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Über junge Autogrammjäger

Es gibt wohl niemanden, der in jungen Jahren nicht von irgendeinem Schauspieler, Sänger oder Sportler geschwärmt hat.

Manchmal geht die Schwärmerei so weit, daß man alles über seinen Star sammelt, was sich nur organisieren läßt. Eine große, schier unerschöpfliche Quelle bieten da diverse Zeitschriften, die Woche für Woche über die Stars berichten. Allerdings nur so lange, wie der Star In ist. Läßt das Publikumsinteresse an ihm nach, werden die Berichte über ihn nach und nach weniger. Ob die Berichte über den Star der Wahrheit entsprechen oder ob sie eher ins Reich der Fabeln und Legenden gehören bzw. die Produkte der blühenden Phantasien der zuständigen Journalisten entsprungen sind, ist dem Fan eigentlich völlig egal. Hauptsache, er kann regelmäßig die für ihn relevanten Fakten nachlesen. Höhepunkt einer solchen Sammlung ist mit Sicherheit ein Autogramm des Stars.

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, um an die begehrte Signatur zu kommen. Die verbreiteste und meistgenutzte Möglichkeit ist, daß man den Star schreibt und ihn um ein Autogramm bittet (wichtig ist natürlich der frankierte Rückumschlag, denn die Errichtung des Rückportos würde den Star finanziell arg belasten und er müßte dafür eine Extratournee einlegen).

Wie kommt man nun an die Autogrammadressen? Bei Sängern und Gruppen kann man sich an die entsprechende Plattenfirma oder an einen Fanclub wenden, die die Autogrammwünsche der Fans gerne und umgehend erfüllen. Interessant waren früher Sendungen wie die „ZDF-Hitparade“ und „Disco“. Hier wurden bei jedem Sänger und jeder Gruppe die Autogrammadressen eingeblendet. Dabei fiel mir auf, daß bei vielen von ihnen als Adresse „5 Köln-Braunsfeld, Maarweg 149“ angegeben wurde. Ich fragte meine Schwester, eine Expertin für die aktuelle nationale und internationale Schlagerszene, nach dem Grund dafür. Sie gab mir als Antwort, daß es im Kölner Maarweg 149 ein Wohnheim für Schlager- und Popsänger gäbe *ggg Diese Antwort leuchtete mir ein. Einige Zeit später fragte ich mich, ob es in diesem Wohnheim nicht ständig Reibereien zwischen so unterschiedlichen musikalischen Charakteren wie Pink Floyd, Christian Anders, Deep Purple, Cliff Richard usw. geben müßte.

Und natürlich gab es auch Autogrammadressen, die waren so markant, daß man sie einfach nicht vergessen konnte. Wie z.B. die von Heino. Man schrieb einfach an Heino, 5351 Ülpenich bei Zülpich (wenn man die Postleitzahl gerade nicht parat hatte, machte das nichts, denn der Brief kam trotzdem an) und innerhalb weniger Tage war man stolzer und glücklicher Besitzer einer handsignierten Autogrammkarte des blonden Barden (allerdings hätte kein jugendlicher, musikalisch progressiv eingestellter Autogrammsammler zugegeben, daß er ein Autogramm von Heino besitzt!!).

Das erste Autogramm, das sich meine Schwester Anfang der 70er Jahre anforderte, war eins von dem damals sehr populären Schauspieler Hellmut Lange. Es war ein Schwarz-Weiß-Foto, das Hellmut Lange in seiner populärsten Rolle als Lederstrumpf zeigte. Darunter war in blauer Schrift seine Unterschrift verewigt.

Für Autogramm Nummer 2 langte sie mächtig zu, sie forderte sich eins von dem US-Star Robert Wagner an. Sie und ihre Freundin Ellen waren begeisterte Anhänger der Fernsehserie „Ihr Auftritt Al Mundy“, und da stand natürlich Hauptdarsteller Robert Wagner im Fokus ihres Interesses. Als meine Schwester wenige Wochen später voller Stolz die Autogrammkarte ihres Stars in der Hand hielt (dabei war es ihr völlig egal, daß die Unterschrift nur aufgedruckt und nicht handsigniert war), ließ sie es sich nicht nehmen, dieses ihrer Freundin Ellen brühwarm zu präsentieren. Ellen hatte wenige Tage zuvor ein Autogramm von ihrem Schwarm Chris Roberts bekommen und haute damit mächtig auf den Putz. Meine Schwester ließ sich aber nicht lumpen und schlug jetzt eiskalt und erbarmungslos zurück, denn wer ist schon Chris Roberts im Gegensatz zum Weltstar Robert Wagner? Beim Anblick der Autogrammkarte wurde Ellen blaß vor Neid und sie mußte, ob sie wollte oder nicht, zugeben, daß sie gegen meine Schwester einmal mehr den Kürzeren gezogen hatte.

Einen noch größeren Coup landete sie wenige Monate später, als sie ihren völlig verblüfften Freundinnen voller Stolz ein Autogramm von Neil Diamond präsentierte. Das Besondere an dem kleinen Bild war neben der Originalunterschrift noch eine persönliche, an meine Schwester gerichtete Widmung des US-Stars. Keine ihrer Freundinnen konnte mit einer solchen Besonderheit aufwarten.

Ach ja, ehe ich es vergesse, mein erstes Autogramm war von Michael Holm.

Eine andere Möglichkeit an Autogramme zu kommen (das zu 100% echt ist), sind Autogrammstunden. Stars und Sternchen lassen es sich nicht nehmen, sich durch eine solche Maßnahme ein Zubrot zu verdienen.

