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Weihnachten mal blau-weiß

Irgendwann Anfang der 1970er Jahre begann ich mich für Fußball zu interessieren. Begierig sog ich jede Information auf, die mit diesem Thema zu tun hatte. Ich will mich ja nicht selber loben, aber innerhalb kurzer Zeit war ich in meinem Freundeskreis ein echter Experte in Sachen Fußball. Klar, daß ich mir die Spiele nicht nur auf der Mattscheibe anschauen, sondern live vor Ort dabei sein wollte.

Wenn man aus Essen kommt, ist die erste Anlaufstelle natürlich Rot-Weiß Essen, der sympathische und liebenswerte Kultverein von der Hafenstraße. In meinem Freundeskreis stieß diese Wahl auf Unverständnis, waren sie doch der Meinung, daß, wenn man guten Fußball sehen wollte, zum FC Schalke 04 hin müsste. Aber ich sagte mir, warum in die Ferne schweifen, wenn man Bundesligafußball direkt vor der eigenen Haustür serviert bekommt?

Mein Interesse für den Fußball ging so weit, daß ich mir nicht nur die Heimspiele von RWE, sondern auch die vom ETB Schwarz-Weiß Essen (ihr wißt schon: Unvergessen, Schwarz-Weiß Essen) zu Gemüte führte. Das war doch was, denn welche Revierstadt konnte schon Bundesliga und zweite Liga (damals Regionalliga West) auf einen Schlag bieten? Gut, Gelsenkirchen hatte neben dem FC Schalke 04 Anfang der 1970er Jahre mit Eintracht Gelsenkirchen kurzzeitig einen Vertreter in der Regionalliga. Aber weder der FC Schalke noch Eintracht Gelsenkirchen interessierten mich sonderlich.

Wenn man sich so für Fußball interessiert, warum soll man nicht selber im Verein spielen? Ich hatte gleich zwei Vereine in der unmittelbaren Nähe, und zwar den DJK Kray 09 und Kray 04. Da ein Großteil meiner Freunde bei Kray 04 spielte, lag es für mich nahe, im Frühjahr 1973 dort ebenfalls Mitglied zu werden. Meine Freunde hatten dagegen ganz andere Beweggründe, um für Kray 04 zu spielen. Sie alle waren Anhänger des FC Schalke 04 und da bot es sich geradezu an, bei einem Verein zu spielen, der ebenfalls das Gründungsjahr 1904 in seinem Vereinsnamen trug und deren Spielkleidung blau-weiß war.

Nun, sich Fußball anschauen und diesen Sport selber zu betreiben ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Nach den ersten Trainingseinheiten staunte ich nicht schlecht, wie gut ein Großteil meiner Sportkameraden mit dem Ball umgehen konnte. Ich tat mich jedenfalls ziemlich schwer damit, mir eine gewisse Technik anzueignen. Der Trainer war jedenfalls der Meinung, daß ich aufgrund meiner rustikalen Art einen guten Verteidiger abgeben würde. Eigentlich wäre ich lieber Mittelstürmer gewesen, weil diese Spieler am meisten bewundert wurden (und werden). Aber schließlich ist ein guter Verteidiger das Rückgrat einer jeden erfolgreichen Mannschaft. Außerdem, was nutzt einer Mannschaft der beste Torjäger, wenn die Abwehr löchrig ist wie ein Schweizer Käse, jede Menge Gegentore kassiert und ein Spiel nach dem anderen verliert?
Im weiteren Verlauf des Jahres 1973 war der Trainer dann doch nicht unbedingt von meinen spielerischen „Qualitäten“ überzeugt und bei den wöchentlichen Mannschaftsaufstellungen kam ich noch nicht einmal auf die Reservebank. Immerhin durfte ich ein einziges Mal ran. Ende November 1973 war der Mannschaftskader durch diverse Krankheiten und Zipperlein stark dezimiert, daß dem guten Mann nichts anderes übrig blieb als mich aufzustellen. Zunächst mußte ich auf der Ersatzbank Platz nehmen. In der ersten Halbzeit sah ich dann, wie meine Freunde, die sich allesamt für talentierte Nachwuchsfußballer hielten und schon von Karrieren in der Bundesliga träumten, fröhlich vor sich hin dilletierten. Die Gastmannschaft, ich weiß nicht mehr, wer es war, war eigentlich auch nicht viel besser als wir und führte bereits nach 20 Minuten mit 4:0. Hätten die Jungs konsequent so weitergespielt, dann hätten sie uns zweistellig in die Halbzeit geschickt. So stand es zur Pause „nur“ 5:0 für sie. Kurz vor der Halbzeit ordnete der Trainer an, daß ich mich warmlaufen sollte, damit er mich zur zweiten Halbzeit einwechseln kann. Gesagt, getan, und so kam ich zu meinem ersten, aber auch leider letzten Einsatz für Kray 04. Ich will mich ja nicht selber loben, finde aber, daß ich meine Sache doch sehr gut gemacht habe. Das Spiel in der zweiten Halbzeit fand ausschließlich in unserem Strafraum statt und die Gästemannschaft setzte alles daran, etwas für ihr Torverhältnis zu tun. Ich hatte unsere Abwehr so gut organisiert, daß unser Torwart in der zweiten Halbzeit nur zwei Bälle halten mußte. Die restlichen Torschüsse wurden von der von mir gut organisierten Abwehr abgefangen. Nach dem Spiel war der Trainer stocksauer, daß wir mit 0:5 verloren hatten. Die zweite Halbzeit scheint er gar nicht richtig mitbekommen zu haben. Hätte er gesehen, wie gut ich die Abwehr organisiert und dirigiert hatte, hätte er für die nächsten Spiele die Mannschaft entsprechend umgestalten können. Für die nächsten Spiele hat er mich nicht mehr berücksichtigt, noch nicht einmal für die Reservebank. Wer weiß, wie die Saison für die Mannschaft mit einer stabilen Abwehr noch verlaufen wäre. Durch seine vorsätzliche Ignoranz hat er möglicherweise ein großes Talent dem deutschen Fußball vorenthalten. Nach dieser nicht gerade erfreulichen Erfahrung verlor ich verständlicherweise die Freude am Fußballspielen und Mitte 1974 war meine Fußballerkarriere auch schon wieder zu den Akten gelegt.

