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Junge Hitjäger

Seit genau 5 Jahrzehnten gehören Popmusik und Jugend zusammen wie die Faust aufs Auge. Hauptabnehmer kakophonischer Erzeugnisse der Musikindustrie ist nun mal die Altersgruppe zwischen 12 und 18 Jahren. Und denen kann man halt den größten Blödsinn verkaufen, den der Markt hergibt. Man muß den Teenies nur einreden, daß sie dieses und jenes Produkt zum täglichen Überleben unbedingt brauchen. In Zeiten von CDs, MP3-Playern und Internet-Uploads sind die Umsätze der Schallplattenfirmen in den letzten Jahren allerdings dramatisch zurückgegangen. In den 70er Jahren gab es solche Probleme nicht. In diesem Jahrzehnt erlebten die Vinylscheiben (Singles und Langspielplatten) ihre Blütezeit und erzielten bis dato nie gekannte Verkaufszahlen, ein wahres Eldorado für Schallplattenfirmen. Wie kam man in jener Zeit überhaupt an Informationen darüber heran, wer was Neues auf den Markt gebracht hat? Die Hauptinformationsquellen waren in erster Linie die Radiosender und die Musikpresse. Das Fernsehen spielte noch keine so große Rolle, denn in ihren Unterhaltungssendungen wurde - von einigen Ausnahmen abgesehen - das gespielt, was eh schon in den Hitparaden war. Die wichtigsten Informationsquellen waren die Hitparaden der einzelnen Radiosender. Die wichtigsten Sendungen für uns waren zum einen am frühen Mittwochabend „Diskothek im WDR“ mit Mal Sandock, am Samstagnachmittag „Die großen 8 von Radio Luxemburg“ und am Sonntagmittag die große „RTL Hitparade“ mit Frank Elstner. Neben den bekannten Hits wurden hier die neuesten Scheiben von Stars und Newcomern vorgestellt. Während in „Diskothek im WDR“ nur die neuesten Hits aus England und Amerika gespielt wurden, bot die Hitparade in RTL (Radio Tele Luxemburg) ein buntgemischtes Programm. Neben den Hits aus England und Amerika fanden hier auch die neusten Scheiben aus Deutschland, Frankreich oder Italien ihren Platz. Per Postkarte konnten die Zuhörer ihren Titel wählen und dementsprechend sah auch die Top 10 aus, im Grunde ein Spiegelbild der offiziellen Verkaufshitparade. Aber die RTL-Hitparade war nicht nur eine Radiohitparade von vielen, denn die Plazierungen und die Laufzeiten der einzelnen Titel entschieden darüber, wer einen Goldenen, Silbernen oder Bronzenen Löwen von Radio Luxemburg erhielt, in den 60er und 70er Jahre eine der begehrtesten und wichtigsten Auszeichnungen der europäischen Popmusik. Denn wer einen Löwen von Radio Luxemburg in einer der mehrstündigen Shows erhielt, die halbjährlich abwechselnd in der Dortmunder Westfalenhalle und in der Essener Grugahalle stattfanden, entschied über seine Popularität und steigerte seinen Marktwert erheblich. Interessant waren auch „Die großen 8“ von Radio Luxemburg. Im Grunde war diese Sendung nichts weiter als eine Verkaufshitparade. Radio Luxemburg befragte Woche für Woche die Schallplattenhändler nach ihren Verkäufen und so stellte sich diese Hitparade zusammen. Radio Luxemburg räumte auch in dieser Sendung deutschsprachigen Liedern einen gleichberechtigten Platz ein, denn es gab die 8 bestverkauften internationalen (meist englischsprachigen) Platten der Woche und die 8 bestverkauften deutschsprachigen Platten der Woche. Man kann zu recht sagen, das Radio Luxemburg in den 60er und 70er Jahren einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste europäische, Sender innerhalb der Popmusik war. Um all diese Liedchen auch mal von den Stars dargeboten zu bekommen, schaltete man das Fernsehen ein. Da gab es für die Schlagerfreunde die Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Neben altbekannten Gesichtern wurden in dieser Sendung immer wieder Newcomern eine Plattform geboten. Für einige von ihnen wie z.B. Jürgen Marcus oder Bernhard Brink war die Hitparade der Beginn einer recht erfolgreichen Karriere. Einmal im Monat präsentierte uns Ilja Richter seine Disco. Diese Sendung war ein bunter Gemischtwarenladen, der sich heute so nicht mehr realisieren lassen würde. Neben deutschen Topstars wie z.B. Heino, Chris Roberts oder Rex Gildo traten internationale Top-Rockgruppen wie etwa Deep Purple, The Sweet oder Black Sabbath auf. Man stelle sich einmal vor, heute würden in einer Unterhaltungssendung