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Geen wa nach Rot-Weiß

Wie in jeder Stadt, so steht auch in Essen der Fußball an erster Stelle in der Gunst der Sportfreunde.

Es gibt eine Vielzahl interessanter Traditionsvereine mit einer wechselvollen Geschichte. Die Nummer 1 ist nach wie vor Rot-Weiß Essen, ein äußerst sympathischer Verein, der allerdings schon viel bessere Zeiten erlebt hat als die derzeitigen. Nach dem Pokalgewinn 1953 und der deutschen Meisterschaft 1955 durchlebte der Verein eine kleine Durststrecke, aber zwischen 1966 und 1977 gönnte RWE seinen Fans 7 Jahre Bundesliga. Viele große Spiele hat es in dieser Zeit gegeben. Eines der spektakulärsten davon war das im Frühjahr 1975 gegen den Reviernachbarn FC Schalke 04. Davon handelt die nachfolgende Geschichte.

Sie handelt von Emil und seinen Kumpels, die sich das besagte Spiel anschauen wollten. Alle drei stammten aus Kray. Wegen der geographischen Nähe zu Gelsenkirchen ist ein Großteil der Krayer Fußballfreunde dem FC Schalke 04 verbunden. Selbstverständlich gibt es auch viele Fußballinteressierte in Kray, die über genug Lokalpatriotismus verfügen und ihrem heimischen fußballerischen Aushängeschild die Treue halten. Zwei davon sind Jupp Koslowski und Albert Peters, die sich das Spiel der Spiele gemeinsam mit ihrem Freund Emil Katzmarek ansehen wollen. Emil interessiert sich zwar nicht die Bohne für diesen Sport, hat aber seinen beiden Freunden Albert und Jupp versprochen mitzukommen. Mit dem Bus fahren sie zum Stadion in der Hafenstraße. Albert versucht während der Fahrt, Emil das Spiel schmackhaft zu machen. Schließlich ist das heutige Spiel nicht irgendein Spiel, sondern Rot-Weiß Essen gegen den FC Schalke 04, das Spiel der Spiele überhaupt. Das darf sich weder ein Essener noch ein Gelsenkirchener Fußballfreund entgehen lassen. Albert und Jupp fiebern dem Spiel schon seit Wochen entgegen und haben den heutigen Nachmittag regelrecht herbeigesehnt. Emil kann ihre Freude und Ungeduld überhaupt nicht nachvollziehen.

„Warum spielen die Rot-Weißen denn gegen eine Mannschaft aus Gelsenkirchen? Gibt es denn in Essen keine Mannschaft, gegen die sie spielen könnten?“ fragt Emil seine Freunde während der Busfahrt. „Emil“ sagt Jupp fast empört, „das ist ein Spiel der Bundesliga. Und in der Bundesliga spielen Mannschaften aus den verschiedensten Städten wie zum Beispiel Berlin, München, Hamburg, Stuttgart und eben aus Essen und Gelsenkirchen.“

„Ach so“ sagt Emil, der langsam das System der Bundesliga zu verstehen scheint, „pro Stadt darf nur eine Mannschaft in der Bundesliga spielen. Das hättet ihr mir doch gleich sagen können.“

„Nein, es dürfen selbstverständlich auch mehrere Mannschaften aus einer Stadt in der Bundesliga spielen. Berlin hatte in der Vergangenheit mit Hertha BSC, Tasmania und neuerdings mit Tennis Borussia gleich mehrere Mannschaften in der Liga. Oder München, die haben mit den Bayern und mit 1860 gleich zwei Mannschaften in der Bundesliga“ klärt Jupp seinen Freund auf.

Emil will fragen, warum mit Hertha eine Frauenmannschaft und mit Tennis Borussia eine Tennismannschaft in der Fußballbundesliga spielen. Doch er will sich nicht den Unmut von Jupp zuziehen und verkneift sich die Frage. Rund um das Stadion herrscht eine angespannte Stimmung. Die Polizei sorgt dafür, daß sich die beiden Fangruppen nicht in die Quere kommen. Jupp kauft an einem Stand für Emil eine Schirmmütze mit dem Emblem seines geliebten Vereins. Emil kommt sich mit dieser Mütze zwar ziemlich blöd vor, hält sie aber auf dem Kopf, um seinen Freunden einen Gefallen zu tun. An den Kassen haben sich lange Schlangen gebildet. Es dauert fast 20 Minuten, bis Albert drei der begehrten Eintrittskarten ergattert hat. Auf dem Weg zur Westkurve kommen sie an einem Bierstand vorbei. Emil läuft das Wasser im Munde zusammen, als er sieht, wie das Bier aus den Hähnen in Strömen in die Becher läuft.

