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Gaumenfreuden oder Kulinarische Leckereien "Made in Kray"

Für einen knapp 10jährigen ist der Besuch einer Imbißstube eine aufregende Sache, vor allem dann, wenn er das zum ersten Mal macht.

Meine ersten kulinarischen Erlebnisse hatte ich in der Imbißecke im Lebensmittelmarkt Strothenke im Tempelhof am Nordbahnhof. Kurz zuvor war Strothenke von der Hubertstraße in das ehemalige Kino gezogen. Für den Betreiber des Marktes war dieser Umzug ein echter Quantensprung, denn in der Hubertstraße betrieb er seinen Markt in den Kellerräumen unterhalb der Deutschen Bank. Das Ladenlokal im Tempelhof war um einiges größer und als Kundenmagnet richtete der Geschäftsinhaber eine Imbißecke ein, die sich recht bald als echte Goldgrube für ihn erweisen sollte. Hier bekam man all die Leckereien, die das Herz eines jeden Vorstadtgourmets höher schlagen ließ: Pommes Frites, Schaschlikspieß, Bratwurst, Bockwurst, Currywurst, Frikadellen, Grillhähnchen, Mettbrötchen, Erfrischungsgetränke jeder Art, Kaffee und Kuchen. Und all diese Köstlichkeiten gab es zu einem äußerst günstigen Preis. Für meine erste Portion Pommes Frites mit Schaschliksauce zahlte ich gerade einmal 50 Pfennig. Und für 30 Pfennig bekam man einen großen Becher Kaffee. Zwar bezahlte man schräg gegenüber bei Tchibo für eine Tasse Kaffee genau soviel, dafür bekam man aber bei Strothenke fast die doppelte Menge an Kaffee.

Einmal bei Strothenke auf den Geschmack gekommen, suchte ich nun auch die anderen Imbißstuben der Umgebung auf. Erste Anlaufstation war die Imbißstube in der Hubertstraße zwischen den Gaststätten „Zur Brücke“ und „Schweres“. Allerdings konnte diese Imbißbude vom Preis und von der Qualität der Produkte mit Strothenke nicht mithalten. Hinzu kam, daß für die Inhaberin Begriffe wie etwa Freundlichkeit Fremdwörter bzw. „Böhmische Dörfer“ waren. Man konnte ihren Laden betreten wann man wollte, stets war die gute Frau mürrisch und schlecht gelaunt. Und wehe dem, der seine Bestellung nicht gleich komplett aufgegeben hatte, dann wurde sie gar biestig. Wenn man nun mal unbedingt Pommes Frites essen wollte und keine Lust hatte nach Kray hineinzugehen, dann blieb einem wohl oder übel nichts anderes übrig, als den Laden dieser Frohnatur aufzusuchen.

So um 1973 kam mir dann der Name „Balkanstübchen“ zu Ohren. Meine Schwester erzählte mir von dem Laden am Krayer Markt. Voller Stolz berichtete sie, daß sie dort zusammen mit ihrer Freundin Maria Cevapcici gegessen hatte, wohl wissend, daß ich nicht wußte, was das überhaupt war. So neugierig wie ich nun mal war, wollte ich unbedingt wissen, um was es sich bei diesem ominösen Schebaschischi handelte. Von der Neugierde getrieben betrat ich eines schönen Nachmittags zusammen mit meinem Freund Michael das „Balkanstübchen“. Da es früh am Abend war, war das Lokal noch relativ spärlich besucht. Herr Kolina, der Inhaber, begrüßte uns freundlich. Die Räumlichkeiten des „Balkanstübchen“ waren ein ehemaliges Milchgeschäft. Das Ladenlokal nutzte Herr Kolina als Verkaufsraum, den ehemaligen Lagerraum nutzte er als kleines Restaurant. Wenn man sein Restaurant betrat, war das so, als betrete man eine andere (gastronomisch-kulinarische) Welt. Michael und ich setzten uns an einen Tisch und der aufmerksame Herr Kolina nahm unverzüglich unsere Bestellung, natürlich Cevapcici, entgegen. Wenige Minuten später servierte er uns zwei Teller mit dieser kulinarischen Leckerei. Da stand es nun vor uns, das Objekt unserer Begierde: jeweils ein Teller, prallgefüllt mit Pommes Frites, 6 Fleischröllchen und Krautsalat. Auf den Pommes Frites gab es Herrn Kolinas Spezialsauce, die seine Kunden in Verzückung geraten ließ. Nun konnten Michael und ich uns hemmungslos den Gaumenfreuden hingeben. Nach diesem unendlich köstlichen Mahl waren wir uns einig, daß es wohl nichts auf der Welt gibt, was wohl besser schmecken könnte als Herrn Kolinas Cevapcici. Und egal, wann man ins Balkanstübchen kam, ob Hochbetrieb war oder wenig zu tun: die Kolinas waren immer gleichbleibend freundlich, und man fühlte sich jederzeit willkommen.

