Wappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt Essen

Die große Fundgrube für junge Leseratten

Wer viel und gerne liest, aber nicht über das nötige Kleingeld für immer neuen Lesestoff verfügt, für den stellen die Stadtbüchereien eine ideale Nachschubquelle dar. Die Stadtbücherei in Kray stellt mit ihrem Angebot eine der besten Büchereien in Essen dar.

Untergebracht ist sie im ehemaligen Ratskeller des Krayer Rathauses. Hier tagte unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg in den Jahren 1945/46 der Rat der Stadt Essen unter dem Vorsitz der Oberbürgermeister Fritz Renner (KPD) und Gustav Heinemann (damals CDU). Als das Essener Rathaus an der Kettwiger Straße an der Marktkirche wieder notdürftig hergerichtet war, verlegte der Rat der Stadt Essen seinen Sitz wieder an seine ursprüngliche Wirkungsstätte, und der Ratskeller im Krayer Rathaus war erst einmal verwaist. Um keinen Leerstand entstehen zu lassen, kamen die Verantwortlichen auf die Idee, hier eine öffentliche Bücherei entstehen zu lassen. Ende der 40er Jahre war es dann soweit: die lese- und wißbegierigen Krayer konnten sich mit einer unendlich erscheinenden Fülle von Büchern eindecken.

Meinen ersten Kontakt mit der Krayer Stadtbücherei hatte ich um 1970 herum. Kurz zuvor hatte sich meine Schwester hier angemeldet, um ihren unbändigen Lese- und Wissensdurst zu stillen. Dem wollte ich natürlich nicht nachstehen und meldete mich kurzerhand auch als Leser an. Aufgeteilt ist die Krayer Stadtbücherei in eine Jugendbibliothek auf der rechten und einer Erwachsenenbibliothek auf der linken Seite. Aus Altersgründen durften wir zunächst nur die Jugendbibliothek besuchen, der Zutritt der Erwachsenenbibliothek war erst ab dem 14. Lebensjahr gestattet. Allerdings gab es hier einige Einschränkungen, denn nicht jedes Buch wurde an einen Jugendlichen unter 18 Jahren ausgehändigt (z.B. „Jenseits von Eden“ von John Steinbeck, das mit einem entsprechenden Vermerk versehen war). Zunächst galt unsere ganze Aufmerksamkeit erst einmal der Jugendbibliothek: Hier gab es Lesestoff in Hülle und Fülle. An den Wänden standen Regale, prall gefüllt mit Büchern jeglicher Art. Aufgeteilt waren sie nach verschiedenen Kategorien wie Mädchenbücher, Jungenbücher, Abenteuergeschichten, Bücher nach Altersklassen, Science Fiction, Technik, Sport oder Geschichte. In der Mitte des Raums stand ein großer Stützpfeiler. An seinem Ende stand eine große Holzkiste mit Bilderbüchern für die kleinsten Büchereibesucher. Um das Regal mit den Mädchenbüchern machte meine Schwester immer einen riesengroßen Bogen, denn die in diesen Büchern geschilderten Geschichten interessierten sie nicht die Bohne. Statt dessen widmete sie sich erst einmal dem Angebot an Jungenbüchern, das zum größten Teil aus Detektivgeschichten wie etwa Enid Blytons „5 Freunde“ oder Astrid Lindgrens „Kalle Blomquist“ bestand. Spannender und aufregender Nervenkitzel interessierten sie halt mehr als Geschichten über Puppenmuttis und Tips darüber, wie man unartige Puppen maßregelt, oder Geschichten über Mädchen, Pferde, Abenteuer wie etwa „Ferien auf dem Ponyhof“ oder „Erste Liebe auf dem Reiterhof“. Ob Detektiv- oder Abenteuergeschichten, Märchen oder Sagen aus dem Altertum - kein Buch war vor ihr sicher. So kam es nicht selten vor, daß meine Schwester pro Besuch zwei bis vier Taschen prall gefüllt mit Büchern nach Hause schleppte. Diese Tatsache erregte vor allem den Neid und die Mißgunst von Ulrike, einem Mädchen aus unserem Nachbarhaus. Da fast alle Kinder und Jugendliche aus unserer Straße die Stadtbücherei besuchten, wollte auch Ulrike nicht nachstehen, und nach langen Drängen ermöglichte ihre Mutter ihr den Besuch. Allerdings durfte sie sich pro Besuch nur ein Buch ausleihen. Ulrikchen wollte natürlich mehr Bücher und so berichtete sie ihrer Mutter, daß sich meine Schwester Bücher ohne Limit ausleihen durfte. Für Frau E., Ulrikchens Mutter, war es unbegreiflich, wie ein einzelner Mensch, und dann noch ein Mädchen von 12 Jahren, so viel lesen konnte, und dazu auch noch Bücher, in denen es kaum Illustrationen gab. Schließlich war sie der Meinung, daß zuviel Lesen nicht gut sei. Wie dem auch sei, meiner Schwester hat der Drang zum ungehemmten Lesen nicht geschadet.