„Da, da, da,“ sagt Emil aufgeregt und zeigt mit seinem rechten Zeigefinger auf den Bierstand, doch Jupp und Albert, die ebenso wie er eine tiefe Zuneigung zum Bier hegen und pflegen, ignorieren das edle Getränk und eilen stattdessen in die Westkurve.

Zusammen mit seinen beiden Freunden begibt er sich zu den Anhängern der Rot-Weißen. Sie sind spät dran, denn kaum haben sie sich unter das Volk gemischt als schon der Anpfiff ertönt.

„Wir wollen keine Schalker Schweine!“ skandiert das Publikum in der Westkurve.
„Wen wollt ihr fressen? Rot Weiß Essen!“ dröhnt es aus der Ostkurve. Das Spiel ist keine 5 Minuten alt, als für die Rot-Weißen das 1:0 fällt. Die Menschen rund um Emil jubeln. Da sich auch Albert und Jupp freuen, jubelt auch Emil vorsichtshalber mit. Die Anhänger der Rot-Weißen feiern frenetisch das Tor gegen den Erzrivalen. Ihre Freude währt allerdings nicht lange, denn nur eine Minute später fällt der Ausgleich für die Schalker.

„Tor! Juchhe!“ jubelt Emil.

Die Menschen rund um Emil starren ihn wütend an und würden ihn am liebsten in der Luft zerreißen.

„Eh Du Schalker Blödmann, sieh zu, daß Du Land gewinnst sonst kriegst Du ‘n paar vor den Latz!“ ruft ein aufgebrachter Essener Sportsfreund.

Jupp erkennt die Situation und erklärt den aufgebrachten Sportsfreunden, daß Emil das erste Mal beim Fußball ist und daß er keinen blassen Schimmer vom Spiel hat. Die Essener Sportsfreunde atmen erleichtert auf, haben sie doch nicht wie befürchtet einen Schalker Maulwurf unter sich. Sofort ist Emil wieder für sie Luft und sie können sich auf das Wesentliche, dem Spiel auf dem Rasen, zuwenden.

„Emil“ maßregelt Jupp voller Empörung seinen Freund, „Du darfst doch nicht für die Schalker jubeln, die mögen wir nämlich nicht. Du darfst nur jubeln, wenn die Rot-Weißen ein Tor schießen.“

„Ach so, das hättet ihr mir aber auch vorher sagen können“ sagt Emil, der nicht versteht, warum er nur bei den Toren der Rot-Weißen und nicht auch bei den Treffern der Schalker jubeln soll.

Er findet das bunte Treiben auf dem Spielfeld doch sehr merkwürdig. Ihm ist unverständlich, warum sich die Gemüter daran so erhitzen. Er schüttelt verständnislos den Kopf. Albert hat Durst und besorgt hinter der Kurve erst einmal drei Becher Bier. Hingebungsvoll widmet sich Emil dem edlen Gerstensaft. Beim Genuß des Bieres findet er, daß es auch angenehme Seiten am Fußball gibt. Ein kleiner Spieler der Rot-Weißen stürmt auf das Schalker Tor zu, doch der Torwart der Knappen kann den Ball noch so eben über die Latte ablenken. Die Anhänger der Rot-Weißen raufen sich angesichts der vertanen Chance die Haare, während die Schalke Sportsfreunde ihren Torhüter hochleben lassen.

„War das Uwe Seeler, der eben aufs Tor geschossen hat?“ fragt Emil seine Freunde.

„Emil“ sagt Jupp empört, „der Uwe Seeler spielt doch nicht mehr. Außerdem hat er für Hamburg und nicht für uns gespielt.“

„Warum spielt der Uwe Seeler denn nicht mehr?“

„Weil er aus Altersgründen seine Karriere beendet hat.“

„Ach so, ich verstehe. Fußballer gehen auch in Rente, wenn sie über 60 Jahre alt sind“ sagt Emil, der verstanden hat, was Jupp meint.

„Nein, der Uwe war 36 Jahre alt, als er mit dem Fußballspielen aufgehört hat,“ klärt ihn Jupp auf.

