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Das kleine Einkaufsparadies in der Einkaufsstadt

Essen - die Einkaufsstadt. Dieser Slogan rankt seit Jahrzehnten gut sichtbar auf dem Handelshof.

Der Slogan kommt nicht von ungefähr und ist nicht übertrieben, denn in keiner zweiten Revierstadt kann man so gut, bequem und vielfältig einkaufen wie in der Essener Innenstadt. Auch wenn die Einkaufsqualität in den letzten 20 Jahren etwas nachgelassen hat, Essen ist immer eine (Einkaufs-) Reise wert. Aber nicht nur in der Essener City macht das Einkaufen Spaß, nein, auch die vielen Vororte bieten Vorteile, die der geneigte Verbraucher seit Jahr und Tag zu schätzen weiß. Nehmen wir als bestes Beispiel einmal Kray, der sympathische Stadtteil im Osten, Grenzgebiet zu Gelsenkirchen und Wattenscheid - seit 1975 Bochum - (ich weiß, Ihr lieben Wattenscheider, Ihr laßt euch nicht gerne als Bochumer titulieren. Ihr wart und bleibt auf alle Zeiten Wattenscheider!).

Schon seit jeher bot Kray eine vielfältige Einkaufskultur. Und nicht nur im Krayer Stadtkern ließ sich gut einkaufen, auch in den Randbezirken dieses liebenswerten Ortes gab es eine Fülle von Einkaufsmöglichkeiten, die das tägliche Leben angenehmer gestalteten. Nehmen wir als bestes Beispiel einmal das Viertel rund um die Lunemannsiepen. Allein auf einer Strecke von ca. 300 Metern buhlten 3 Lebensmittelgeschäfte um die Gunst der Kundschaft. Das war zum einen Arning. Wilhelm Arning betrieb im Essener Norden und Nordosten eine Reihe kleiner Lebensmittelläden, die alles boten, was das tägliche Leben erleichterte. Eine seiner Filialen befand sich in einer ehemaligen Bäckerei an der Ecke Lunemannsiepen / Vierhandbank. Die Muttis konnten hier all die Dinge kaufen, die sie benötigten, um ihre Familien satt zu bekommen. Die Papis bekamen hier ihr Bier, ihre Tabakwaren und natürlich ihre lebensnotwendige tägliche Bild-Zeitung. Und die Kinder konnten hier all die für sie relevanten Dinge erwerben, die ihr Leben tagtäglich versüßten. Für den Standard eines Lebensmittelgeschäfts Mitte der 60er Jahre war dieser Arning-Markt schon beeindruckend groß, ging das Warenangebot über Lebensmittel hinaus. Hier bekam man neben Lebensmitteln Haushaltswaren, Geschenkartikel und diverse Schulmittel wie Hefte, Tintenpatronen, Lineale etc. Zum Verkaufspersonal gehörten in der Regel 2 Verkäuferinnen, am Samstag halfen ein oder zwei zusätzliche Verkäuferinnen aus. Die Filialleiterin hieß Helga, eine durchaus attraktive, aber auch zeitweise sehr mürrische und schnippische Person. Sie hielt sich zumeist an der Kasse auf und übernahm die Bedienung an der Obst- und Gemüsetheke (hier traf oft der Begriff Obst und Gerümpel treffend zu). Das glatte Gegenteil von Helga war Herr Arning. Ab und zu kam er vorbei, um in der Filiale nach dem Rechten zu sehen. Jeden Kunden begrüßte er auf das freundlichste. Allerdings kann man es mit der Höflichkeit auch etwas übertreiben, wie meine Mutter bemerkte. Herr Arning hatte eine so übertriebene Freundlichkeit an sich („Einen schönen guten Tag, gnä‘ Frau“, oder „Haben sie heute gut und delikat gefrühstückt“, oder „Ich wünsche Ihnen noch einen recht angenehmen Tag und beehren Sie uns recht bald wieder“), daß sich meine Mutter des öfteren peinlichst berührt fühlte. Mit einer tiefen Verbeugung hat Herr Arning bei seinen Stippvisiten jeder Kundin die Ladentüre geöffnet und sich in seiner verbindlich höflichen Art (manche würden auch schleimig sagen) verabschiedet. Auf jeden Fall hat er mit der Kundschaft so viel Süßholz geraspelt, daß man anschließend aufpassen mußte, nicht auf der Schleimspur auszurutschen.