nacheinander Hansi Hinterseer, Bon Jovi, Patrick Lindner und anschließend Scooter auftreten. Bei den entsprechenden Fangemeinden würde das helle Empörung auslösen. Damals war dem Publikum eine solch bunte Mischung schlichtweg egal, es wollte sich einfach unterhalten. Neben der Hitparade und Disco war die „Starparade“ mit Rainer Holbe eine weitere wichtige Musiksendung des ZDF. Von einem ganz anderen Kaliber waren die Musiksendungen der ARD. Abgesehen von „Musik aus Studio B“ mit Chris Howland erregte der „Beatclub“ von Radio Bremen“ großes Aufsehen. Mitte der 60er Jahre traf diese Sendung den Nerv der Zeit und erfreute das junge Publikum mit den neuesten Hits und brachte die spießige Nach-Adenauer-Gesellschaft zur Weißglut. Langhaarige Gammler – das war für die Spießer einfach zu viel! Die genervte sogenannte bürgerliche Gesellschaft konnte bei „Zum Blauen Bock“ seinen ganzen Frust über diesen Kulturschock abbauen. Der „Beatclub“ entwickelte sich neben der BBC Show „Top Of The Pops“ sehr schnell zur bedeutendsten Rock- und Popsendung Europas. Bis auf die Beatles und Rolling Stones trat alles hier auf, was in der britischen Szene Rang und Namen hatten. Der weitsichtige und innovative Produzent und Regisseur Michael Leckebusch räumte auch der aufkommenden deutschen Rockszene einen Platz ein. 1972 war Schluß mit dem „Beatclub“. Als Nachfolgesendung gab es dann ab 1973 den „Musikladen“. Unter der Moderation von Uschi Nerke, die auch schon den „Beatclub“ moderiert hatte, und Manfred Sexauer trat auch hier alles auf, was in der europäischen Popmusik Rang und Namen und Erfolg hatte. In den frühen 80er Jahren war dann Schluß mit Sendungen wie „Musikladen“, „Disco“ oder „Starparade“. Mit dem Aufkommen der Videoclips und Musiksendern wie MTV verloren die jugendlichen Musikkonsumenten schnell das Interesse an solchen Musiksendungen. Außerdem stiegen die Gagenforderungen der Stars so stark an, daß solche Musikmagazine nicht mehr realisierbar wurden.

Selbstverständlich begnügten wir Jugendliche der 70er Jahre uns nicht damit, nur die neuesten Hits im Radio oder Fernsehen anzuhören. Um überleben zu können, brauchten wir die schwarzen Scheiben unserer Favoriten. Zuerst schnitten wir die Lieder aus dem Radio mit. Die Ergebnisse waren aber meist von durchschnittlicher bis miserabler Qualität, vor allem die Mitschnitte von Radio Luxemburg. Diesen Sender konnte man in unseren Regionen nur über Mittel- und Kurzwelle empfangen. Dementsprechend waren die Mitschnitte durchsetzt mit Rauschen, Knacken, Pfeiftönen und Tonschwankungen. Besser hingegen war die Qualität von „Diskothek im WDR“. Der WDR schickte seine Sendungen per UKW über den Äther und die Mitschnitte waren störungsfrei und teilweise von bestechender Qualität. Einziges Manko war, daß man die Lieder nie komplett auf Band bekam, weil kurz vor Schluß eines Liedes Moderator Mal Sandock seine witzigen Sprüche hineinquatschte oder das Lied aus Zeitgründen einfach ausgeblendet wurde. So war der Gang zum Schallplattenhändler unumgänglich. In Kray gab es zwei Anlaufstellen für junge Hitjäger, und zwar Koth in der Hubertstraße und Paßmann im Tempelhof. Beides waren Elektrofachgeschäfte, die neben ihrem Kernsortiment mit Schallplatten gute Geschäfte machten. Bei Koth waren im Schaufenster in der Hubertstraße immer die neuesten Hits und Singleneuerscheinungen ausgelegt. Hinter der Theke stand ein großes Regal, in der nach Hitparadenpositionen bzw. alphabetisch die Singles einsortiert waren. Man mußte Frau Koth nur sagen, was man wollte, und schon bekam gegen eine Unkostenbeteiligung von 5 DM (ab 1974 6 DM) das Objekt seiner Begierde ausgehändigt. Auf der Theke stand ein Kasten mit älteren Restbeständen zum Stückpreis von 2 DM. Wer damals weitsichtig genug war, der griff auch hier zu, denn in diesem Kasten befand sich so manches Schätzchen, das heute zu Spitzenpreisen gehandelt wird. Ich kann mich heute noch ärgern, daß ich mir nicht die Beatles-Single mit den Titel „Sie liebt dich“ und „Komm gib mir deine Hand“ für 2 DM gesichert habe. Unter der immer noch zahlreichen Beatles-Fangemeinde ist die Single heute ein begehrtes Sammlerstück, für das vor allem in England Spitzenpreise verlangt (und gezahlt) werden.

