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Sieben Wochen in der Folterkammer

Jugendliche und Popmusik – beides gehört seit den 1950er Jahren zusammen wie der Tünnes zum Scheel. Nicht nur mit der Musik, sprich Schallplatten, läßt sich viel Geld verdienen, sondern auch mit dem ganzen Drumherum in Wort und Bild. Schließlich will der Fan nicht nur die Musik, sondern auch wissen, wie sein Liebling sich durch die Tücken des Alltags schlägt und sich die Zeit außerhalb der Scheinwerfer vertreibt. Nun, ob diese Geschichten der Wahrheit entsprechen oder ob sie lediglich die Produkte der lebhaften Phantasien der jeweiligen Autoren sind, interessiert am Ende keinen Leser. Ganz im Gegenteil, denn die Klientel dieser Geschichten, in der Regel eine Leserschaft zwischen 10 und 16 Jahren, nimmt jedes Wort für bare Münze.

Marktführer auf dem Gebiet der Regenbogenpresse für die ganz junge Leserschaft ist seit jeher, und das seit den 1950er Jahren (!) „Bravo“. Konzentrierte sich der Inhalt dieser Zeitschrift in ihren Anfangstagen eher im Bereich Film, so erkannten die zuständigen Macher schnell, daß sie mit Pop- und Rockmusik ein noch größeres Publikum für sich erschließen konnten. Die Heroen der frühen Rockmusik Elvis Presley, Bill Haley oder Peter Kraus (wenn man den Begriff Rockmusik nicht so eng sieht und sehr großzügig und wohlwollend auslegt) bescherten „Bravo“ sehr schnell eine sehr große Leserschar. In den 1960er Jahren konnte sich die „Bravo“ mit der Berichterstattung über die Beatles, Rolling Stones etc. eine marktbeherrschende Stellung erkämpfen.

Ihre Blütezeit erlebte die Zeitschrift dann in den 1970er Jahren, als sie mit der permanenten Berichterstattung über Teeniestars wie T. Rex, Sweet, Osmonds, Donny Osmond, David Cassidy, Bay City Rollers und Teens Auflagen in nie gekannten Höhen erzielte. Allerdings waren es nicht nur die Berichte über die Popstars, die für Rekordauflagen sorgten, sondern auch der übrige Klimbim wie Starschnitte, Aufklärung mit Doktor Sommer (wobei dem guten Onkel Doktor dabei kein schlüpfriges Thema zu schlüpfrig war), etwas schlüpfrige Fotoromane sowie die Bravo Otto-Wahl. Beim letzteren konnten die Leser einmal im Jahr ihre Lieblingsstars wählen. Die Auszählung der Stimmen ergab dann, wer in welchen Kategorien einen Otto in Gold, Silber oder Bronze gewann. Dieser Preis war bei den in- und ausländischen Stars sehr begehrt, war er doch einer der bedeutendsten Leserpreise weltweit.

Mit den aus heutiger Sicht eher trashig wirkenden Aufklärungsseiten mit Themen wie „Mädchen beim Frauenarzt“, „Wie verhalte ich mich beim ersten Mal?“ oder „Fummeln will gelernt sein“ brach „Bravo“ ab Ende der 1960er Jahre ein Tabu. Nach Meinung vieler Eltern, Lehrer oder sonstiger Erziehungskoryphäen hatte so etwas „Unanständiges“ nichts in einer Jugendzeitschrift zu suchen. Dementsprechend wurde gegen die „Bravo“ gewettert. Das führte aber dazu, daß sich immer mehr Jugendliche für diese Zeitschrift interessierten und deren Auflage stetig steigerte.

Desweiteren versorgte die „Bravo“ ihre Leserschar mit Postern und einer Leserhitparade. Der Höhepunkt der Hitparade war, daß man die Plazierung jeden Mittwoch auf Radio Luxemburg verfolgen konnte. Die Poster in der Größe des Heftes bis zum mehrfach gefalteten Riesenposter waren von teilweise bestechender Qualität und eines der Geheimnisse des Erfolges der Zeitschrift. Die Poster aus der „Bravo“ waren teilweise derart gefragt, daß die Redaktion ab 1974 einmal im Monat unter dem Titel „Bravo Poster“ ein Sonderheft auf den Markt brachte. Allerdings ließ die Qualität der Motive im Laufe der Zeit gewaltig nach. So brachte man, um auch der männlichen Leserschaft etwas zu bieten, Motive mit sehr leicht bekleideten Fotomodellen in lasziven Posen mit zweideutigen Titeln. So lag eine blonde Schönheit in aufreizender Pose auf der Motorhaube eines Sportwagens. Das Motiv nannte sich dann „Nur Ölwechsel?“.
Einer der Starfotografen jener Zeit war Didi Zill, der alles, was in der Rock- und Popszene einen Namen hatte, ablichtete. Er war ohne Übertreibung weltweit einer der besten Fotografen auf diesem Gebiet und einer der heimlichen Stars von „Bravo“. Seine Popularität versuchte er ab 1977 auch auf Schallplatte zu vermarkten. Trotz der Promotion von „Bravo“ interessierte sich kaum ein Mensch für seine Platten, über die man getrost den Mantel des Schweigens hüllen kann