In der Mitte der Lunemannsiepen gab es Koller, einen kleinen Lebensmittelladen. Dieses Geschäft betrat ich meist mit einer ordentlichen Portion Unbehagen. Der etwas dunkel erscheinende Laden wirkte auf mich immer etwas bedrückend und beklemmend, zumal Frau Koller ihre Kunden stets kühl und distanziert behandelte. Das schien aber nur so, denn sie war eine wirklich freundliche Frau. Der tragische Tod ihres einzigen Sohnes hatte sie arg getroffen und aus diesem Grund strahlte sie keine Lebensfreude mehr aus. Interessant war Susi, ihr schwarzer Pudel. Im Frühjahr und Sommer saß der Hund den ganzen Tag draußen vor der Ladentür und beobachtete das Treiben. Dem Hund eilte ein geradezu legendärer Ruf voraus, etwa wie der Hund von Baskerville. Die meisten Kinder in der Lunemannsiepen und der Dorstfelder Straße hielten Susi für eine reißende Bestie, die Kinder zum Fressen gern hatte bzw. diese zum Anbeißen fand. Allerdings gehörten diese Geschichten ins Reich der Fabeln und Legenden, denn Susi war froh, am Leben zu sein. Meist war sie das Opfer gemeiner Attacken gehässiger Kinder. Einen Trumpf konnte sie aber stets ausspielen. Sie war wieselflink, und wenn sie wie ein Pfeil losrannte, dann wurde so manchem Kind angst und bange.

Etwa 20 Meter von Koller entfernt betrieb das Ehepaar Martini einen kleinen Lebensmittelladen. Bis Ende der 60er Jahre war Martini weit und breit der einzige Laden, wo man noch lose Milch bekam. Der Laden war klein und eng und hier lief noch alles in Bedienung ab, der klassische Tante-Emma-Laden. Martini war so etwas wie die Nachrichtenzentrale des Viertels, deshalb frequentierte eine bestimmte Klientel von Kundinnen diesen Laden, um über den neuesten Klatsch informiert zu sein. Eine besonders unangenehme Zeitgenossin, die Martini fast täglich aufsuchte, war Frau J. Dieser Laden war haargenau die Plattform für sie, in der sie ihre infamen und völlig aus den Fingern gesogenen Lügen über die Nachbarschaft verbreiten konnte. Der Laden konnte auch noch so voll sein, Frau J., so großzügig wie sie nun mal war, ließ jeden vor, damit sie auch die allerletzte Klatschgeschichte hören konnte. Jedes Wort sog sie in sich hinein und speicherte es auf ihre interne Festplatte. Martini und Frau J. – das paßte zusammen wie der Thünnes zum Scheel oder wie die Faust aufs Auge.

Am Anfang der Vierhandbank, an der Ecke zur alten Hausmannstraße, betrieb das Ehepaar Urban einen kleinen Lebensmittelladen mit einer angrenzenden Trinkhalle. Die große Zeit hatte ihr Geschäft schon lange hinter sich, denn bevor die B 1 endgültig zur Autobahn ausgebaut wurde, befand sich an ihrer Trinkhalle eine Straßenbahnhaltestelle. Diese Haltestelle war deshalb von Bedeutung, weil hier die Arbeiter von Buderus aus- und einstiegen. Nach dem Schichtwechsel und um sich die Wartezeit auf die Straßenbahn zu verkürzen, gönnten sich die Männer von Buderus hier gerne ein Bier (oder auch zwei oder drei oder....). Nachdem die B 1 ausgebaut war und hier keine Straßenbahn mehr hielt, lebten die Urbans von den Männern von Buderus, die in den Firmen-Werkswohnungen in der Lunemannsiepen, der Vierhandbank oder der Dorstfelder Straße lebten. Die goldenen Jahre waren vorbei. Wenn man mal nicht genug Geld bei sich hatte, war es für Frau Urban kein Problem, den schuldigen Betrag „anzuschreiben“. Bezahlt wurde dann am Monatsersten. Schweren Zeiten gingen die Urbans entgegen, als 1972 Buderus das Werk in der Eckenbergstraße schloß. Von nun an lebten sie nur noch von ihren wenigen, treuen Stammkunden.

Weiter unten in der Vierhandbank, zwischen dem Fischweiher und der Hubertstraße, betrieb das Ehepaar Kühn einen Lebensmittelladen. Ihr Warensortiment war dem von Arning ähnlich, nur, daß sie wesentlich preiswerter waren.