„Und in dem Alter hat er seinen Rentenantrag schon durch? Nun, in dem Alter dürfte er aber kaum Rente bekommen“ stellt Emil skeptisch fest.

„Uwe Seeler hat mit 36 Jahren aufgehört Fußball zu spielen. Das heißt aber noch lange nicht, daß er in Rente geht. Er hat nebenbei noch gearbeitet und außerdem hat er als Fußballer und mit Werbung eine Menge Geld verdient.“

„Und warum hat er für Hamburg und nicht für Essen gespielt?“

„Weil Uwe Seeler ein gebürtiger Hamburger ist“ antwortet Jupp genervt, dem durch Emils Fragerei langsam der Kragen platzt und er sich nicht auf das Spiel unten auf dem Rasen konzentrieren kann.

„Sag das doch gleich. Ich wußte doch nicht, daß nur Hamburger bei Hamburg spielen dürfen. Deshalb spielen bei Essen nur Essener und bei Schalke nur Schalker“ sagt Emil, der das System des Fußballs endlich durchschaut hat.

„Selbstverständlich darf jeder in einer Mannschaft mitspielen. Nimm zum Beispiel unsere Mannschaft. Der Willi Lippens ist gebürtiger Kleveraner mit holländischem Paß, der Harry de Vlugt ist Indonesier und der Werner Lorant stammt aus Herne. Es ist völlig egal, woher ein Fußballer stammt. Hauptsache, er kann etwas und er paßt in die Mannschaft“ klärt ihn Albert auf.

„Wat weiß ich,“ sagt Emil schulterzuckend, der jetzt nur noch Bahnhof versteht, weil auf einmal auch Holländer, Indonesier und Herner in einer Essener Mannschaft mitspielen dürfen.

Die Schalker gehen kurz vor der Pause in Führung. Emil will jubeln, doch ihm fällt rechtzeitig ein, daß Jupp gesagt hat, daß er für die Blauen nicht jubeln darf. Emil sieht zwar keinen Sinn darin, warum er nur bei den Toren der Rot-Weißen jubeln soll, sind für ihn Fußballer doch eh alle gleich. Aber wenn der Fußballkenner Jupp sagt, daß er nur für die Rot-Weißen jubeln darf, muß das wohl seine Richtigkeit haben. Trotzdem sieht Emil darin keinen Sinn. Ein Oberfan brüllt etwas in ein Megaphon und die übrigen Fans antworten auf seine Fragen. Eine turbulente Halbzeit endet. In der Pause besorgt Albert weiteres Bier und Bratwürste. Während Alberts Abwesenheit fachsimpelt Jupp mit Emil über einige Szenen der ersten Halbzeit. Emil versteht von dem, was Jupp sagt, zwar nur Bahnhof, stimmt ihm aber vorsichtshalber zu. Interessanter findet Emil die Bratwurst und das Bier, das Albert besorgt hat. Während Albert und Jupp über einige Spielszenen der ersten Halbzeit fachsimpeln, widmet sich Emil hingebungsvoll der Bratwurst und dem erfrischenden Gerstensaft. Kaum hat die zweite Halbzeit begonnen, da fliegen in Richtung des Schalker Torwarts leere Flaschen und Bierdosen.

Der Stadionsprecher fordert die Hitzköpfe in der Westkurve auf, mit diesem Unfug aufzuhören. Für die jugendlichen Fans ist dies Grund genug, noch mehr Gegenstände in Richtung des Schalker Torwarts zu werfen. Ordner greifen ein. Sie packen einen etwa 14 Jahre alten Jungen und wollen ihn abführen. Emil gefällt das gar nicht.

„Lassen Sie doch den Jungen in Ruhe! Er hat doch gar nichts getan!“ schimpft Emil empört.

„Halt Dich da raus, Opa!“ sagt einer der Ordner unfreundlich zu Emil. Ein älterer Herr mit Stock greift in das Geschehen ein.

„Wie können Sie es wagen, einen unbescholtenen, älteren Mitbürger so abwertend als Opa zu bezeichnen?“ regt sich der alte Herr auf.

Emil zeigt dem Ordner einen Vogel. Das reicht. Der Ordner fühlt sich beleidigt und will Emil festnehmen. Emil wehrt sich nach Kräften. Der ältere Herr greift ein und schlägt mit seinem Stock wie eine Furie auf den Ordner ein. Zwei weitere Ordner kommen ihrem bedrängten Kollegen zur Hilfe. Sie packen den alten Mann. Jetzt greift Emil ein und prügelt auf die drei Ordner ein.