Ein weiteres Sonderheft war „Bravo Sport“. Im Gegensatz zu heute paßten bis Mitte der 1980er Jahre Pop und Sport gar nicht zusammen. In den 1970er Jahren begrenzte sich die Auswahl der Sportler, die in Bravo Beachtung fanden, bis auf ganz wenige Ausnahmen überwiegend auf Fußballer der Bundesliga (die Ausnahmen waren 1972/73 der amerikanische Schwimmer Mark Spitz, ab 1975 der schwedische Tennisspieler Björn Borg sowie kurzfristig die Leichtathletin Heide Rosendahl, die Skiläuferin Rosi Mittermeier und die rumänische Turnerin Nadja Comaneci). Die übermächtige Präsenz der Fußballer spiegelte sich regelmäßig bei der Otto-Wahl in der Sparte Sport wieder. Von Mark Spitz, Björn Borg, Heide Rosendahl, Rosi Mittermeier und Nadja Comaneci einmal abgesehen, wurde die Top 10 der beliebtesten Sportler von den Fußballassen der Bundesliga belegt. Und in der Berichterstattung über Fußballer wurden Unterschiede gemacht. Es kamen nur Fußballer in Frage, die aufgrund ihres Aussehens bei den Mädchen ein Stein im Brett hatten. Junge, langhaarige Fußballer wie Günter Netzer, Uli Honeß, Paul Breitner sowie Erwin und Helmut Kremers waren bei den Mädchen besonders gefragt. Ab Mitte der 1970er Jahre kam noch Hansi Müller hinzu, der von „Bravo“ besonders „gefördert“ wurde. Der Grund dafür war, daß Hansi Müller, damals noch in der A-Jugend des VFB Stuttgart, 1975 an der „Bravo Teen Wahl“ teilgenommen hatte und aufgrund seines etwas südländisch anmutenden Äußeren das Interesse der zwölf- bis fünfzehnjährigen Mädchen auf sich zog. Seine Teilnahme an der Teen-Wahl veranlaßte Sepp Maier dazu, während eines Interviews bei der WM 1978 in Argentinien seinen Nationalmannschaftskollegen Hansi Müller „unseren Bravo-Boy“ zu nennen. Wie dem auch sei, Pop und Sport paßte in den 1970er Jahren nicht so recht zusammen und so verschwand „Bravo Sport“ nach kurzer Zeit wieder vom Markt.

Über die Stars wurde groß und ausführlich berichtet. So wurden in der Berichterstattung wahres, halbwahres, Gerüchte und die eigenen Phantasien der Autoren bunt durcheinandergewirbelt. Das Absurdeste war nicht absurd genug, um nicht gedruckt zu werden. Egal ob ein Star eine neue Platte auf den Markt gebracht hatte, gerade auf Tournee war oder sonst versuchte, in die Schlagzeilen zu kommen - alles war einen mehrseitigen Bericht wert. Ob den Stars diese Berichterstattung nun gefiel oder nicht, sie machten gute Miene zum Spiel, schließlich förderte diese Berichterstattung ihre Popularität.

Der Erfolg der „Bravo“ aus dem Heinrich-Bauer-Verlag ließ andere Verlage nicht ruhen und so versuchten sie, etwas eigenes auf die Beine zu stellen, um auch ein großes Stück von diesem gewinnbringenden Kuchen abzubekommen.
Während „Bravo“ auf dem Gebiet der Jugendzeitschrift schon innovativ war, so wirkten Magazine wie „Freizeit Magazin“, „Pop“, „Popcorn“ und wie sie alle hießen nur wie ein müder Abklatsch der „Bravo“. Ob sie nun über die aktuell angesagten Stars berichteten, Poster brachten oder Tips zum Fummeln, alles hatte man vorher schon, und das wesentlich kompetenter, in der „Bravo“ gelesen. Auch hier war den Phantasien der Autoren keine Grenzen gesetzt. Eine der bizarrsten Reportagen erschien in „Pop“ zum Thema The Sweet unter dem Titel „Sieben Wochen in der Folterkammer“ (Die Geschichte handelte von einer siebenwöchigen Tournee der Sweet).