Eine weitere Informationsquelle über das aktuelle Geschehen in der Popmusik waren die Popzeitschriften. Anfang der 70er Jahre gab es mit BRAVO auf diesem Gebiet nur ein ernstzunehmendes Magazin. Vom Füllschrott (Aufklärung, Dr. Sommer, Foto-Lovestory) einmal abgesehen, konnte man hier alles erfahren, was unsere Lieblingsstars so alles trieben (oder auch nicht). Ob die Berichte in der BRAVO der Wahrheit entsprachen oder ob sie nur die Produkte der blühenden Fantasie der Redakteure waren, war uns im Grunde genommen völlig egal. Donnerstag war (offiziell) Bravo-Tag und auf dem Schulhof wurde die Neuigkeiten über T. Rex, Sweet, Slade, David Cassidy, Osmonds oder Donny Osmond heiß diskutiert. Für die Aufgeregtheit hatte meine Schwester nur ein müdes Lächeln übrig, kannte sie die Neuigkeiten, die die Welt bewegten, doch schon immer einen Tag vorher. Im Lebensmittelgeschäft Krause in der Hubertstraße bekam sie ihre Ausgabe der BRAVO schon am Mittwoch und war ihren Freundinnen und Bekannten immer eine Nasenlänge voraus. Die Mädels werden gestaunt haben, warum sie schon immer alles einen Tag vorher wußte als sie. Ob sie jemals hinter ihr Geheimnis gekommen sind und ob sie sich heute noch die Köpfe darüber zerbrechen, wieso meine Schwester den neuesten Klatsch über David Cassidy schon einen Tag vorher wußte? Einen ähnlichen Vorteil verschaffte sie sich 1973, als im Vorabendprogramm des NDR die amerikanische Serie „Partridge Family“ lief. Durch unsere günstige Wohnlage bedingt, war es uns möglich, den NDR, wenn auch in mangelhafter Qualität, zu empfangen. Sehr zur ihrer Freude (und zum Neid ihrer Freundinnen) konnte sie IHREN David Cassidy nun auch auf dem Bildschirm bewundern. Dieses Vergnügen war den anderen erst ein knappes Jahr später vergönnt, als auch der WDR die „Partridge Family“ in seinem Vorabendprogramm zeigte.

Ein wesentlich größeres Programm als Koth hatte Paßmann zu bieten. In der Mitte des Ladenlokals war eine Plattenbar aufgebaut, und man konnte mit Vergnügen in den einzelnen Fächern stöbern. Auch hier war alles nach Hitparadenpositionen, deutschsprachigen und internationalen Neuerscheinungen sortiert. Auch Paßmann hatte ein Extrafach mit älteren Platten, die zum Preis von 1,50 DM – 3 DM verkauft wurden. Bei uns Jungs waren deutsche Schlager verpönt. Schließlich war diese Art von Musik nur etwas für Weichlinge und Mädchen und nichts für richtige Kerle. Außerdem waren wir der festen Überzeugung, daß sich die Texte der englischen und amerikanischen Gruppen bzw. Solisten in ganz anderen Sphären bewegten als die der deutschen Konkurrenz. Die Texte hatten etwas fast Mystisches an sich. Das glaubten wir zumindestens. Da wir der englischen Sprache so gut wie nicht mächtig waren, konnten wir nicht ahnen, daß sich textlich in den Lieder der Engländer und Amerikaner alles in einem noch bescheideneren und dürftigeren Rahmen abspielte als bei den heimischen Produkten. Ob Rolling Stones oder Flippers, The Sweet oder Heino, letztendlich ging es in den Lieder thematisch immer nur um die Themenbereiche Wein, Weib und Gesang. Als wir einige Zeit später in der Lage waren, diese Texte einigermaßen zu übersetzen, traf es den einen oder anderen angesichts der lausigen Texte wie ein dumpfer Schlag zwischen die Ohren. Aber das war uns egal, denn was zählte, war die Musik, der fröhliche Krach, mit dem wir Teenager die genervte Umwelt traktieren konnten. Was aber sollte man tun, wenn man trotzdem deutschen Schlager, z.B. eine Single von Freddy Breck, Chris Roberts, Rex Gildo, Ulli Martin oder gar Heino kaufen wollte? Wenn man genug Taschengeld dabei hatte, wandte man das Sandwichverfahren an. Beispiel: Ich wollte im Februar 1973 unbedingt „Bianca“ von Freddy Breck haben. Irgendwie gefiel mir dieses Lied, anderseits hatte ich Angst, daß mir auf dem Heimweg jemand begegnen würde, den ich kannte und dann fragte: „Eh, was hast Du da für eine Platte gekauft?