„Das ist die Jugend von heute! Keinen Respekt vor dem Alter! Na wartet, euch werde ich es zeigen!“ schimpft Emil erbost, während er dem älteren Herrn zur Hilfe eilt.

„Da gibt’s Keile! Eh Leute, da mischen wir mit!“ ruft ein jugendlicher Fan begeistert seinen Kumpels zu.

Voller Begeisterung stürzen sich die Jugendlichen auf die völlig überforderten Ordner. Ein Ordner fordert per Walkie-Talkie Verstärkung an. Polizisten stürmen in die Westkurve und schon ist die fröhlichste Massenschlägerei im Gange. Das macht die Schalker Fans in der Ostkurve ganz zappelig und nervös. Müssen sie doch tatenlos mit ansehen, wie die gegnerischen Fans von der Polizei und nicht von ihnen verdroschen werden. Albert und Jupp finden, daß es das Beste ist, sich augenblicklich zu verkrümeln. Sie packen Emil und verlassen die Westkurve und finden sich kurze Zeit später notgedrungen in der Ostkurve wieder.

Kaum haben sie sich unter die Zuschauer gemischt, als der Ausgleich für die Rot Weißen fällt.

„Tor! Juchhe!“ jubelt Emil.

„Eh, Du rot-weißer Stinker, willst Du‘n paar in die Fresse?“ schimpft ein aufgebrachter Schalke Fan.

Albert klärt den Sportsfreund darüber auf, daß Emil heute das erste Mal beim Fußball ist und die Regeln noch nicht kennt.

Die Gelsenkirchener Sportsfreunde sind erleichtert, daß sich nur ein Idiot und kein Rot-Weißer Maulwurf unter die ihren gemischt hat. „Bevor Du für Schalke jubelst, verbrenne erst einmal Deine verkackte rot-weiße Mütze!“ meckert ein anderer Schalker Sportsfreund aufgebracht und zeigt auf Emils Kopfbedeckung.

„Die Mütze ist eine Jagdtrophäe! Die hat mein Kumpel einem Rot-Weißen abgenommen, dem er vorher ein paar aufs Maul gehauen hat!“ klärt Albert den Schalker Sportkameraden auf.

„Das ist natürlich etwas ganz anderes. Dein Kumpel ist schon in Ordnung. Es gibt doch nicht schöneres, als den Rot-Weißen die Fressen zu polieren“ sagt ein Schalker Sportsfreund erleichtert und anerkennend.

„Hautse, hautse, immer auf die Schnauze!“ skandiert darauf der Schalker Sportsfreund und sofort stimmt die gesamte Ostkurve mit ein.

„Emil, bitte halte Dich ein bißchen zurück. Du bringst uns noch in Teufels Küche,“ flüstert Albert Emil zu.

„Ich dachte, ich sollte doch nur bei den Toren der Rot-Weißen jubeln“ sagt Emil verwirrt zu Albert.

„Das schon“ flüstert Albert in Emils Ohr, „aber hier bei den Blauen darfst Du das nicht. Die mögen nämlich die Roten nicht.“

Jetzt versteht Emil wirklich nur noch Bahnhof. Er versteht nicht, warum sich die Anhänger beider Vereine so spinnefeind sind. Verständnislos schüttelt er den Kopf.

„Das ist aber ein merkwürdiges Spiel“ murmelt Emil verständnislos. Die Schalker Fans geraten immer mehr in Verzückung, als kurz hintereinander ihre Lieblinge das 3:2 und drei Minuten vor Schluß das 4:2 schießen. In der Gewißheit, daß zumindestens im Fußball Gelsenkirchen vor Essen steht, feiern sie den Sieg und träumen von der Meisterschaft.

„Wie heißt der Meister im Revier? Nur der S 0 4!“ skandiert die Menge in der Ostkurve.

„Ihr seid Scheiße! Ihr der S 0 4!“ kontern die Fans aus der Westkurve. Eine Minute vor Schluß schaffen die Rot-Weißen den Anschluß. Für die Schalker Fans ist das nur Ergebniskosmetik, weil sie ganz genau wissen, daß der Schiedsrichter jeden Moment das Spiel abpfeifen wird und der Sieg ihrer ist.