Im Fischweiher gab es den Kiosk und den kleinen Lebensmittelladen von Itzek. So bescheiden wie die Itzeks nun mal waren, nannten sie ihren Tante-Emma-Laden gleich Verbrauchermarkt. Während sich die schnippische Frau Itzek um den Laden kümmerte, betrieb ihr Mann einen florierenden Getränkehandel. Mit seinem VW-Bus versorgte er die Durstigen in der Umgebung. Interessant war, wenn man abends ihren Kiosk in Anspruch nahm. Man drückte auf die kleine Klingel unterhalb des Schiebefensters, und sofort kam wie aus dem Nichts ein Hund angeschossen und bellte sabbernd gegen das Fenster (für Ästhetiker mit Sicherheit kein angenehmer Anblick. Auch nicht für das Ordnungsamt!!). Der Hund, die Itzek deklarierten ihn als Zwergpudel, war von der Größe her ein halbes Kalb und wirkte aufgrund seiner Masse und seines nicht sonderlich angenehm wirkenden Wesens doch recht furchteinflößend. Frau Itzek wiegelte diese Bedenken stets ab nach dem Motto „Der tut nichts, der will nur spielen.“

An der Ecke Hubertstraße, Vierhandbank betrieb Frau Krause ein kleines Gemüsegeschäft. Neben Obst und Gemüse bekam man dort auch Zeitschriften. Dieser Laden war besonders für meine Schwester interessant, weil sie ihre wöchentliche, lebensnotwendige Lektüre Bravo hier schon am Mittwoch bekam. Alles, was es Wissenswertes über David Cassidy, Sweet, Donny Osmond und weiß der Henker über wen sonst noch zu berichten gab, wußte sie schon einen Tag vor ihren Freundinnen. Die Mädels waren dann ganz erstaunt, woher meine Schwester bloß diese Insiderinformationen hatte. Und am nächsten Tag konnten sie sich dann von der Richtigkeit dieser Informationen überzeugen.

Etwa zwanzig Meter weiter, neben dem Textilgeschäft Guttmann, betrieb das Ehepaar Kinne eine Metzgerei. In Zeiten, als BSE, Ekelfleisch und ähnliche Unappetitlichkeiten noch in nicht greifbarer Zukunft lagen und eher Zugang ins Raumschiff Enterprise gefunden hätten, konnte man sich mit all den Köstlichkeiten eindecken, die den Gaumen in Verzückung geraten lassen. Bei Kinne stimmte das Preis-Leistungsverhältnis. Hier bekam man zu einem günstigen Preis Fleisch- und Wurstwaren von einer wirklich hervorragenden Qualität.

Mit einem ähnlichen Pfund konnte die Bäckerei Hemsing wuchern, die etwa 30 Meter von Kinne entfernt war. Hier kamen alle Kuchenfreunde und Leckermäulchen voll auf ihre Kosten. Meine Schwester schätzte vor allem Hemsings „Matschbrötchen“ (Brötchen mit einem Negerkuß – sorry, die Dinger heißen heute ja Schokoküsse). Zwischen Kinne und Hemsing gab es das Schreibwarengeschäft Rüthers. Hier bekam man alles, was man für den täglichen Schulbedarf so benötigte. Darüber hinaus verkauften sie auch Spielwaren und betrieben eine kleine Leihbücherei. Meine Schwester, die zusammen mit der Enkelin der Rüthers die selbe Schulklasse besuchte, deckte sich hier mit Glanzbildern (auch "Philippchen" genannt) ein. Die Rüthers waren ein älteres Ehepaar, das zu ihren Kunden stets korrekt und distanziert freundlich war. Ihre Nachfolgerin Frau Danelzig war schon das Gegenteil. Die gute Frau war etwas schnippisch und manchmal hatte man den Eindruck, wenn man ein paar Teile zu viel wollte, überfordere man sie damit. Trotzdem, in diesem Laden habe ich mir gerne meine Fußballsammelbilder gekauft. Eine Tüte mit 5 Bildern kostete 0,20 DM. In der Silvesterzeit war ihr Laden die Anlaufstation für alle Nachwuchssprengmeister und -pyromanen. Hier konnten wir uns nach Herzenslust mit den begehrten Knallkörpern, die eigentlich nur in die Hände von Personen ab 18 Jahren gehören, eindecken. Frau Danelzig war das vollkommen egal, Hauptsache, sie konnte unsere Taschengelder entgegennehmen. Einen guten Rat gab sie uns mit auf den Weg: „Wenn die Bullen euch beim Knallen erwischen, sagt bloß nicht, daß ihr die Knaller bei mir gekauft habt.“ Zum einen hat uns die Polizei nie erwischt und zum anderen war es für uns Ehrensache, Frau Danelzig nicht zu verpfeifen. Schließlich wollten wir unsere Quelle nicht durch eine so dumme Sache versiegen lassen.