“ Die Lösung war schnell gefunden. Zusätzlich zu „Bianca“ kaufte ich mir „Blockbuster!“ von The Sweet und aus dem Grabbelfach für 1,50 DM „Metal Guru“ von T. Rex. „Bianca“ packte ich dann zwischen Sweet und T. Rex und kam so für den Fall der Fälle nicht in den Verdacht ein Weichling zu sein, der sich deutschen Schlager anhört (davon einmal abgesehen, jeder meiner Bekannten hat sich den einen oder anderen Schlager gekauft. Nur zugeben wollte es keiner!).

Daheim angekommen wurden die Neuerwerbungen gleich auf dem roten Telefunken Plattenspieler (der mit dem Lautsprecher mit farblosen, durchsichtigen Deckel) angehört. In Sachen Plattenkauf kommt wieder meine Schwester ins Spiel. Im November 1970 begann sie sich für diese kleinen Vinylscheiben, kurz Single genannt, zu interessieren. Ihre Freundin Ellen hatte sich gerade „Ich bin verliebt in die Liebe“ von Chris Roberts gekauft. Auch meine Schwester war von diesem höchst anspruchsvollen Werk angetan und wollte es unbedingt besitzen. Leider kostete das Objekt ihrer Begierde 5 DM und um an den Obolus für den Händler heranzukommen, mußte sie zu unserer Mutter. Diese verstand zuerst nicht, was meine Schwester mit einer Schallplatte anfangen wollte, da sie doch keinen Plattenspieler besaß. Aber schließlich setzte sich die 12jährige durch und bekam das Geld für die Single. Und sie schlug gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Nicht nur, daß sie jetzt stolze und glückliche Besitzerin von „Ich bin verliebt in die Liebe“ war, nein, denn unsere Mutter war der Meinung, daß ihr kleiner Spatz zum bevorstehenden Weihnachtsfest unbedingt mit einem Plattenspieler versorgt werden müßte. Das war das einzige Mal, wo meine Schwester gegenüber ihrer Freundin Ellen nachziehen mußte. Sehr zum Verdruß von Ellen hatte sie die nachfolgenden Chris Roberts Singles „Mein Name ist Hase“ und „Hab ich dir heute schon gesagt, daß ich liebe“ zuerst. Den größten Schock versetzte meine Schwester ihrer Freundin, als sie ihr ein Autogramm des amerikanischen Filmstars Robert Wagner präsentierte. Was für ein Schlag für Ellen! Ob sie diesen Schock jemals überwunden hat? Wir werden es nie erfahren. Wie dem auch sei, Schwesterchen orientierte sich musikalisch schnell um und wandte sich Anfang 1972 mit Grausen und Schaudern von Chris Robert ab. Statt dessen gab sie Neil Diamond und David Cassidy, dem weltweiten Schwarm der Mädchen zwischen 12-16 Jahren, den Vorzug. Als Ellen ihr voller Stolz die neue Chris Roberts Single „Love Me“ kredenzte, konterte sie mit der Neil Diamond Single „Song Sung Blue“. Das war ungefähr so, als biete man jemanden Spülwasser an und bekommt im Gegenzug einen gepflegten Mokka serviert.

Viele der damals gekauften Singles haben wir aufgehoben und besitzen sie auch heute noch. Im Laufe der Zeit hat zwar das Cover mancher Single etwas gelitten, aber das Abspielen (wenn auch mit Rauschen) hat immer noch das gewisse Extra und weckt Erinnerungen.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014