Eine wirklich sehr gutgemachte Popzeitschrift war „Musik Joker“, die ab Anfang 1976 erschien. Ein Blick auf den Verlag ließ zunächst Schlimmes vermuten, denn von einer Zeitschrift aus dem Axel Springer-Verlag erwartet man nicht unbedingt seriöse Berichterstattung. Doch der „Musik Joker“ lehrte einen eines besseren. Anfangs war die Zeitschrift aufgemacht wie die „Bild am Sonntag“. Der „Musik Joker“ unter der Leitung von Chefredakteur Conny Schnur beschränkte sich auf das Wesentliche, auf das Musikgeschehen in der Bundesrepublik Deutschland mit einem Blick hinüber nach England und den Vereinigten Staaten. Hier wurden äußerst sachlich dem Leser jene Stars und Musiker nähergebracht, die in „Bravo“ und Co. keine Beachtung fanden. So war der „Musik Joker“ die erste Popzeitung in Deutschland, die 1976 in einer ihrer ersten Ausgaben Bob Marley einem größeren Publikum vorstellte. Somit war der „Musik Joker“ die ideale Popzeitung für die Jugendlichen, die für die „Bravo“ langsam zu alt wurden und nach mehr Tiefgang in den Reportagen gierten. Allerdings schaffte der „Musik Joker“ nicht den Sprung in die 1980er Jahre. Aufgrund sinkender Auflagen verschwand dieses wirklich gute Magazin Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre sang- und klanglos vom Markt.

Mit einem ähnlichen Konzept ging ab 1977 „Rocky“ an den Start, die ihren Lesern versprach, frei von Bay City Rollers und Konsorten zu sein. Und in der Tat, anfänglich war „Rocky“ eine echte Alternative zu den handelsüblichen Teeniepostillen. Ihren Anspruch wurden sie anfangs gerecht. Das spiegelte sich bei der Motivauswahl der Poster wieder. Statt Bay City Rollers, Shaun Cassidy oder Leif Garrett bot „Rocky“ seinen Lesern Status Quo, Who, Led Zeppelin oder Rolling Stones. Allerdings war diese Glückseligkeit nur von kurzer Dauer und der anfangs wirklich gute Inhalt flaute schnell ab ins Banale. Irgendwann fusionierte „Rocky“ mit der Zeitschrift „Pop“ zum endgültigen Bravo-Klon.

Für die etwas älteren Leser gab es die deutsche Ausgabe von „Sounds“ und „Musik Express“. Beide Zeitschriften wandten sich an ein rockorientiertes Publikum und griffen jede aktuelle Strömung in der Rockmusik sofort auf. Während „Bravo“ und Co. 1977 über jede Blähung der Bay City Rollers ausgiebig berichteten, brachten „Sounds“ und „Musik Express“ ihren Lesern Punk und New Wave näher. Wobei man bemerken muß, daß der „Musik Express“ die wesentlich bessere Zeitschrift war. Während sich „Sounds“ immer einen etwas pseudo-intellektuellen Anstrich gab, bestach der „Musik Express“ immer durch einen satirischen Unterton. Deren Autoren wie etwa Hermann Haring oder Werner Zeppenfeld ließen keine Gelegenheit aus, um in ihren Berichterstattungen ihre Abneigungen gegen bestimmte Rockstars zu äußern, was zur Folge hatte, daß man in der kommenden Ausgabe bitterböse Leserbriefe zu lesen bekam. So stellte sich z. B. Hermann Haring in einem Bericht über die Queen die Frage, ob die Haare auf Freddie Mercurys Brust echt seien oder ob es sich um ein Toupet handelte. Oder er beschrieb eine neue LP von Ritchie Blackmores Rainbow mit einen einzigen Satz: „Irgendwo hat der alte Spruch immer noch seine Gültigkeit: Traue keinem über 30.“ So etwas war natürlich in den Teeniepostillen undenkbar, dort ging man mit den angesagten Stars völlig unkritisch um und berichteten über sie so, wie es die Fans erwarteten.

Wenn man Anfang der 1970er Jahre ins Teeniealter kam und sich für Popmusik interessierte, führte kein Weg an der „Bravo“ vorbei. Sie gehörte einfach zum täglichen Leben und wenn man in seinem Freundeskreis mitreden wollte, kam man an ihr nicht vorbei. Sie war halt die ideale Ergänzung zur „Hitparade“, „Disco“, „Beat Club“ (etwas später dann „Musikladen“) und „Starparade“. Während man in den einschlägigen Musiksendungen den Stars bei ihrer Arbeit zusehen durfte, versorgte uns die „Bravo“ mit den nötigen Hintergrundwissen. Ob das, was dort stand, auch der Wahrheit entsprach oder ob die Geschichten nur den ausufernden Phantasien der Autoren entsprungen war, war einem Großteil der Leserschaft im Grunde auch schon wieder egal. Während meine Schwester diese Berichte mit einem gesunden Maß an Skepsis begegnete, waren ihre Freundinnen völlig unkritisch und glaubten jedes Wort, was dort zu lesen war.