Der Schiedsrichter schaut auf die Uhr, steckt seine Pfeife in den Mund und holt tief Luft, um das Spiel abzupfeifen. Doch bevor er seines Amtes walten kann, gibt es noch eine unübersichtliche Situation im Schalker Strafraum. Die Spieler in Blau-Weiß bekommen den Ball nicht aus der Gefahrenzone, sprich ihrem Strafraum, und sehr zur Verzückung der Essener Fußballfreunde zappelt der Ball – als hätte der Teufel seine Hand im Spiel – urplötzlich im Schalker Tor.

Albert und Jupp können nur unter größter Mühe ihre Freude zurückhalten. Daraufhin pustet ein Schalker Fan ein paar Mal in eine Trompete und die Fans in der Ostkurve brüllen: „Attacke!“

„Immer wieder, immer wieder, immer wieder RWE! Von der Ruhr bis an die Elbe, immer wieder RWE!“ singen die verzückten Fans in der Westkurve.

Der Schiedsrichter zeigt auf den Anstoßpunkt und pfeift das Spiel noch einmal an. Der Schalker Mannschaftskapitän drischt den Ball in den Essener Strafraum. Der Schalker Mittelstürmer bekommt den Ball unter Kontrolle, doch aus zwei Metern Entfernung schafft er es, den Ball über das leere Tor zu schießen. Die Schalker Fans sind der Verzweiflung nahe und fluchen über die Unfähigkeit ihres Mittelstürmers.

„So eine Flitzpiepe gehört doch nicht in eine Bundesligamannschaft, sondern in die Kreisklasse!“ brüllt ein aufgebrachter Schalker Fußballfreund.

Der Schiedsrichter pfeift das Spiel ab.

„Dat ich dat noch miterleben muß. Zu Zeiten von Szepan und Kuzorra hätten wir so eine Gurkenmannschaft weggeputzt“ sagt ein älterer Fußballfreund enttäuscht und ein weiterer älter Schalker Anhänger analysiert das Ergebnis mit den Worten: „Mich blutet dat Herz!“

Das Spiel endet 4:4, ein Ergebnis, daß keiner Mannschaft weh tut, aber weder den Schalkern noch den Essenern nützt. Emil jedenfalls ist froh, daß das Spiel beendet ist. Ihm ist es ein Rätsel, wieso dieser komische Sport die Massen mobilisiert und elektrisiert. Für ihn ist Fußball wie böhmische Dörfer. Er kann einmal mehr nur verständnislos mit dem Kopf schütteln.

„Das Spiel Essen gegen Schalke ist stets sein Eintrittsgeld wert. Nun Emil, wie hat Dir das Spiel gefallen?“ fragt Albert seinen Freund, als sie die Ostkurve verlassen.

„Einfach wunderbar, so etwas könnte ich mir öfters anschauen“ sagt Emil vorsichtshalber, um seine Freunde nicht zu verärgern.

„Dann kannst Du ja in zwei Wochen zum nächsten Heimspiel wieder mitkommen. Dann spielen die Rot-Weißen gegen Bayern München. Da freue ich mich genau so drauf, wie auf das heutige Spiel“ sagt Jupp.

„Ach, spielen die Fußballer nur alle zwei Wochen?“ fragt Emil.

„Nein, sie spielen selbstverständlich jede Woche. Nur in der einen Woche spielen sie Zuhause und in der darauffolgenden Woche müssen sie auswärts antreten. Wenn Du Lust hast, können wir gerne zum Rückspiel gegen Schalke nach Gelsenkirchen fahren.“

„Ach so“ sagt Emil, der langsam das System kapiert, „dann spielen die Rot-Weißen nächste Woche in Gelsenkirchen.“

„Nein“ sagt Jupp genervt, „nächste Woche spielt unsere Mannschaft in Bremen. In Gelsenkirchen spielen sie erst in knapp einem halben Jahr.“

Jetzt versteht Emil endgültig nur noch Bahnhof. Er will Jupp fragen, warum die Rot-Weißen erst in einem halben Jahr und nicht nächste Woche in Gelsenkirchen, sondern stattdessen in Bremen spielen, verkneift sich die Frage aber. Verständnislos schüttelt er den Kopf. „Das ist aber alles sehr merkwürdig“ murmelt Emil leise vor sich hin.

