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Gehn wa nach Steele

Was heute als nicht mehr zeitgemäß und als Auslaufmodell bezeichnet wird, war bis in die frühen 1980er Jahre hinein der Motor des Einzelhandels schlechthin: Das Warenhaus. Die Warenhauskonzerne rissen sich darum, in jeder größeren Stadt eine neue Filiale zu eröffnen. Die begehrten Lagen waren die Innenstädte. Die Nachfrage der Kunden war so groß, daß die großen Konzerne dazu übergingen, auch in den attraktiven Vororten der großen Städte neue Filialen zu errichten. So eröffnete Karstadt Filialen in Borbeck, Rüttenscheid, Altenessen und Kettwig.

1967 hatte Wertheim ein Warenhaus auf dem Gelände des ehemaligen Rathauses auf der Kettwiger Straße eröffnet. Wertheim wurde von den Essener so gut angenommen, daß sich der Konzern entschloß, eine weitere Filiale in der Ruhrmetropole zu eröffnen. Die zuständigen Planer hatten einen besonders attraktiven Standort auserkoren: Steele. Dieses Vorhaben stieß bei den hiesigen Städteplanern auf offene Ohren, denn nach dem Motto „Unsere Stadt muß schöner werden“ hatten sie bereits 1970 begonnen, das Bild des beschaulichen Steele radikal zu verändern. Die erste Maßnahme war die, daß der schmucke Steeler Westbahnhof der Abrißbirne zum Opfer fiel und zu einer gesichtslosen Bahnhaltestelle verkam. Dort wo Wertheim sein modernes Haus geplant hatte, wüteten wenig später die Abrißbirnen und Bagger. Gnadenlos fielen ihnen die schmucken alten Häuser zum Opfer. Solche Bauvorhaben würden spätestens seit den späten 1970er Jahren auf heftige Bürgerproteste stoßen, damals wurde es fast widerstandslos hingenommen. Alles mußte „schöner“ und moderner werden, geschichtliche Aspekte kümmerten die zuständigen Bauplaner herzlich wenig. Nach den gleichen gedankenlosen Kriterien wurden 1966 das historische Rathaus auf der Kettwiger Straße und 1972 das historische Hotel „Kaiserhof“ dem Erdboden gleichgemacht und somit ein Stück Essener Geschichte unwiederbringlich vernichtet.

Nun, mit dem Thema Denkmalschutz habe ich mich als 12jähriger noch nicht befaßt. Vielmehr stand die Tatsache im Vordergrund, daß im benachbarten Steele ein großes Warenhaus eröffnete, das man bequem zu Fuß erreichen konnte und man nicht mehr in die Innenstadt mußte. Von unserem Standort aus war es gerade einmal eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt. Die Eröffnung von Wertheim im Jahre 1972 war ein großes Ereignis. Jeder aus meinem Bekanntenkreis wollte dabei sein.

Die Menschenmassen, die sich am Tag der Eröffnung durch Steele bewegten, waren so zahlreich, wie sie Steele in seiner langen Geschichte noch nicht gesehen hat. Für viele Menschen aus Steele und dem angrenzenden Kray war der Wertheimbau so etwas wie das achte Weltwunder. Vor dem Gebäude wurden Luftballons verteilt, außerdem gab es Stände mit Bratwürsten und Freibier. Letztere Tatsache hatte sich schnell in der Essener Trinkerszene wie ein Lauffeuer verbreitet, die dieses großzügige Angebot an diesem Tag dankbar annahmen und ihrer Leber Schwerstarbeit zumuteten. Im Haus selber drängten sich die Menschenmassen, so daß man kaum voran kam. Eigentlich war ein Einkauf an diesem Tag so gut wie unmöglich. Ähnlich chaotische Zustände habe ich noch einmal erlebt und zwar im Herbst 1977, als auf dem heutigen Willy-Brandt-Platz Horton seinen Neubau eröffnete.

Wertheim mit seinem vielfältigen Angebot wurde von der Kundschaft im Essener Osten und dem angrenzenden Bochum so gut angenommen, daß sich der Konzern entschloß, Mitte der 1970er Jahre neben dem Warenhaus noch ein Parkhaus zu bauen. Für das Parkhaus wurde die Humannstraße dem Erdboden gleichgemacht. Was damals als chic und modern galt, Warenhaus und Parkhaus, gilt heute als eine der Bausünden der 1970er Jahren. In jenem Jahrzehnt war Steele als Einkaufsstandort so attraktiv, daß Karstadt in der Hansastraße ein Warenhaus seiner Billigkette Kepa eröffnete. Was mich betraf, so war Steele in den Jahren 1972  - 1975 attraktiver als die Essener Innenstadt.

Den goldenen Zeiten der Warenhäuser folgte spätestens ab den beginnenden 1980er Jahren das große Sterben. Geblendet von den guten Umsätzen in den Vorstädten suchten die Manager nach immer neuen Standorten. In immer kürzeren Abständen wurden neue Warenhäuser eröffnet, die sich aber nach kurzer Zeit nicht mehr rentierten. Waren 1970 Warenhäuser in den Vororten noch wahre Goldminen, so folgte ab 1980 der große Katzenjammer. Fehler und Fehlmanagement sorgten dafür, daß die Kaufpaläste in den Vororten als erste geschlossen wurden. Ein solches Schicksal ereilte auch das Wertheim-Haus in Steele. Schuld war nach Einschätzung der Konzernleitung diverse Straßenbaumaßnahmen der Stadt Essen, weil dadurch die Käuferströme ausblieben. Auf die Idee, daß die Fehler hausgemacht waren, kamen sie nicht. Um 1982 schloß Wertheim für immer seine Pforten in Steele.

Bis 1985 stand das Gebäude, an dem mittlerweile der Zahn der Zeit nagte, leer. Wahrscheinlich wäre es irgendwann den Abrißbirnen zum Opfer gefallen, hätte sich nicht ein Investor in Form eines SB-Warenhaus gefunden. Aus dem Warenhaus entstand ein kleines Einkaufszentrum mit dem vermeintlichen Magneten, dem SB-Warenhaus Globus, sowie mehreren kleineren Geschäften und dem Straßenverkehrsamt. Obwohl Globus knapp 10 Jahre wieder die Segel strich, so heißt der Gebäudekomplex bis zum heutigen Tag Globus-Center.

Der Wertheim-Konzern selber mußte 1986 Konkurs anmelden und schloß auch sein Warenhaus auf der Kettwiger Straße. Mußte für das Gebäude knapp 20 Jahre zuvor das Essener Rathaus weichen, so ereilte dem gesichtslosen Bau kurz nach der Schließung das gleiche Schicksal. Kein Essener wird ihm auch nur eine Träne nachgeweint haben.

© Claus Salewski, 30. Dezember 2009

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