Donnerstag war „Bravo“-Tag und in den Pausen wurden auf den Schulhöfen der allerneueste Klatsch aus der „Bravo“ heiß diskutiert. Meine Schwester war in der glücklichen Lage, daß sie ihre neueste Ausgabe bereits schon einen Tag vorher bekam und somit ihren Freundinnen immer eine Nasenlänge voraus war. So war sie am Donnerstag in der großen Pause bestens darüber informiert, warum z. B. Brian Connolly von den Sweet Ärger mit seinem Lidschatten hatte, daß David Cassidy nicht an Magenkrebs litt, sondern seine Magenbeschwerden in Verbindung mit schweren Blähungen vom übermäßigen Genuß einer delikaten Erbsensuppe herrührten oder daß Chris Roberts soeben eine neue Single auf den Markt gebracht hatte.

Á propos Chris Roberts. Heute undenkbar, war es damals gang und gäbe, daß in den einschlägigen Teeniepostillen auch Platz für deutsche Schlagersänger war. Neben Berichten über Sweet, T. Rex, Osmonds, David Cassidy oder Deep Purple kamen auch deutsche Interpreten wie Chris Roberts, Rex Gildo, Juliane Werding, Peter Maffay oder Bernd Clüver zu ihrem Recht. Als jugendlicher Musikkonsument war man damals nicht so eindimensional ausgerichtet wie die heutige Jugend, sondern interessierte sich auch für die heimischen Stars. Auch wenn man das, vor allem bei den Jungs, nicht zugab! Ich hatte im Frühjahr 1973 keine Gewissenskonflikte, mir gleichzeitig „Block Buster!“ von den Sweet und „Bianca“ von Freddy Breck zu kaufen. Welcher Jugendliche würde sich heutzutage gleichzeitig Tonträger von irgendwelchen Rapper, Techno-Stars und Andy Borg kaufen?

Manchmal reichte die „Bravo“ allein nicht aus, man gierte nach mehr Informationen und kaufte sich zusätzlich ein Konkurrenzblatt, z. B. das „Freizeit Magazin“. Verkaufsargument für diese Zeitschrift war, daß sie fast 20 Pfennige billiger war als die „Bravo“. Der günstigere Verkaufspreis war gleichbedeutend mit dem Inhalt, denn das „Freizeit Magazin“ wirkte wie ein Zweitaufguß, ein Recycling  der „Bravo“. Was bei „Bravo“ spritzig und manchmal auch etwas frech wirkte, war beim „Freizeit Magazin“ einfach brav und bieder. Das wurde besonders im Aufklärungsteil deutlich. Konnte man zu diesem heiklen Thema bei Dr. Sommer den Geist der späten 1960er Jahre erkennen, sah man im „Freizeit Magazin“ immer den moralisch erhobenen Zeigefinger. Hier wehte nicht der frische Wind der Brand-Ära, sondern der verklemmte Mief der Adenauer-Ära. Ähnlich ungelenk, eher unfreiwillig komisch waren auch die Beiträge in anderen Teeniepostillen, die wie absurde Oswald-Kolle-Karikaturen wirkten.

Meine letzte „Bravo“ habe ich mir Ende August 1977 gekauft (meine Schwester hatte sich schon einige Jahre vorher mit Grausen von ihrer einstigen Lieblingslektüre abgewandt). In meiner letzten Ausgabe gab es einen mehrseitigen, ausführlichen Bericht zum Tode von Elvis Presley. So traurig sein Ableben für die Musikwelt auch war, so unfreiwillig komisch war der Bericht in der „Bravo“.

Außer „Bravo“ sind inzwischen alle anderen Teeniepostillen vom Markt verschwunden. In Zeiten von Internet und Medienüberflutungen hat das einstige Flaggschiff unter den Popzeitschriften mit sinkenden Auflagenzahlen schwer zu kämpfen. Vorbei sind die goldenen Zeiten, vor allem die der 1970er Jahre, als „Bravo“ sich Woche für Woche millionenfach verkaufte.

Aber was ist eine Teeniezeit ohne diese Zeitschrift? Was bleibt, sind Erinnerungen an knallbunte Poster, absurde Berichte und verschämt-verschmitzte (Pseudo-)Erotik. Welcher Teenie der 1960er und 1970er Jahre möchte eine so feinsinnige Berichterstattung zum Thema „Mädchen beim Frauenarzt“ missen?
 

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