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Silvesterfeuerwerk

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr gehört für Kinder, Jugendliche, passionierte Pyromanen und angehende Terroristen/Anarchisten (Nichtzutreffendes bitte streichen!) zu der schönsten Zeit des Jahres. Am schönsten ist es, wenn man die Knall- und Feuerwerkskörper vor Sylvester einem ausgiebigen Test unterziehen kann. In den frühen 1970er Jahren war es wesentlich einfacher, an die begehrten Knallkörper heranzukommen. Zwar war damals wie heute der Verkauf an Personen unter 18 Jahren strengstens verboten, doch das kümmerte die Händler herzlich wenig. Ihnen war daran gelegen, mit Feuerwerkskörper in kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen.

Fast jede „Bude“ und jedes Schreibwarengeschäft in Kray verkaufte in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr (und auch schon davor) Knallkörper. Bei uns Kindern und Jugendlichen waren sie eine sehr gefragte Ware. Konnte man doch hier zeigen, was für ein Kerl man war. Bei den Chinakrachern ließ man die Lunte soweit abbrennen, bis man sie nicht mehr sah, und schmiß sie dann in die Luft, so daß sie nach der Detonation in tausend kleine Fetzen gesprengt waren. Wer den Knallkörper zu früh wegwarf, galt als Weichei. Wenn man nach Weihnachten vielleicht im Besitz von 2 oder mehr D-Mark war, setzte man dieses Geld in Knaller um. Fürs Geld bekam man viel, wenn man bedenkt, daß eine Packung mit 8 Chinakrachern gerade mal 40 Pfennige kostete. Man tat sich zu „Knallerbanden“ zusammen und malträtierte mit infernalischem Lärm die genervte Nachbarschaft. Das war halt der Probelauf für die Sylvesternacht.

Für Sylvester kaufte ich mir in der Regel zwei Packungen Chinakracher. Ich fand, daß diese Menge durchaus ausreichte, um das neue Jahr willkommen zu heißen. Am 30. Dezember 1974 fragte mich mein Freund Harry, ob ich nicht Lust hätte, zusammen mit ihm bei Direkta in der Rodenseelstraße Knaller und Raketen zu kaufen. Stolz zeigte er mit den 100 DM-Schein, den ihn sein Vater extra für die dieses Vergnügen zur Verfügung gestellt hatte. Ich war erstaunt, wie großzügig sein Vater war. Aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums gingen seine Eltern regelmäßig am Stock und pumpten (schnorrten!) sich auch schon mal Geld in der Nachbarschaft. Da ich mir selbst meine Sylvesterration besorgen wollte, begleitete ich Harry zu Direkta. In der Tapetenabteilung fand der Verkauf vom Sylvesterfeuerwerk statt. Harry schnappte sich eine Einkaufskarre und legte alles mögliche an Knallkörpern und Raketen hinein. Auch wenn er nicht gerade eine Leuchte war, in solchen Sachen kannte er sich aus, hier war er ein Experte. Harry meinte, er hätte so viel, daß ich etwas von ihm abhaben könnte. Diese Großzügigkeit wußte ich zu schätzen, hatte ich mir doch Geld gespart, um meine Sammlung mit Singleplatten zu erweitern. Mit vier prall gefüllten Plastikbeuteln machten wir uns auf den Heimweg.

Sylvester 1974 war ein trüber, nebeliger Tag. Diese Wetterbedingungen hielten aber niemanden davon ab, vor Mitternacht nach draußen zu kommen und Punkt 24 Uhr das neue Jahr zu begrüßen. Genau um Mitternacht, man konnte entfernt die Glocken der Alten Kirche und von St. Barbara hören, ging das Feuerwerk los. Unzählige Raketen erhoben sich gen Himmel, und ebenso unzählige Knallkörper sorgten dafür, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Ich ging erst einmal auf den Hof, um die Raketen, die mir Harry in seiner uneigennützigen Selbstlosigkeit überlassen hatte, abzufeuern. Allerdings stellte ich nach dem Abschuß der sechsten und letzten Rakete fest, daß ich dieser Art von Feuerwerk nicht viel abgewinnen konnte. Anschließend ging ich auf die Straße, um den Chinakrachern und Kanonenschlägen den Garaus zu machen. Aus unserem Hausflur ertönte infernalischer Lärm. Unser stark angetrunkener Nachbar Herr Max (zwischen ihm und dem Alkohol bestand eine tiefe innige Beziehung) hatte im Hausflur einen Kanonenschlag detonieren lassen und war ganz stolz auf diese Aktion. Auf der Straße angekommen, mußte er uns Jugendlichen erst einmal demonstrieren, wie ein ganzer Kerl Feuerwerkskörper zündet. Er steckte sich einen Chinakracher in den Mund, zündete die Lunte mit der Glut einer Zigarette und spuckte ihn dann, kurz bevor die Lunte abgebrannt war, wieder aus. Einige Kinder waren von so viel Mut ganz beeindruckt. Seine Frau fand das gar nicht so komisch. Die etwas tumbe Frau Max rief ihren nicht minder tumben Ehemann zur Vernunft auf, doch ihre Appelle blieben ungehört.

Als die Knallerei langsam aber sicher abebbte, gab es noch einen ganz besonderen Kracher: Ein Zeitgenosse aus der oberen Lunemannsiepen hatte einen Kanonenschlag in seiner Hand detonieren lassen! Diese war zur Hälfte abgesprengt, und jetzt lief er schreiend vor Schmerz durch die Straße und zeigte jedem seinen blutigen Stumpf. Für Ästhetiker und für diejenigen, die vorher gut zu Abend gegessen hatten, war das mit Sicherheit kein erfreulicher Anblick. Wie dem auch sei, der gute Mann wird Sylvester 1974 mit Sicherheit nicht vergessen.

Nachdem die Knallerei so gut wie beendet war, ging ich mit meinen Freunden Harry, Dirk und Andreas auf die Suche nach „Blindgängern“. Je mehr Blindgänger man fand, um so mehr konnte man am folgenden Tag noch knallen. Die Suche erwies sich als äußerst schwierig, denn durch den Nebel und den Qualm der Feuerwerkskörper konnte man kaum die Hand vor Augen sehen. Wer ortsfremd war, hätte sich in unserem Viertel garantiert verlaufen. Wie dem auch sei, wir fanden genügend nicht abgebrannte Feuerwerkskörper, mit denen wir am kommenden Morgen die Langschläfer aufwecken konnten.

Als ich wieder die elterliche Wohnung betrat, setzte ich mich erst einmal vor den Fernseher und sah mir zum Abschluß des Tages eine Sendung mit den Schlagern des Jahres 1974 an. Diese Sendung fand ich wesentlich erfreulicher als wenige Stunden zuvor „Zum blauen Bock“.

Feuerwerkskörper habe ich mir schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gekauft. Das letzte Mal, daß ich mich an einem Sylvesterfeuerwerk aktiv beteiligt habe, war 1978. Ich finde, sollen die anderen doch knallen und die Raketen in die Luft steigen lassen. So habe ich mir doch eine ganze Menge Geld gespart.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014