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Einsam sind die Tapferen

Auch in den 70er Jahren stand der Fußball bei den Jungen an erster Stelle, war er doch ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens, ja fast eine Weltanschauung. Die erste Hälfte dieses Jahrzehnts war beherrscht vom Zweikampf zwischen dem FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Klar, daß diese beiden Vereine bei den Fußballbegeisterten in Kray ganz oben in der Beliebtheit standen. Allerdings gab es einen Verein, der noch höher in der Gunst stand, und zwar der FC Schalke 04 aus dem benachbarten Gelsenkirchen. Schalke hatte im Gegensatz zum FC Bayern und Mönchengladbach den Vorteil, daß die Glückaufkampfbahn und wenig später das schmucke Parkstation schnell erreichbar waren. Außerdem war S04 zu Beginn der 70er Jahre dank seiner 7 Meisterschaften und 2 Pokalsiege um einiges erfolgreicher als die beiden aufstrebenden Vereine vom Niederrhein bzw. aus Bayern.

Ach ja, in Essen gab es auch einen Verein, der zwischen 1966-1977 immerhin 7 Jahre in der Bundesliga mitmischte. Die Rede ist von Rot-Weiß Essen, dem liebenswerten Verein von der Bergeborbecker Hafenstraße. Aber den mochte, zumindestens in meinem Umfeld, niemand so recht. Da half auch nicht die Tatsache, daß in den 50er Jahren Helmut Rahn, einer der besten deutschen Fußballer aller Zeiten (das muß an dieser Stelle einmal ausdrücklich erwähnt werden!), für die Rot-Weißen die Fußballstiefel geschnürt hatte. Allein die Tatsache, daß S04 sieben Mal Meister und RWE „nur“ einmal - 1955 - die begehrteste deutsche Fußballtrophäe gewonnen hatte, machte die Essener Rot-Weißen für meinen Bekanntenkreis uninteressant. Mir war das egal, als gebürtiger Essener war (und ist) es selbstverständlich, den Rot-Weißen die Stange zu halten. Aus meiner Vorliebe für RWE habe ich nie einen Hehl gemacht, und deshalb haben meine Bekannten aus der großen Schalkefraktion nichts unversucht gelassen, mich „auf den rechten Weg“ zu bringen. Meine Freunde Harry und Wolfgang haben mich schließlich überredet, mit ihnen das eine oder andere Bundesligaspiel von Schalke zu besuchen (vorausgesetzt, RWE hatte zu diesem Zeitpunkt kein Heimspiel), aber anfreunden konnte ich mich mit dem FC Schalke 04 nie. Zwar hatten sie ab 1973 mit dem Parkstadion die wesentlich attraktivere Spielstätte als Rot-Weiß, doch eine solch einmalige Atmosphäre wie die Fans in der Westkurve und auf der Tribüne stellten die Schalker Sportfreunde nicht ansatzweise auf die Beine. Ich habe alles versucht, um mich mit Schalke anzufreunden. Fiel ein Tor für die Blau-Weißen, habe ich die Arme nach oben gerissen und versucht, mich über den Treffer zu freuen. Bei dem Versuch, mich über einen Schalker Treffer zu freuen, blieb es allerdings auch, denn der blau-weiße Funke wollte einfach nicht auf mich überspringen. Ganz anders sah es aus, wenn ich die Heimspiele von RWE aus der Westkurve heraus beobachtete. Da habe ich richtig mitgefiebert und die Freude über rot-weiße Treffer waren nicht gespielt. Zu den Heimspielen von Rot-Weiß hat mich von meinen Freunden und Bekannten nur selten einer begleitet, außer, wenn Schalke oder die Münchner Bayern kamen. Diese Mißachtung meines Vereins durch meinen Bekanntenkreis hat mich nie gestört, denn einsam sind die Tapferen.