Etwa 300 Meter weiter, an der Ecke zum Heinrich-Sense-Weg, gab es das Lebensmittelgeschäft Kiel. Kiel war ein Filialbetrieb aus Gelsenkirchen, der auch in Essen eine Reihe Geschäfte betrieb. Und Kiel gehörte zu den ersten Unternehmen, die diverse Produkte mit einer hauseigenen Marke vertrieben. Ähnlich wie bei Arning bekam man hier alles, was man für den täglichen Bedarf benötigte, nur war bei Kiel das Sortiment wesentlich breiter gefächert.

Natürlich gab es in Kray nicht nur Geschäfte, die Produkte für das leibliche Wohl vertrieben. Da gab es zum Beispiel die Elektrogeschäfte Kooth in der Hubertstraße (die guten Leute tauften sie wegen ihres Namens in Kacke um: „Ich geh ma‘ eben nach Kacke.“), Stumpe auf der Krayer Straße und Passmann im Tempelhof (Passmann betrieben im Heinrich-Sense-Weg noch ein Fachgeschäft für Fahrräder und Fahrradbedarf). Diese drei Läden waren auch bei jugendlichen Konsumenten sehr gefragt, weil sie für einen Jugendlichen das WICHTIGSTE überhaupt im Sortiment hatten: Schallplatten!

Die Jüngeren, die sich noch nicht für Popmusik interessierten, widmeten ihre Aufmerksamkeit den Spielwarenläden von Franz und Müller. Franz war vor allem bei den Jungs besonders geschätzt, lag der Schwerpunkt des Sortiments von Franz bei Modellautos und -eisenbahnen. Aber auch für Liebhaber von Puppen, Gesellschaftsspielen oder sonstigen Sachen, die das kindliche Leben ins Gleichgewicht brachten, war dieses Geschäft die ideale Anlaufstation. Ebenfalls reichhaltig war das Angebot bei Müller, auch wenn der Laden beim ersten Besuch einen eher sagen wir mal rustikalen Eindruck machte. Zwei ältere Damen betrieben das Geschäft und im Geschäftsraum sah es stets so aus, als würde er sich in einer Dauerinventur befinden. Trotzdem, die beiden alten Damen haben im Chaos immer das gefunden, was man wollte. Nebenbei verkauften sie auch noch Schreibwaren und Schulbücher. Wenn man zum neuen Schuljahr von der Schule seinen Gutschein für die Schulbücher bekam, war man gut beraten, nach Müller zu gehen. Dort gab es nicht eine solch lange Wartezeit wie im Buchhandel Erdelmann auf der Krayer Straße, Ecke Kamblickweg.

Gegenüber von Spielwaren Müller gab es das Haushaltswarengeschäft Klipper. Parallele zu Müller, auch hier wurde der Laden von zwei älteren Damen betrieben. Das war aber auch die einzige Parallele zu Müller, denn während es in dem Spielwarengeschäft wie Kraut und Rüben aussah, herrschte im Geschäft von Klipper kaufmännische Ordnung. Hier bekam man alles, was das tägliche Leben so erleichterte, vom Abfalleimer bis zur Zitronenpresse. Knapp 100 Meter weiter gab es mit Gürtzgen ein weiteres Haushaltswarengeschäft. Gürtzgens Sortiment war wesentlich breiter gefächert als das von Klipper, denn hier gab es ein breites Sortiment an Heimwerkerbedarf.

Erwähnenswert sind auch noch das Schuhgeschäft Burgmer, das Textilhaus Werk und das Seifenhaus Dietrich. Letzteres Geschäft stand vor allem bei den Mädchen hoch im Kurs. Nicht vergessen möchte ich das Musikaliengeschäft Ismael. Hier konnte sich meine Schwester Monat für Monat mit der neuesten Ausgabe von „Top“ eindecken. In diesen Heften gab es die Texte aktueller Tophits und so konnte man all die schönen (?) Lieder mühelos mitsingen.

Die Auswahl an Geschäften in Kray ist immer noch groß, doch den Großteil der oben aufgeführten Geschäfte gibt es nicht mehr. Ob zum Vor- oder Nachteil des Krayer Konsumenten, das Urteil darüber bleibt dem Betrachter selbst überlassen.

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014