Die erste Autogrammstunde, der ich beiwohnte, fand im Frühjahr 1974 bei Wertheim in Steele statt. Dort gab Willi Lippens, der damals populärste Star von Rot-Weiß Essen - dem sympathischen und liebenswerten Kultverein von der Hafenstraße!!! - eine Autogrammstunde. Ich war bei einigen Autogrammstunden anwesend, aber ich habe keine erlebt, bei der es einen solchen Andrang gab wie bei dieser. Das zeigte, welche Popularität dieser sympathische Spieler genoß.

Auch viele aus meinen Bekanntenkreis, die normalerweise für Rot-Weiß Essen nur ein müdes Lächeln oder ein Naserümpfen übrig hatten, waren scharf auf ein Autogramm von einem der populärsten Bundesligastars. Nach einem Spieler wie Willi Lippens würden sich heute die Verantwortlichen der Spitzenvereine aus Italien, Spanien und England sämtliche Finger lecken und RWE könnte sich aus der Ablösesumme, die weit über der von Möchtegernstars wie David Beckham & Co. liegen dürfte, über Jahre hinaus sanieren. Und überhaupt, wie sagte doch einst ein Bundesligaprofi angesichts seiner Wechselabsichten nach Italien? „Ob Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien.“.

Die Autogrammstunde wurde von einer großen Privatbrauerei aus Altenessen gesponsort - aus Gründen der Schleichwerbung verzichte ich auf die Nennung des Namens! Als ich nach langem Warten endlich an der Reihe war, signierte der stets gutgelaunte Willi Lippens gerade eine Autogrammkarte. Er reichte mir die signierte Karte, zeigte auf das beworbene Produkt der Brauerei und sagte zu mir: „Dat is‘ nichts für Dich. Aber dat hier darfse haben.“ Stolz wie Oskar betrachtete ich mir die Autogrammkarte und steckte sie in die Seiteninnentasche meiner Jacke.

Wenige Wochen später gab Fritz Walter bei Karstadt am Berliner Platz eine Autogrammstunde. Im Zuge der Fußballweltmeisterschaft war er für ein Gewinnspiel eines bedeutenden Süßwarenherstellers unterwegs. Obwohl er einer der größten Stars war, die der deutsche Fußball je hervorgebracht hat und einen geradezu legendären Ruf genoß, war die Autogrammstunde nur mäßig besucht. Immerhin, die signierte Autogrammkarte hatte ihren Reiz, gab es auf der Rückseite den kompletten Spielplan der WM 1974.

Eine weitere Autogrammstunde in diesem denkwürdigen Jahr fand wieder bei Wertheim in Steele statt. Der Formel 1-Star, der Belgier Jackie Ickx gab sich die Ehre. Da war der Andrang natürlich riesengroß, denn Formel 1-Fahrer sind etwas ganz besonderes und ein Autogramm von einem dieser Stars könnte schnell im Wert steigen (wenn man bedenkt, daß ihr nächstes Rennen schon ihr letztes sein kann). Wie sehr Vorstellungen und Realität auseinanderklaffen, zeigte sich, als Jackie Ickx kam. Wie meine Freunde erwartete ich einen großen, stattlichen Mann. Statt dessen kam ein ziemlich kleiner, unauffälliger Zeitgenosse, der seine Aufgabe des Autogrammschreibens mehr mürrisch als mit Begeisterung erfüllte. Enttäuschend war die Tatsache, daß er seinen Namenszug auf kleine Zettel statt auf schmucken Fotos verewigte.

Bei der „Equitana“ 1976 kam ich mehr aus Zufall zu zwei Autogrammen. Autogramm Nummer 1 erhielt ich von Otto Ammermann, dem Olympiazweiten im Military der Spiele 1976. Autogramm Nummer 2 bekam ich von dem damals weltbesten Reiter Harvey Smith aus England. Um meine Schwester ebenfalls mit einem Autogramm von Harvey Smith zu beglücken, sagte ich zu ihm: „Please give me two pictures with your signature“. Als ich zwei Autogramme von ihm bekam, war ich ganz beeindruckt von der Tatsache, daß ich tatsächlich in der Lage war, mit einem echten Engländer zu kommunizieren.

Die meisten Autogramme, die meine Schwester und ich gesammelt haben, sind heute so gut wie gar nichts wert, weil der Ruhm der darauf verewigten nur von kurzer Dauer war und sie heute längst in der Versenkung verschwunden und vergessen sind. Einige wenige Autogrammkarte von inzwischen verstorbenen Stars bzw. echten Weltstars haben über Internetauktionen recht gute Gewinne erzielt (z.B. Elizabeth Taylor oder Heinz Rühmann).

Damals hat das Sammeln von Autogrammen einfach Spaß gemacht, hat man doch jeden Tag dem Zeitpunkt entgegengefiebert, als der Briefträger kam und man voller Erwartung in den Briefkasten geschaut hat. Jedes erhaltene Autogramm wurde wie ein kleines Ereignis gefeiert und stellte so etwas wie ein Erfolgserlebnis dar. Lohnt es sich heute noch Autogramme zu sammeln? Mit Sicherheit schon, wenn man sich an die alten, immer noch gefragten Stars oder an die aus Sport und Politik hält. Weniger empfehlenswert sind Autogramme der Stars und Sternchen aus der Popmusik. Denn diese haben ein noch schnelleres Verfallsdatum als die der 60er- und 70er Jahre. Ein Autogramm eines gecasteten Superstars ist für den Augenblick zwar gefragt, aber in ein, spätestens zwei Jahren kräht kein Hahn mehr danach.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014