Halt, einer fällt mir doch ein, der eines Tages regelmäßig die Heimspiele an der Hafenstraße besuchte. Detlef hieß er und war ein „beinharter“ Schalkefan. Detlef spielte selber Fußball und war wie ich Mitglied bei Kray 04. Er war sehr talentiert, und unser Trainer meinte, aus Detlef könnte was werden. Die Einschätzung des Trainers stieg dem nicht gerade mit viel Intelligenz ausgestatteten Detlef arg zu Kopf und er meinte, einer großen Karriere bei Schalke stehe nun nichts mehr im Wege. So wechselte er 1975 von Kray 04 zu Schalke 04 und glaubte schon, daß seine weitere Karriere ein Selbstläufer sein würde und es nur eine Frage der Zeit ist, wann er sein erstes Bundesliga- und Länderspiel machen würde. Leider hat sich der gute Detlef ein klein wenig selbst überschätzt und übersehen, daß zu einer großen Karriere nicht nur Talent, sondern auch viel hartes Training und sehr viel Disziplin gehört. Letztere Eigenschaften fehlten Detlef völlig und so wurde er bereits ein Jahr später bei der B-Jugend vom FC Schalke wieder ausgemustert. In seiner grenzenlosen Wut vernichtete er all seine Schalkedevotionalien und wechselte ins rot-weiße Fanlager über. Diesen Schritt wird Detlef mit Sicherheit nicht bereut haben.

Da mir Fußball damals besonders gut gefallen hat und ich am Wochenende davon einfach nicht genug bekommen konnte, besuchte ich sonntags die Heimspiele vom ETB Schwarz-Weiß Essen am Uhlenkrug (zwischen 1974-1978 trugen sie ihre Heimspiele im schmucken Grugastadion aus). Schwarz-Weiß war damals noch zweitklassig und ihre Heimspiele waren damals wie heute jederzeit einen Besuch wert. Die Tatsache, daß ich auch noch zu Schwarz-Weiß Essen ging, löste bei meinen Freunden Unverständnis und allenfalls ein müdes Lächeln aus. Es war ja schon schlimm genug, wenn einer freiwillig zu Rot-Weiß Essen ging? Aber Schwarz-Weiß Essen? Wie dem auch sei, am Uhlenkrug und einige Jahre später im Grugastadion habe ich viele schöne Spiele gesehen.

Nicht nur wir Jungs interessierten uns für Fußball, auch viele Mädchen konnten dieser Sportart etwas abgewinnen. Allerdings interessierten sie sich weniger für das Spiel, als vielmehr für das Aussehen einiger Kicker. Helmut und Erwin Kremers, Günter Netzer (der allerdings vom Aussehen eher zu den Rolling Stones als zum bieder wirkenden VFL Borussia Mönchengladbach gepaßt hätte), Paul Breitner und, mit Abstrichen, Uli Hoeneß standen besonders im Fokus der Mädels, die bei der bloßen Erwähnen des Namens ihres Lieblings schwärmerisch die Augen verdrehten.

Ein besonderes Ereignis für uns war die Fußballweltmeisterschaft 1974 im eigenen Land. Das Sahnehäubchen war, als wir erfuhren, daß der amtierende Weltmeister im Hinblick auf seine Spiele in Gelsenkirchen und Dortmund am Uhlenkrug in Stadtwald seine Trainingseinheiten absolvierte. Klar, da mußten wir dabei sein, um die Brasilianer beim Training zu beobachten. Vielleicht konnten wir uns ja einige geniale Tricks bei den Ballzauberern vom Zuckerhut abschauen. Als wir schließlich den Uhlenkrug erreicht hatten, folgte die Ernüchterung. Rund um das Stadion waren meterhohe Bretterzäune aufgebaut, so daß ein Zuschauen unmöglich war. Die Brasilianer hatten die Ereignisse von München vor zwei Jahren noch vor Augen und wollten eventuellen Terroranschlägen vorbeugen. Sicher, der Kluge baut vor. Aber welche arabische Terrorist hat schon ein Interesse an brasilianischen Fußballern? Wir haben uns dann eben anderweitig für die Enttäuschung entschädigt. Im Laufe der Vorrunde gab es das Spiel Jugoslawien gegen Zaire im Gelsenkirchener Parkstadion. Es wurde befürchtet, daß sich bis auf einige tausend jugoslawische Gastarbeiter kaum ein Mensch für dieses Spiel interessieren würde und so gab es als Anreiz zum Besuch dieses Spiels einen Einheitspreis von 5 DM auf allen Plätzen (heute undenkbar). Der Besuch dieses Spiels hat sich gelohnt. Zum einen gab es mit den Jugoslawen eine der besten Mannschaften Europas (mit ihrem Star Branco Oblak) und zum anderen haben wir 9 Tore gesehen (9:0 für Jugoslawien). Wie gut die Jugoslawen waren, zeigt ihr Spiel in der Finalrunde gegen die Bundesrepublik Deutschland, das sie nur knapp verloren. Hätten die Jugoslawen dieses Spiel gewonnen und wären wenig später ins Endspiel gekommen, so wäre das bestimmt nicht unverdient gewesen.