Das erste Buch, das ich mir aus einem Regal der Stadtbücherei gegriffen habe, war „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Überhaupt habe ich mich zuerst über die Klassiker der Abenteuerliteratur hergemacht, wobei ich feststellen musste, daß mir nicht alles gefallen hat und daß ich so manches Buch nach wenigen Seiten wieder zur Seite gelegt habe. So geschehen mit diversen Karl May Romanen, von vielen heiß geliebt, von mir als pure Langeweiler geschmäht. Ähnlich wie meine Schwester standen auch bei mir die Detektivgeschichten hoch im Kurs. Enid Blytons Serien wie „5 Freunde...“ oder „.... der Abenteuer“ genossen meine Gunst, aber richtig wild war ich auf die dänische Serie „Jan als Detektiv“. Im Gegensatz zu den etwas altbacken wirkenden Geschichten von Enid Blyton wirkten Jans Abenteuer richtig modern, obwohl sie im Nachhinein betrachtet doch recht spießig waren und der moralisch erhobene Zeigefinger viel zu deutlich war. Das war wohl auch der Grund, warum meine Schwester sich mit dieser Serie nie anfreunden konnte. Ein absoluter Hit waren die Abenteuer der „3 ???“, einer damals noch recht jungen Buchserie. Seit fast 4 Jahrzehnten gibt es diese Reihe, und es erscheinen immer wieder neue Abenteuer von Justus & Co. Ein Ende der Reihe ist noch lange nicht in Sicht, auch wenn der als Autor angegebene Alfred Hitchcock schon 1976 das Zeitliche gesegnet hat.

Wenn man sich entsprechende Bücher ausgesucht hatte, ging man zur Ausgabe, die sich genau zwischen der Jugend- und der Erwachsenenbibliothek befand. In Zeiten, als der Begriff EDV noch nicht geläufig war und eher in den Bereich Science Fiction gehörte, brauchte man für die Registratur der Bücher schon ab und an etwas Geduld. Hinten in den Büchern befand sich eine Registerkarte, in der die Mitgliedsnummer des Lesers eingetragen wurde. Anschließend wurde der im Buch einklebende Zettel mit einem Stempel mit dem spätestens Rückgabedatum versehen. Wer meine Schwester vor sich hatte, der konnte sich schon einmal auf eine etwas längere Wartezeit einstellen (gefaßt machen). Zusätzlich wurde im Leserheft die Registriernummer der entliehenen Bücher festgehalten. Heute geht das alles viel einfacher. Per Scanner wird zuerst die Lesernummer vom Mitgliedsausweis und anschließend die Registriernummern der entliehenen Bücher erfaßt. Und ein weiterer Vorteil ist, daß man mit seinem Ausweis sich in sämtlichen Bibliotheken der Stadt Bücher ausleihen kann. Früher war das nur in der entsprechenden Stadtbücherei möglich. Später haben wir auch die Hauptbücherei in der Hindenburgstraße und die Bibliotheken in Stoppenberg bzw. Altenessen heimgesucht. Auch hier gab es unendliche Angebote an Büchern. Allerdings fehlten für mein Empfinden diesen Büchereien das Flair der Krayer Stadtbücherei.

Heute kämpfen in Essen wie in vielen anderen Städten die Stadtbüchereien ums Überleben. In Zeiten von leeren Haushaltskassen ist kaum noch Geld für geistige Nahrung vorhanden. Und überhaupt, viele Kinder und Jugendliche haben kein Interesse mehr an einem guten Buch, außer, es handelt sich um einen Hype wie z.B. Harry Potter. Aber das kann es einfach nicht sein, oder?
 

zurück

 

          nach oben

Zurück zur Startseite

© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014