An einem Getränkestand genehmigen sich Emil, Albert und Jupp noch ein Bier, um gestärkt heim zu fahren. An den Ausgängen versammeln sich die Ordner und die Polizei, damit sich die verfeindeten Fußballfreunde nicht in die Quere kommen. Als sich Emil, Albert und Jupp dem Ausgang nähern, sehen sie den Ordner, der Emil vorhin in der Westkurve festnehmen wollte. Und der Mann sieht nicht gerade freundlich aus. Albert findet, daß es das Beste ist, wenn sie einen anderen Ausgang nehmen würden. Zu spät, der Ordner hat Emil schon längst entdeckt. Er macht zwei seiner Kollegen darauf aufmerksam, daß dieser Unruhestifter sofort in Gewahrsam zu nehmen ist. Ehe Emil merkt wie ihm geschieht, haben ihn die Ordner schon in ihrer Gewalt. Sie greifen Emil und wollen ihn zwecks Aufnahme seiner Personalien zum nächsten Polizeieinsatzwagen abführen. Emil wehrt sich zwar nach Kräften, doch zwei Ordner packen Emil so fest, daß an eine Flucht nicht zu denken ist. Der ihm nicht freundlich gesinnte Ordner verdreht ihm den rechten Arm und drückt ihn fest auf seinen Rücken. „Aua! Sie tun mir weh!“ schreit Emil.

Die Lage erscheint aussichtslos, zumal sich Albert und Jupp außerstande sehen, ihrem Freund zu helfen. Doch unverhofft naht die Rettung. Wie aus dem Nichts erscheint plötzlich der ältere Herr. Wie vom wilden Affen gebissen drischt er mit seinem Stock auf die Ordner ein. Der ihm verhaßte Ordner bekommt seine ganze Wut zu spüren.

„Du Rotzjunge scheinst Dich wohl mit Vorliebe an älteren Menschen zu vergreifen. Das ist die Jugend von heute. Dir werde ich zeigen, daß man das Alter zu respektieren hat“ sagt der ältere Herr wütend und drischt wie von Sinnen mit seinem Stock auf den Ordner ein.

Der Ordner läßt Emil augenblicklich los, um die heftigen Schläge des älteren Herrn abzuwehren. Seine beiden Kollegen sind nicht in der Lage, ihn vor den heftigen Attacken des älteren Herrn zu schützen und ihn außer Gefecht zu setzen. Eine Gruppe Ordner unter Mithilfe von vier Polizisten eilen ihrem bedrängten Kollegen zur Hilfe. Alles konzentriert sich auf den älteren Herrn. Die Schalker Fußballrüpel nutzen diese einmalige Gelegenheit und beginnen eine Massenschlägerei mit den ebenfalls für eine Keilerei stets bereiten Essener Hitzköpfen. Diese Aufforderung zum Tanz lassen sich die Essener Rowdys natürlich nicht zweimal sagen, zumal die Schalker Rüpel ihnen die Liebsten sind. Im Nu bricht das Inferno in Form einer fröhlichen Massenschlägerei aus. Augenblicklich lassen die Ordner den älteren Herrn los und stürmen zusammen mit einer Polizeigruppe zu der prügelnden Menge und versuchen, die Sache in den Griff zu kriegen. Von allen Seiten strömen immer mehr Fußballrüpel zum Tatort. Schließlich ist es für die Rüpel beider Seiten eine große Ehre und Auszeichnung, bei einem solch fröhlichen Scharmützel ein blaues Auge abzubekommen. Der ältere Herr nutzt die Gunst der Stunde und sucht augenblicklich das Weite. Emil, Albert und Jupp sehen ebenfalls zu, daß sie im allgemeinen Getümmel so schnell wie möglich das Stadion verlassen. Während drinnen die Polizei langsam aber sicher die Lage in den Griff bekommt, stehen die drei Freunde längst an der Bushaltestelle. Emil ist froh, als sie in den Bus der Linie 170 steigen. Emil ist über das, was er im Stadion erlebt hat, nicht sonderlich erfreut und er fragt seine Freunde: „Sind die Leute beim Fußball eigentlich immer so unfreundlich?“

„Normalerweise geht es in unserem Stadion friedlich zu. Allerdings wenn Rot-Weiß gegen Schalke spielt, dann geht es schon einmal etwas heftiger zur Sache“ klärt ihn Albert auf.

Emil schüttelt nur verständnislos den Kopf. Ihm ist einfach unverständlich, warum sich an diesem Sport so die Gemüter erhitzen. Für ihn steht fest, daß er bei aller Freundschaft zu Albert und Jupp in absehbarer Zeit kein Stadion mehr betreten wird.

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