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Gehn wa anne Bude

Um den täglichen Bedarf an Lebensmitteln oder anderen lebensnotwendigen Sachen zu decken, bedarf es nicht unbedingt der großen Geschäfte. Eine echte Alternative außerhalb der Geschäftszeiten bzw. an Sonn- und Feiertagen bieten die Kioske bzw. Trinkhallen, im korrekten Ruhrdeutsch auch Bude genannt. Bude deshalb, weil es sich bei diesen Verkaufseinrichtungen meist um einzelnstehende, barackenartige Gebäude handelt. Hier bekommt man im Notfall (fast) alles, was man in den Supermärkten vergessen hat: Von der Ananas in der Dose bis zur Zeitung.

Und eine Bude ist nicht irgendeine Verkaufseinrichtung, nein, sie ist meist auch ein Treffpunkt, Nachrichtenzentrale für den neuesten Klatsch und eine beliebte Anlaufstelle für fröhliche Zecher. Letzteres deshalb, weil man hier für weitaus weniger Geld wesentlich mehr Alkohol konsumieren kann und wenn es sein muß, auch anschreiben lassen. Außerdem ist der Alkoholgenuß an der frischen Luft, bei Wind und Wetter, wesentlich „gesünder“ als ein stundenlanger Aufenthalt in einer verrauchten Wirtschaft. Aber nicht nur durstige Kehlen kommen an der Bude auf ihre Kosten, auch Kinder bekommen beim umfangreichen Angebot an Süßwaren leuchtende Augen.

Rings um die Lunemannsiepen gab es in früheren Zeiten ein recht großzügiges Angebot an Buden. Da war zuerst einmal Urban in der alten Hausmannstraße (jetzt heißt sie Dorstfelder Straße), Ecke Vierhandbank. In ihren besten Zeiten erwies sich diese Lokalität für das Ehepaar Urban als echte Goldgrube, ein Klondyke-River an der gerade entstehenden Bundesstraße 1. Der Standort war nahezu genial, denn zum einem hielt an ihrem Geschäft direkt die Straßenbahn und zum anderen war direkt gegenüber das Werkstor von Buderus. Bei Schichtwechsel konnten Wilhelm Urban und seine Frau den Ansturm an durstigen Kehlen kaum bewältigen. Ihre Bude lief so gut, daß sie gleich nebenan noch einen kleinen Lebensmittelladen betrieben. Die durstigen Kehlen von Buderus hatten die Auswahl zwischen Stern-Export, Wicküler und Essener Kronen. Letzteres Bier - aus der Kronen-Brauerei in Borbeck, der heutigen Dampfbierbrauerei - stieß vor allen bei denjenigen auf ein starkes Interesse, die entweder knapp bei Kasse waren oder von ihren Ehefrauen (aus guten Gründen) knapp gehalten wurden. Kein Wunder, kostete eine Flasche Essener Kronen gut 15 Pfennige weniger als Stern oder Wicküler. Auch der ein oder andere Flachmann (im Volksmund Schoppen genannt) oder vergötterte Doornkaat sorgten dafür, daß die durch die Hochöfen verursachte Hitze aus den Körpern verschwand (?). Wer hungrig war, der konnte seinen ärgsten Hunger mit einem Rollmops, einem Brathering oder Gewürzgurke stillen. Während die zechfreudige Kundschaft hier voll auf ihre Kosten kam, war das Angebot an Waren für die Kinder eher bescheiden. Man konnte sich zwar mit Kaugummis, Schokolade, Brausewürfel und einem begrenzten Sortiment an Bonbons und in den Sommermonaten mit diversen Speiseeisspezialitäten eindecken, aber das Angebot war halt, wie schon gesagt, recht begrenzt. Einen ersten Rückschlag erlebten die Urbans, als in späten 50er Jahren die Bundesstraße 1, damals noch Dortmunder Straße genannt, fertiggestellt war und folglich die Straßenbahn nicht mehr an ihrem Geschäft hielt. Aber diesen Verlust konnten sie noch verkraften, konnten sie sich auf die durstigen Kehlen von Buderus verlassen. Als Buderus sein Werk 1972 schloß, traf dieser Verlust die Urbans wie ein Schlag. Danach war nichts mehr so, wie es einmal war. Der „Goldrausch“ war vorbei und bis zu ihrem Ende lebten sie ausschließlich von ihrer treuen Stammkundschaft. Jeder Stammkunde, der aus dem Viertel wegzog, war für die Urbans so, als wenn man jemanden nach und nach ein Körperteil nach dem anderen amputieren würde. Kein Wunder, daß sie nach der Schließung von Buderus ihren Lebensmittelladen aufgaben und sich nur auf ihre Trinkhalle, die sie kurze Zeit später verkleinerten, konzentrierten.

