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Die Gentlemen baten nicht zur Kasse

Kray war eigentlich immer ein beschaulicher Ort, in dem so gut wie nichts Aufregendes passierte, wenn man einmal von dem einen oder anderen Verkehrsunfall oder einer Massenschlägerei bei einem der Gartenfeste in der Schrebergartenanlage an der Lunemannsiepen absieht.

Ein geradezu aufsehenerregendes Ereignis war Anfang der 1970er Jahre der Raubüberfall auf das Postamt in der Krayer Straße. Rein objektiv betrachtet war dieser Überfall nicht der Rede wert und am anderen Tag im Lokalteil der hiesigen Tageszeitung nur eine kleine Meldung unter vielen.

Für uns Kinder und Jugendliche war dieses „historische“ Ereignis indes ein echter Hauch von Chicago, schließlich kannten wir so etwas nur aus Krimiserien wie „Mannix“, „Dan Oakland“ etc. In der großen Pause hatte ich von diesem unglaublich aufregenden Ereignis gehört und als ich nach der Schule nach Hause kam, mußte ich meiner Mutter brühwarm davon erzählen. Sie hatte von dem Raubüberfall noch nichts gehört, wußte aber zu berichten, daß seit knapp zwei Stunden eine Polizeistaffel zuerst die Schrebergartenanlage und anschließend die Hinterhöfe durchkämmt hatte. Jetzt war meine Mutter im Bilde, dachte sie doch zuerst, die Polizei sei hinter Max. K. aus dem Nachbarhaus her. Max K. war seit einigen Jahren Rentner und zog jeden Morgen los, um nach Baustellen Ausschau zu halten. Dort entwendete er mit Vorliebe Steine und Gehwegplatten.

Kaum hatte ich meine Mutter über das Verbrechen des Jahrhunderts in Kray aufgeklärt, da klingelte es. Meine Mutter öffnete und erblickte Frau E. aus dem Nachbarhaus (und nebenbei die Tochter von Max K.) auf ihrer Matte. Frau E. war wegen des massiven Polizeiaufgebots ganz aufgeregt und konnte sich nicht erklären, was das alles zu bedeuten hatte. Meine Mutter berichtete ihr von dem Überfall auf das Postamt. Frau E. sagte, daß sie sich vorsorglich im Keller verschanzt hätte, weil sie Angst hatte, daß vielleicht geschossen würde. In Zeiten von gemeingefährlichen Terroristen konnte man schließlich nicht vorsichtig genug sein. Der Grund, warum die Polizei in unserer Gegend massiv nach den Tätern suchte, war, daß Augenzeugen ausgesagt hatten, die Täter seien zu Fuß über die Krayer Platte in die Hattingstraße und dann Richtung Frillendorf geflüchtet.

Die wildesten Spekulationen machten die Runde, wer denn hinter diesen Überfall stecken könnte. Die Favoriten unter den vermeintlichen Tätern waren Mitglieder der Baader-Meinhoff-Gruppe. Wer sich wichtig machen wollte, erzählte, er wäre Augenzeuge des Überfalls gewesen und hätte eindeutig Andreas Baader als einen der Täter erkannt. Ein anderer Favorit war Ronald Biggs, ein Mitglied jener legendären Bande, die einst den legendären Postraub in England begangen hatten und aufgrund glücklicher Umstände, bei denen nicht ein Schuß fiel, als Gentlemen-Räuber tituliert wurden. In meinem Bekanntenkreis munkelte man, Ronald Biggs sei pleite und er müsse seine weitere Flucht vor Scotland Yard durch neue Raubzüge finanzieren. Diese Theorie teilte ich nicht, denn ich hielt es für ausgeschlossen, daß er sich für seinen neuen Coup ausgerechnet das Postamt in Kray ausgesucht hatte.

Weitere Favoriten war zum einen der Ausbrecherkönig Alfred Lekki und zum anderen Jürgen Bartsch. Es wurde gemunkelt, daß er aus der Psychiatrie ausgebrochen sei und sich ins Ausland absetzen wollte. Dazu brauchte er allerdings das nötige Kleingeld.

Nun, wer hinter dem Überfall steckte bzw. ob die Polizei die Täter dingfest machen konnte, kann ich nicht sagen. Bereits nach wenigen Tagen war dieses Ereignis schon wieder vergessen, und selbst die Lokalpresse interessierte sich nicht mehr dafür. Fest steht aber, daß weder Andreas Baader noch Ronald Biggs, Alfred Lekki oder Jürgen Bartsch diesen Überfall begangen hatten.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014