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Einmal ein Star sein

Welcher Jugendlicher träumt nicht davon über Nacht ein Star zu werden und von Millionen umschwärmt zu werden. Heute geht man in Castingshows und stellt sich einer sogenannten Fachjury, die eigentlich noch untalentierter und unbegabter ist als man selber. Dort trifft dann Not (Selbsternannte Talente) auf Elend (Fachjury). Viele Teilnehmer sind so gnadenlos untalentiert, daß es selbst den Juroren die Sprache verschlägt und sie die Gewißheit bekommen, daß ihr mangelndes Talent einst ausgereicht hat, um populär zu werden.

Heute bekommt man genügend Plattformen, um in kürzester Zeit populär zu werden. Wie war das früher? Da gab es eigentlich die gleichen Plattformen, wenn auch in einem anderen, wesentlich bescheideneren Rahmen. Es gab lokale Talentwettbewerbe, auf denen sich zahlreiche Leute tummelten, die meinten, sie wären talentiert. Wenn sie Glück hatten, befand sich im Publikum ein bekannter Produzent, der ihnen dann den begehrten Plattenvertrag überreichte. Oder man bewarb sich im Fernsehen beim „Talentschuppen“, eine Art prähistorischer Vorläufer der Castingshows der Gegenwart. Allerdings traten hier Leute auf, die wirklich über Talent verfügten und einige von ihnen sind noch heute im Geschäft wie z.B. Juliane Werding, Bernd Clüver oder Michael Schanze.

Aber nicht nur eine Gesangskarriere bietet die Möglichkeit schnell bekannt zu werden und eine Menge Geld zu verdienen, auch eine Schauspielkarriere ist erstrebenswert. Und auch hier bietet sich die Möglichkeit, ohne eine entsprechende Ausbildung ein Star zu werden. Viele große Filmstars haben es vorgemacht, daß man auch eher zufällig oder durch die Hintertür zum Star werden kann. Im Gegensatz zur Singerei ist hier allerdings ein gewisses Maß nach Talent notwendig.

Anfang 1976 las ich im Lokalteil der hiesigen Tageszeitung, daß die Produzenten des Essener Tatort einen Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren suchten. Ich war zu diesem Zeitpunkt zwar schon fast 16 Jahre alt, fand aber, daß ich für diese Rolle wie geschaffen sei (obwohl ich gar nicht wußte, worum es in dieser Tatort-Episode überhaupt ging). Ich rief die angegebene Telefonnummer an und meldete mich zum Casting an. Dieses fand in einem Hotel statt. Ich war überrascht, wie viele jugendliche Möchtegernstars zu diesem Termin erschienen. Wir bekamen erst einmal ein Skript, auf dem in groben Zügen die Handlung der Tatort-Episode beschrieben war. Sie hieß „Fortuna III“ und handelte von dem zwölfjährigen Paul Starczik. Sein Vater war Platzwart des Geländes des Sportvereins Fortuna 3, wo er nebenbei gemeinsam mit seiner erwachsenen Tochter die Vereinsgaststätte betriebt. Da er alleinerziehender Vater war, konnte er sich nicht entsprechend um Paul kümmern. Paul war ein permanenter Schuleschwänzer und nutzte seine Freiheiten für diverse kriminelle Aktivitäten wie kleine Ladendiebstähle oder Automatenknacken. Früher hatte er einen Freund, doch seit einiger Zeit lebte dessen Familie in Australien. Eines Tages wurde er Zeuge, wie sein zukünftiger Schwager Jul auf dem alten Zechengelände eine Kellnerin seines Vaters nach einer mißglückten Vergewaltigung versehentlich tötete. Da Paul auf dem Gelände seinen Unterschlupf hatte, ahnte der ermittelnde Kommissar Haferkamp, das Paul mehr wusste, als er zugab.

Damit sich die Produzenten von uns ein Bild machen konnten, mußten wir einen Fragebogen mit Angaben zu unserer Person ausfüllen. Diesen füllte ich nach besten Wissen und Gewissen aus. Wenn ich gewußt hätte, daß das Alter das alles entscheidende Kriterium war, hätte ich mich um zwei oder drei Jahre jünger gemacht. Nun, hinterher ist man immer schlauer.

