Wappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt EssenWappen der Stadt Essen

Die Nikolausfeier

Jedem Krayer ist wohl noch das Buderuswerk in der Eckenbergstraße in bester Erinnerung. Bis 1972 wurden hier in jeweils drei Tagesschichten Badewannen hergestellt, die nach ihrer Fertigstellung in alle Herren Länder versandt wurden. In der Nähe des Werkes unterhielt Buderus Werkswohnungen in der Lunemannsiepen und in der Eckenbergstraße.

Einmal im Jahr, genauer Anfang Dezember, fand für den Nachwuchs der „Buderussen“ in der Jugendhalle in der Marienstraße eine Nikolausfeier statt. Natürlich fieberten die Kleinen diesem Tag sehnsüchtig entgegen, wußten sie doch, daß es nach dem offiziellen Rahmenprogramm eines der heiß begehrten Päckchen gab, prall gefüllt mit all den Sachen, die Kinderaugen leuchten lassen. Das heißt, dieses Päckchen bekam man, soweit man das 12. Lebensjahr noch nicht überschritten hatte. Ab dem 13. Lebensjahr wurde man mit einem Buch beglückt.

Als ich 1965 die Jugendhalle das erste Mal betrat, war ich überwältigt von ihrer Größe. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß es etwas vergleichbar Großes geben könnte. Nun, so groß sind die Ausmaße der Halle nun auch wieder nicht, aber in diesem Alter hat man halt ein anderes Maß- und Raumgefühl. Jedenfalls war es für einen knapp 5jährigen schon beeindruckend, wenn man die bestuhlte Jugendhalle betrat. Geradeaus schaute man auf den riesigen Vorhang der Bühne, auf der pünktlich um 17.00 Uhr ein Märchen aufgeführt wurde. Es zahlte sich aus, wenn man schon zeitig vor Ort war, denn so konnte man sich einen der begehrten vorderen Plätze ergattern. Meiner Mutter war es gelungen, uns und einer Nachbarin mitsamt Nachwuchs ordentliche Plätze in der Mitte zu ergattern. Thomas, der 3jährige Sohn unserer Nachbarin, war ziemlich unruhig und quengelte unentwegt. Der Grund für seine Unruhe war, daß er Angst hatte, daß der Nikolaus und Knecht Ruprecht auftauchen könnten. Sein Vater, seine Großeltern und sein Onkel hatten ihm in den letzten Tagen jede Menge Schauergeschichten über diese beiden Gestalten erzählt und sie mit dem schwarzen Mann gleichgestellt. Thomas glaubte natürlich diesen Unsinn und jetzt befürchtete er, daß diese beiden Kerle tatsächlich auftauchen könnten. Seine schlimmsten Befürchtungen trafen ein: Nikolaus und Knecht Ruprecht betraten den Saal. Während die beiden von 97% der Kinder freudig mit dem Lied „Nikolaus komm in unser Haus.....“ freudig begrüßt wurden, schrie Thomas nun los, als wenn er am Spieß hängen würden. Um ihren Filius zur Räson zu bringen, sagte unsere Nachbarin zu ihm, daß, wenn er nicht augenblicklich still ist, der Nikolaus zu ihm kommen und ihn in seinen großen Sack stecken würde. Obendrein würde ihn Knecht Ruprecht mit seiner Rute bearbeiten. Als hätte der Teufel seine Hand im Spiel, der Nikolaus entdeckte den kleinen Schreihals. Er kam auf ihn zu, um ihn zu beruhigen. Thomas glaubte aber den Worten seiner Mutter und befürchtete nun sein vorzeitiges Ende. Er schrie aus vollem Hals so laut los, daß einige Erwachsene schon glaubten, es sei wieder Krieg und eine Sirene kündige einen Luftangriff an. Der Nikolaus ließ sofort von dem kleinen Schreihals ab, worauf dieser sich relativ schnell wieder beruhigte. Rechtzeitig zur Märchenaufführung war Thomas wieder still. Das Licht ging aus und der Vorhang wurde aufgezogen. Auf dem Programm stand „Rumpelstilzchen“. Eine Laienspielschar spielte das Stück so gut es ging. Für mich war das besser als Fernsehen und hohe Schauspielkunst. Gebannt und nägelkauend saß ich auf meinem Stuhl und verfolgte das bunte Geschehen auf der Bühne. Nach etwa 45 Minuten war die Aufführung beendet, und die Kinder im Saal tobten vor Begeisterung. Vehement forderten sie eine Zugabe, die sie aber selbstverständlich nicht bekamen. Die Darsteller kamen an den Bühnenrand, verneigten sich artig und bekamen noch einmal einen donnernden frenetischen Applaus.

Nun folgte der eigentliche Höhepunkt der Veranstaltung, den jeder heftig herbeigesehnt hatte: Die Ausgabe der Päckchen. Nun hieß es, sich erst einmal in die Schlange anzustellen und Geduld zu haben. Es dauerte einige Zeit, bis ich das Objekt meiner Begierde in den Händen hielt. Ebenso wie meine ältere Schwester konnte ich es nicht erwarten, wieder zu Hause zu sein, um das Päckchen zu öffnen. Unsere Mutter bremste unsere Ungeduld, weil wir noch auf Frau E. und ihren Nachwuchs Ulrike und Thomas warten mußten. Endlich verließen wir die Halle. Es war inzwischen dunkel geworden und angenehm kalt. Frau E. trug Thomas auf den Armen, weil der Kleine sich müde geheult hatte und inzwischen schlief. Auf dem Heimweg diskutieren meine Schwester, Ulrike und ich einige Szenen der Aufführung. Dabei lieferte meine Schwester die besten Analysen ab. Ob sich die von ihr geschilderten Szenen wirklich so abgespielt hatten, ließ sich im Nachhinein nicht mehr nachvollziehen. Daheim konnten wir endlich unsere Päckchen auf ihre Inhalte überprüfen. Da war alles drin, was ein Kinderherz höher schlagen ließ und den Alltag eines Kindes aus einer Arbeitersiedlung versüßte: Weihnachtliche Süßigkeiten aller Art, Plätzchen und etwas zum Spielen. Gegen ein Päckchen von Buderus ist heutzutage ein Überraschungsei ein schlechter Witz.

Anfang der Siebziger Jahre mußte Buderus aufgrund der Stahl- und Kohlekrise schließen. Das Werk in der Eckenbergstraße ist längst verschwunden, nur die Buderus Handelsgesellschaft erinnert noch an den Namen. Auf dem großen Werksgelände hat sich im Laufe der Jahrzehnte ein blühendes Industriegebiet angesiedelt. Deren Mittelpunkt bildet schon seit ca. Mitte der 1970er Jahre die Hauptverwaltung und das Zentrallager des Einzelhandelsriesen ALDI Nord. Mit dem Ende von Buderus in Kray Mitte 1972 endeten auch die Nikolausfeiern und somit ein unwiederbringliches Stück Kindheit und Lebenskultur.

zurück

 

          nach oben

Zurück zur Startseite

© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014