten Korsaren oder in die der von mir geschaffenen Figur des französischen Freibeuters LaFitte Dupont, ein besonders dreister und durchtriebener Vertreter seiner Zunft, der auch nicht den geringsten Respekt gegenüber den edlen englischen Korsaren kannte und regelmäßig mit seinen Seewölfen die englischen Schiffe auf den Grund der Weltmeere schickte. Apropos Seewolf. Wer kennt sie nicht, die Szene aus der gleichnamigen Fernsehserie, als Raimund Harmstorff in einer der spektakulärsten Szenen der deutschen Fernsehgeschichte eine dicke Kartoffel mit der bloßen Hand zerquetschte? Natürlich wollten wir das auch machen, aber mangels körperlicher Kräfte gelang uns das nie.

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Hin und wieder spielten wir auch frei improvisierte Geschichten rund um unsere Krimihelden wie Mannix, John Drake, Percy Stuart, Dan Oakland, Die Zwei und wie sie alle hießen. Daß es in den bunten und turbulenten Handlungen stets zu wüsten Schießereien und Gemetzeln ohnegleichen kam, muß ich wohl nicht erwähnen. Ich hatte mich meistens auf die Rolle des John Dillinger spezialisiert, der den Helden aus den Krimiserien das Leben äußerst schwer machte. Wenn ich einmal einen Kriminalbeamten mimen durfte, dann höchstens den drögen Kommissar Keller aus der Serie „Der Kommissar“. Mein Kommissar Keller war dann ein Mittelding aus Jerry Cotton und Dirty Harry. Noch Fragen zum bunten Treiben von Kommissar Keller? Wenn eine besonders aufregende Szenerie bevorstand, kündigten wir sie mit dem Summen der Titelmelodie von „Stahlnetz“ an.

Nicht gefragt hingegen waren Kriegsspiele. Weil es zu diesem Thema keine adäquaten Vorbilder gab und man in den Nachrichten verstörende Bilder aus Vietnam sah, hatte darauf keiner Lust.

Neben Fangen, Verstecken und Blinde Kuh gab es auch einige kuriose Spiele wie Dicke Olsche oder Hänschen, Du stinkst. Allerdings kann ich mich an die Handlungsabläufe nicht mehr erinnern (ist vielleicht auch besser so, weil sich die Handlungen meist immer am Rande der Peinlichkeit abspielte).

Von Verstecken gab es eine kleine Variante und zwar Büchsenschießen. Wie beim Verstecken mußte derjenige, der beim Abzählen übriggeblieben ist, seine Spielkameraden suchen. Wem es gelang, vor ihm wieder am Spielkreis zu sein und eine alte Konservendose wegzutreten, der konnte sicher sein, daß er in der nächsten Runde nicht der Suchende war.

Ein besonders spaßiges Spiel nannte sich Fottball. Die Aufgabe in diesem Spiel bestand darin, daß derjenige, der beim Abzählen als Letzter übriggeblieben war, die auf der Wiese liegenden Mitspieler an den Hinterteilen (Fott) treffen mußte. Der Getroffene mußte dann seinerseits versuchen, so schnell wie möglich ein Hinterteil zu treffen. Initiator dieses Spiel war Harry. Er war nicht gerade mit Geistesgaben gesegnet und so war Fottball der Höhepunkt seines geistigen Schaffens. Erwähnenswert an Harry ist vielleicht noch die Tatsache, daß ich ihn in den ersten Jahren nur unter dem Namen Männlein kannte. Als mich dann irgendwer einmal nach Harry fragte, mußte ich passen. Einen Harry kannte ich nicht.

Auf den Hinterhöfen konnte man wunderbar Fußball spielen. Als Tore dienten die Wäschestangen. Bei der Verteilung der einzelnen Rollen wollte natürlich jeder Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Pelè oder Günter Netzer sein. Und jede komplette Mannschaft wollte natürlich Bayern München, FC Schalke 04 oder auch notfalls Borussia Mönchengladbach sein. Natürlich bestritten wir hin und wieder auch „Länderspiele“ und da stand Anfang der 1970er Jahre der amtierende Weltmeister Brasilien hoch im Kurs. Damit sie den Vorbildern auch möglichst ähnlich sehen sollten, schlug ich vor, daß sie sich gegnerischen Spieler, wenn sie nun unbedingt die Brasilianer darstellen wollten, die Gesichter mit brauner Schuhcreme anmalen sollten. Das nutzte den „Brasilianer“ aber nicht viel, wurden sie von einer Mannschaft, bestehend aus Spielern von Rot-Weiß Essen, dem sympathischen und liebenswerten Verein von der Hafenstraße, und dem FC Schalke 04 vernichtend geschlagen. Da ich mich als einziger im Regelwerk des Fußballs auskannte, fungierte ich nicht nur als Torwart des FC Rot-Blau 04, sondern war auch gleichzeitig Schiedsrichter. Selbstverständlich war ich trotz dieser „Doppelbelastung“ äußerst neutral (hört, hört!).

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Besonders beliebt waren die Wintermonate, vor allem dann, wenn sie sehr schneereich waren. Man ging mit seinen Schlitten zum Schönscheidtshof, um dort die abschüssige Wiese herunterzurodeln. Das war nicht ganz ungefährlich, denn wenn man schon einmal zu viel Fahrt drauf hatte, konnte es sein, daß man auf der vielbefahrenen Hubertstraße landete. Beliebt waren auch die Schneeballschlachten auf dem Hinterhof. Schnee gab es genug und man konnte mit den weißen Geschossen nach Herzenslust um sich werfen. Im Januar 1971 passierte mir ein besonders unangenehmer Faux-Pas: Einer meiner Schneebälle verfehlte sein Ziel und flog durch das geöffnete Toilettenfenster von Familie E. Wenige Minuten später erschien eine wütende Frau E. auf dem Hof und wollte wissen, wer es gewagt hatte, einen Schneeball in ihre Toilette zu werfen. In ihrer rustikalen Art wußte sie zu berichten, daß sie gerade auf der Toilettenschüssel gesessen hatte und daß ein Schneeball ihr entblößtes Hinterteil getroffen hatte. Natürlich war keiner von uns für dieses gemeine und hinterhältige Attentat verantwortlich. Ob mir Frau E. je verzeihen wird?

Das war nur eine kleine Auswahl von Spielen, mit der wir Kinder uns in den 1960er und frühen 1970er Jahren die Zeit nach der Schule und den Hausaufgaben totgeschlagen haben. Was heute lächerlich und bizarr erscheint, war damals ein unentbehrlicher und elementarer Bestandteil des täglichen Lebens. Bei den Erinnerungen an diese Zeit verdrückt man doch gerne ein nostalgisches Tränchen und zitiert den guten Freddy Quinn: „Schön, schön. Schön war die Zeit.“

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014