Wie alle anderen anwesenden Jungs war auch ich der Meinung, daß ich für die Rolle des Paul wie geschaffen sei. Ich wurde auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Nach und nach wurden die angehenden Fernsehstars in einen kleinen Raum gebeten. Irgendwann, nach fast dreistündigen Warten kam ich endlich an der Reihe. Ich gab einer Frau den Fragebogen, sie gab mir einen Zettel, auf der zwei Sätze standen. Vor einem langen Tisch saßen fünf Männer. Einer sagte zu mir, ich solle doch einmal die beiden Sätze vorlesen, die auf den Zettel stehen, und ich solle das so natürlich wie möglich machen. Ich hatte mir die beiden Sätze gut gemerkt und lieferte eine höchst dramatische Vorstellung ab. Anschließend wurde ich gefragt, ob ich die Tatorte mit Hans-Jörg Felmy mochte. Ich hätte sagen können, daß sie mir außerordentlich gut gefielen und daß das die einzigen Krimis im Fernsehen sind, die ich mir anschaue. Ich blieb aber bei der Wahrheit und sagte, daß ich sie eigentlich stinklangweilig finde. Einer der Männer fand, daß ich mit meinen fast 16 Jahren vielleicht etwas zu alt für die Rolle des Paul wäre, doch ich entgegnete ihm, daß viele Schauspieler Rollen spielen würden, die ihrem tatsächlichen Alter nicht entsprechen würde. Als Beispiel nannte ich Hansi Kraus, der um 1973 immer noch den Pennäler aus der Abiturklasse spielte, obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon über 20 Jahre alt war. Und außerdem wäre es doch egal, ob ein Zwölfjähriger oder ein fast Sechszehnjähriger den zwölfjährigen Paul spielen würde. Letztendlich wäre doch entscheidend, wie glaubwürdig der Darsteller diese Rolle spielt. Die Männer berieten sich kurz, dann sagte ein Mann mit einer Brille, ich solle im Nebenraum Platz nehmen. Das tat ich dann auch. Dort saßen schon zwei Jungs, die ich begrüßte, die mich aber sehr kritisch beäugten. Ich merkte, ich hatte bei den Produzenten Eindruck gemacht und war in die engere Auswahl gekommen. Wie eben die beiden Jungs, die mich als Konkurrenten ansahen. Ein weiterer Junge kam nicht hinzu, und nach etwa zwei Stunden des Wartens kam der Mann mit der Brille und sagte uns, daß wir in die engere Auswahl gekommen wären. Morgen würde noch ein zweites Casting stattfinden und wir in den nächsten Tagen einen Termin zu einem zweiten Vorsprechen bekommen würden.

Tatsächlich, drei Tage meldete sich die Produktionsgesellschaft bei mir. Allerdings hatten sie sich anderweitig entschieden. Natürlich war ich enttäuscht, war meine Fernseh- und Filmkarriere schon beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Sie hatten sich für einen Jungen namens Oliver Urlichs entschieden, der die Rolle des Paul wirklich vorzüglich spielte, auch wenn ich damals der Meinung war, daß ich bestimmt besser gewesen sei. Obwohl der Junge nach der Ausstrahlung von „Fortuna III“ am 07. Juni 1976 von der hiesigen Presse mit viel Lob für seine Darbietung bedacht wurde, blieb dieser Auftritt wohl sein einziger Ausflug in die Schauspielerei. Nach „Fortuna III“ habe ich nie wieder etwas von ihm gehört.

„Fortuna III“ war ein recht guter, wenn auch etwas behäbiger Krimi. Gemessen an vielen anderen Tatorten jener Zeit und den Krimiserien im ZDF wie „Der Kommissar“ oder „Derrick“ war der Film allerdings außergewöhnlich spannend, gewürzt mit leicht sozialkritischen Aspekten. Die Außenaufnahmen fanden u.a. auf der Anlage „Am Lindenbruch“, der Heimat der Sportfreunde Katernberg, dem Gelände der ehemaligen Zeche Ludwig in Rellinghausen, dem Katernberger Markt und dem Duisburger Hafen statt. Wie in allen Haferkamp-Krimis (wie auch später in den Schimanski-Filmen mit Götz George) wurde hier kein Klischée vom dreckigen und tristen Ruhrgebiet ausgelassen.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014