Wappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt Essen

Die Lehrstellenbörse

Jugendarbeitslosigkeit und der Mangel an Ausbildungsstellen sind keine Probleme der Gegenwart, denn schon ab Mitte der 1970er Jahre war dies eine heftig diskutierte Thematik.

Um dem entgegenzuwirken, ließ sich ab ca. 1975 die Politik einiges einfallen, um vor allen benachteiligte Jugendliche, speziell diejenigen ohne Hauptschulabschluß bzw. von der Sonderschule, in ein Lehrverhältnis zu bringen. Mit attraktiven Finanzzuwendungen von Bund und Ländern wurde versucht, diese Zielgruppe für Ausbildungsbetriebe interessant zu machen.

Eines der bekanntesten Programme war das Riemer'sche Programm, benannt nach dem nordrhein-westfälischen Sozialminister Carl-Ludwig Riemer. Auf diese Art und Weise konnten Jugendliche in ein Ausbildungsverhältnis vermittelt werden, die sonst keine Chance auf einen Ausbildungsplatz gehabt hätten. Gerade dem Handwerk kamen diese finanziellen Anreize sehr entgegen.

Da das Handwerk, von wenigen Berufen einmal abgesehen, bei der Jugend der späten 1970er Jahre nicht sehr hoch im Kurs stand, ließ sich die Essener Handwerkskammer etwas ganz Besonderes einfallen: die erste Lehrstellenbörse, die im Mai 1980 stattfand.

An den Infoständen der einzelnen Innungen konnten sich Interessierte über die Berufe kundig machen und bei Interesse Adressen von Firmen bekommen, die noch Auszubildende suchten. Eine feine Sache für diejenigen, die sich für Handwerksberufe interessierten, die aber von der Berufsberatung nicht das bekamen, was sie eigentlich wollten. Das Problem bei der Berufsberatung war damals das, daß sie eigentlich an den Interessen und Neigungen der Jugendlichen vorbeidisponierten und ihnen als Vorschläge das mitgaben, was „ihren schulischen Voraussetzungen“ entsprachen bzw. das, was sowieso keiner machen wollte, wie z.B. Fleischer oder Bäcker.

Da ich zum damaligen Zeitpunkt auch einen adäquaten Ausbildungsplatz suchte, besuchte ich die Lehrstellenbörse der Handwerkskammer, auch wenn ich eher an einer kaufmännischen Ausbildung interessiert war. Aber ich sagte mir, zur Not tut es auch eine handwerkliche Ausbildung, schließlich ist ein Abschluß in einem Handwerksberuf besser als gar keiner.

Als ich das Gelände der Handwerkskammer in der Katzenbruchstraße betrat, war ich überrascht, auf welch große Resonanz diese Veranstaltung stieß. Unzählige Jugendliche, viele von ihnen in Begleitung ihrer Eltern, hatten sich im Foyer versammelt und warteten ungeduldig darauf, daß endlich die Türen zum großen Saal geöffnet wurden.

Diese Veranstaltung war in ihrer Art so neu, daß selbst der Westdeutsche Rundfunk vor Ort war, um eine Reportage darüber zu machen. Als die Türen endlich geöffnet wurden, drängten die Jugendliche in den großen Saal. Ein Großteil der Jungen wollte natürlich zum Infostand der KFZ-Innung, weil der Beruf des KFZ-Mechanikers (früher auch Autoschlosser genannt) seit den 1950er Jahren der Topberuf schlechthin war. Viele Muttis machten ihren Stammhaltern aber einen Strich durch die Rechnung. Sie dachten eher praktisch und lotsten ihre Herren Söhne zu den Ständen von ihrer Meinung nach sinnvollen Berufen wie Maler/Lackierer oder den Bauberufen.
Die Mädchen zog es in Scharen zur Friseurinnung. Auch der Stand der Schneiderinnung weckte das weibliche Interesse. Während sich die Mitarbeiter der KfZ- und der Friseurinnung vor Interessenten kaum retten konnten, herrschte an anderen Ständen gähnende Leere. Die Vertreter der Bäcker-, Fleischer- oder Gebäudereinigerinnung verlebten einen geruhsamen Nachmittag. Und sie waren über jeden Interessenten dankbar. Ich besuchte die Stände der Bäcker- und Maurerinnung. Bereitwillig beantworteten die geduldigen Mitarbeiter dieser Innungen jede meiner Fragen und versorgten mich mit einer Fülle von Informationsmaterial und Adressen von Essener Firmen, die noch Auszubildende suchten. Anschließend stellte ich fest, daß ein Besuch bei einer Innung wesentlich effektiver war als der Besuch bei der Berufsberatung. Nie zuvor hatte ich mehr Adressen von Firmen erhalten, die Auszubildende suchten, als an diesem Nachmittag.

Abends wartete ich gespannt auf den Bericht vom WDR. Und dieser wurde innerhalb des Nachrichtenblocks in „Hier und Heute“ gesendet. Welche Freude, als ich einen Zeitgenossen in bewegten Bildern sah, der mir zum Verwechseln ähnlich sah. *g

Die erste Lehrstellenbörse der Handwerkskammer war ein voller Erfolg. Ich glaube, mit einem solchen Andrang hatten die Veranstalter nicht gerechnet. In den kommenden Jahren fand diese Veranstaltung regelmäßig statt, allerdings ließ das Interesse der Jugendlichen immer mehr nach.

Was meine Person betrifft, ich habe von der ersten Lehrstellenbörse keinen Nutzen gezogen. Statt dessen habe ich eine Ausbildung in einem völlig überflüssigen Beruf absolviert. Diesen Faux Pas habe ich einige Jahre später durch eine Umschulung zum Industriekaufmann wieder ausgeglichen. Wenn ich mir heute die glänzenden Berufsmöglichkeiten anschaue, speziell die in den Call-Centern, wo man neuerdings sogar eine Ausbildung machen kann (ob das nun ernst gemeint oder eher ein Witz sein soll, ist mir nicht so ganz klar), dann wäre es besser gewesen, 1980 eine Ausbildung in einem Handwerksberuf zu machen. Nun gut, hinterher ist man immer schlauer.
 

zurück

 

          nach oben

Zurück zur Startseite

© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014