Eine andere Anlaufstation für durstige Kehlen war Doorndorf in der Dorstfelder Straße, Ecke Lunemannsiepen. Hier trafen sich nach Schichtende die Kumpels von der Zeche Katherina, die in der Lunemannsiepen und in der Dorstfelder Straße wohnten. Doorndorf spezialisierten sich in erster Linie auf Bier, gängige Spirituosen und Erfrischungsgetränke, Tabakwaren, Zeitschriften und einige wenige Lebensmittel. Süßwaren gab es dort zwar auch, doch war ihr Angebot nicht groß der Rede wert.

Eine sehr interessante Bude war die in der Hubertstraße, Ecke Vierhandbank. Neben dem üblichen verdächtigen Warenangebot hatte sie für die Kinder ein recht attraktives Sortiment von Bonbons zu bieten. In großen Plastikdosen boten sie mindestens ein Dutzend Sorten voller Köstlichkeiten an. Für einen halben Pfennig (!) bekam man einen Silberling (fromme, bibeltreue Menschen werden sich bestimmt nicht für 15 Pfennige Silberlinge gekauft haben), für 1 bzw. 2 Pfennige jede Menge andere Leckereien. Kein Wunder, daß diese Bude bei meiner Schwester, dem kleinen Leckermäulchen, besonders hoch im Kurs stand. Wem der Sinn nach etwas Besonderem stand, der kaufte sich hier sein Eßpapier oder seinen Mausespeck. Natürlich gab es hier auch die Süßigkeiten, die man an anderen Buden ebenfalls bekam wie z.B. Super-Bumm (eine kurze, viereckige, besonders süße Kaugummistange), Prickel-Pit oder den obligatorischen Brausewürfel.

In der Vierhandbank am Seiteneingang zur Schrebergartenanlage gegenüber der Einmündung zum Fischweiher gab es jahrelang eine kleine Bude, die „Die Schachtel“ genannt wurde. Die Schachtel wohl deshalb, weil es eine besonders kleine Baracke war. Hier bekam man in erster Linie Bier, Erfrischungsgetränke, Tabakwaren und einige wenige Süßigkeiten. Hier deckten sich in erster Linie die Kleingärtner mit dem ein, was sie so brauchten.

Im Fischweiher betrieb das Ehepaar Itzek einen kleinen Lebensmittelladen. Um ihrer geschätzten Kundschaft auch nach dem gesetzlichen Ladenschluß nach 18:30 Uhr verfügbar zu sein, betrieben sie eine nahtlos an das Geschäft anschließende Trinkhalle. Hier war der Treffpunkt für die durstigen Kehlen, die man bei Urban oder Doorndorf viel lieber gehen als kommen, geschweige denn längerfristig verweilen sah. Hier gingen wir allenfalls im Notfall mal etwas kaufen.

Das umfangreichste Warenangebot hatte die Bude in der Hubertstraße, Ecke Fünfhandbank. Neben den üblichen Waren bekam man hier auch abgepacktes Brot, Wurst, Eier, Kartoffeln, Butter (Margarine) und gute Butter (Butter), diverse Konserven, Toilettenpapier, Hygieneartikel, etc. Darüber hinaus boten sie ein recht großes Angebot an Zeitungen und Zeitschriften an, die man damals nur im Zeitschriftenhandel bekam.

Mit dem Zechen- und Hüttensterben verschwanden auch fast die typischen Buden. Trinkhallen und Kioske gibt es nach wie vor in Hülle und Fülle, doch vermißt man hier den typischen Ruhrgebietscharakter, den einst eine Bude ausmachte. Zwar gibt es zwischen Duisburg und Dortmund noch vereinzelt die klassische Bude, aber die kann man sprichwörtlich mit der Lupe suchen. Mit dem Untergang von Kohle und Stahlproduktion ist leider auch dieses einzigartige Stück Ruhrgebiet mit untergegangen.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014