Natürlich haben wir uns mit dem Zuschauen von Spielen nicht begnügt, selbstverständlich haben wir auf dem Hinterhof auch selber gespielt. Da hatten wir die freie Wahl, welcher Spieler wir sein wollten. Obwohl, jeder wollte Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Paul Breitner, Günter Netzer, Uli Hoeneß, Wolfgang Overath, Jupp Heynkes, Bernd Hölzenbein oder Johann Cruyff sein. Die Namen waren schnell vergeben, und es gab nicht selten Streit bei der Namensvergabe. Ich hatte da nie Probleme, weil ich mich immer für Willy Lippens entschieden habe. Bei den Bolzereien ging es stets hoch her. Nur so viel sei gesagt, wenn die bevorzugten Asse so gespielt hätten wie wir, so wären sie höchstens zu Einsätzen in der B-Kreisklasse berufen worden. Im Zuge der WM 1974 trugen wir natürlich auch „Länderspiele“ aus. Das bevorzugte Spiel hieß Deutschland gegen Brasilien. Um beide Mannschaften auseinanderhalten zu können, schlug ich vor, daß die Spieler für Brasilien zwecks besserer Erkennung sich mit dunkler Schuhcreme einschmieren sollten. Ob unser Gegner nun hellhäutig oder dank der Schuhcreme rabenschwarz war, genutzt hat es ihnen nichts, denn verloren haben die „Brasilianer“ immer.

Auf eine sehr interessante Variante des Fußballballspiels kam mein Freund Harry, ein nicht gerade mit hohen intellektuellen Fähigkeiten ausgestatteter Mensch. Er erfand das wunderschöne Spiel mit dem wohlklingenden Namen „Fottball“. Bei diesem Spiel lagen oder hockten bis zu sechs Spieler auf dem Boden. Die Aufgabe des ballbesitzenden Spielers lag nun darin, die am Boden befindlichen Mitspieler mit dem Ball am Allerwertesten („Fott“) zu treffen. War das geschehen, war der an der besagten Körperstelle getroffene Spieler an der Reihe. Den meisten Mitspielern hat „Fottball“ eine Menge Spaß bereitet und Harry, der geistige Urheber, war ganz stolz auf seine bahnbrechende Erfindung. Nun, wer so geniale Erfindungen macht, der wird es im Leben weit bringen.

Nun, die Zeit vergeht. Der Fußball hat sein Gesicht in den letzten 30 Jahren stark verändert. Strahlten viele deutsche Vereine noch in den 70er Jahren einen Hauch von Gemütlichkeit und Provinzialität aus, so sind sie mittlerweile mehr oder minder kleine bis mittlere Wirtschaftsunternehmen, deren einziges Ziel es ist, Profit zu machen. Finanzierten sie sich früher hauptsächlich durch die Zuschauereinnahmen, so sind ihre Haupteinnahmequellen heute Fernsehgelder, Merchandising und die Werbung. Auch der Jugendfußball hat sein Gesicht stark verändert. Bis in die 70er Jahre hinein lebte der deutsche Fußball von Kickern, die ihren Sport auf der Straße und den Hinterhöfen ihr „Handwerk“ erlernt haben. Heute wird mehr Wert auf sogenannte Fußballinternate gelegt, wo künstlicher Nachwuchs herangezogen wird. So kommt es nicht selten vor, daß ein 16jähriger Nachwuchskicker heute mehr kostet als wie die gesamte Meisterschaft des FC Bayern München von 1972. Und bevor ein Bundesligist einem talentierten Nachwuchsspieler eine Chance gibt, holen sie sich für das drei- oder vierfache Geld lieber einen drittklassigen Kicker aus Brasilien, weil den Brasilianern immer noch der Ruf der Ballkünstler anhaftet. Ja, ja, das liebe Geld ...
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014