Natürlich gab es für die Gourmets in Kray noch weitere Anlaufstationen, wie z.B. das „Steak-Haus“ in der Krayer Straße. Der Name „Steak-Haus“ war etwas hochgegriffen, denn das Angebot an Steaks bestand lediglich aus einem Hacksteak mit verschiedenen Saucen, und teuer war der Laden obendrein. Im Schnitt lagen die Preise ihrer Produkte 30-40 Pfennige über denen der Konkurrenz. Trotzdem ließen sich die Leckermäulchen der Umgebung es sich nicht nehmen, das „Steak-Haus“ zu frequentieren. Wer auf sich hielt, der ging halt ins „Steak-Haus“, frei nach dem Motto „Sehen und gesehen werden“. Meine Schwester hatte mir von einem Besuch in diesem Lokal abgeraten, weil sie und ihre Freundin Angela von dem Ambiente, der Qualität der Speisen und vor allem der hohen Preise nicht sonderlich angetan waren. Ein kleiner Bruder hört halt auf den Rat seiner großen Schwester, weil diese doch immer recht hat (?).

Um 1974 gab es am Krayer Markt, Heinrich-Sense-Weg/Ecke Joachimstraße, in einer ehemaligen Drogerie den „Nikolaus-Grill“. Die Preise im „Nikolaus-Grill“ waren akzeptabel, auch wenn die Qualität der Speisen eher etwas für bescheidene Ansprüche waren und ihr Angebot nicht über das übliche Niveau hinausgingen. Den „Nikolaus-Grill“ nahm man höchstens dann in Anspruch, wenn man keine Lust hatte, im „Balkanstübchen“ auf seine Portion Pommes Frites lange zu warten.

In den Sommermonaten interessierte man sich besonders für die Eiscafés. Erste Anlaufstation war „Pedro“ am Krayer Markt. Hier gab es ein vielfältiges Angebot an diversen Eissorten. Für gerade mal 1 D-Mark bekam man einen prallvollen Eisbecher mit ordentlich Schlagsahne obendrauf. Wenn man mal einem Mädchen imponieren wollte (vorausgesetzt, man war im entsprechenden Alter und interessierte sich für diese entzückenden Geschöpfe), dann lud man sie halt zu einem Eis bei Pedro ein. Für uns Jungs lohnte sich ein Besuch des Eiscafés deshalb, weil im Hinterzimmer ein Flipperautomat stand. Deshalb war der Eisgenuß nur sekundär.

An der Ecke Krayer Straße, Ecke Joachimstraße gab es ein Eiscafé, das, wenn man es betrat, eine eher düstere Atmosphäre ausstrahlte. Dementsprechend war auch die Klientel, die dieses Eiscafé regelmäßig aufsuchte, eher den Hinterbänklern der Umgebung zuzuordnen. Zu fünft saßen sie an einem Tisch und vergnügten sich an einem Eis. Ihr Interesse galt mehr der Musikbox, die mit den allerneuesten Hits gefüllt war.

Unvergänglich scheint das Eiscafé in der Krayer Straße gegenüber dem Blittersdorfer Weg zu sein. Seit über 40 Jahren erfreut es die eissüchtigen Krayer. Und das nicht zu Unrecht, denn was die liebenswerten italienischen Betreiber an Eisspezialitäten zu bieten haben, ist schon allererste Sahne (*mmmmhhmmmm).

Direkt am Anfang des Heinrich-Sense-Wegs, direkt vor der Autobahn, gab es das Eiscafé Hugo. In einer ehemaligen Metzgerei betrieben Hugo und seine Frau ihre Eiskonditorei. Wie Pedro fuhr auch der dicke Hugo mit seinem Eiswagen durch die Gegend und erfreute die eisliebenden Kinder mit seinen Leckereien. Hielten er oder Pedro an ihren bevorzugten Haltestellen an und ließen ihre Klingeln ertönen, wurden die Kinder ganz rappelig und nervös. Sofort ertönte „Mama! Mama! Haste ma fuffzig Pfennige?!“. Kriegten die kleinen Quälgeister nicht augenblicklich ihren Willen, flossen bittere Tränen, und die Luft war erfüllt mit herzzerreißendem Kinderweinen. Interessant bei Hugo waren seine Eishörnchen, die die Form eines Bechers hatten.

Auch Bertram aus dem Blittersdorfer Weg fuhr in den Sommermonaten seine Runden. Seinem Eis eilte ein unter den Kindern geradezu legendärer Ruf voraus. Obwohl, viel besser als das Eis der Konkurrenz schmeckte es auch wieder nicht.

Die kulinarische Szene in Kray hat sich in den letzten 30 Jahren sehr verändert - ob zum positiven oder zum negativen -, bleibt dem Betrachter überlassen. Was bleibt, sind die Erinnerungen an längst vergangene Zeiten der ersten kulinarischen Erfahrungen. In diesem Sinne: „Wohl bekommt’s!“
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014