Ein doch recht erfreuliches Ereignis hat es bei Kray 04 dennoch für mich gegeben und zwar die Weihnachtsfeier 1973 für die Jugendmannschaften. Diese fand eine Woche vor Weihnachten im großen Saal der Gaststätte Kuhaupt am Zehnthof statt. Der Saal war weihnachtlich dekoriert und auf den Tischen standen bunte Teller mit jeder Menge weihnachtlicher Leckereien, mit denen man seinen ärgsten Hunger stillen konnte. Der Verein hatte ein recht ansprechendes Programm auf die Beine gestellt. Zu Beginn sang ein Kinderchor auf der Bühne eine Reihe von bekannten Weihnachtsliedern. Für einige meiner Freunde war dieser Gesangsvortrag etwas „spießig“, hätten sie doch lieber die aktuellen Hits von The Sweet, Slade, Deep Purple oder Led Zeppelin gehört, möglichst noch von den Originalinterpreten live on stage.
Nun, die besagten Gruppen zu engagierten hätte den Finanzetat von Kray 04 ein klein wenig überschritten, und so mußten sich die Nörgler mit dem Steeler Kinderchor begnügen. Immerhin gab es zum Abschluß dieser Darbietung noch einige Lieder, die so manchen Fußballfreund beglücken dürften: „Fußball ist unser Leben“, „Blau und weiß wie lieb ich dich“ (ein Lied, das viele meiner Freunde inbrünstig mitsangen) oder „Bin i Radi, bin i König“. Nach etwa einer dreiviertel Stunde war der musikalische Teil beendet und der Wirt machte uns darauf aufmerksam, daß wir uns jetzt Getränke bestellen können. Singen macht durstig und so bestellte ich mir ein Glas Coca-Cola. Meine Mutter hatte mir 2 DM mitgegeben und ich war der festen Ansicht, daß ich dafür mindestens 2 Getränke bekommen würde. Ohne rot zu werden verlangte die Kellnerin von mir 1,50 DM für das kleine Glas Coca-Cola. Für die damalige Zeit war 1,50 DM ein stolzer Preis für ein Getränk, wenn man bedenkt, daß man damals ein Glas Bier für unter einer Mark bekommen hat. Irgendwann hatte ich das Verlangen nach einem weiteren Getränk, hatte aber nur noch fünfzig Pfennige in der Tasche. So fragte ich einige meiner Freunde, ob sie mir nicht vielleicht eine Mark leihen könnten, die am nächsten Tag wieder zurückbekämen. Da meine Freunde sehr freundschaftlich und kameradschaftlich gesinnt waren, wurde mein Anliegen ignoriert. Einzig Harry zeigte sich nach einigem Zögern bereit, mir eine Mark zu geben. Er gab mir nur deshalb das Geld, weil er mir seinerseits noch eine Mark schuldete.

Nachdem wir uns alle ausgiebig erfrischt hatten, gab es eine besondere Überraschung. Für jedes anwesende Clubmitglied gab es eine große Geschenktüte. Die Tüten wurden überreicht von zwei bekannten, ehemaligen Fußballern vom FC Schalke 04. Neben den üblichen Leckereien gab es in jeder Tüte eine individuelle Überraschung. Viele der anwesenden Kinder und Jugendlichen machten lange Gesichter, weil die Überraschung nicht unbedingt ihren Vorstellungen entsprach. Wer kann schon ein Badehandtuch, ein Waschlappenset oder eine Tasse mit dem Vereinswappen von Kray 04 gebrauchen? Mein Präsent konnte sich dagegen sehen lassen: Eine Single, „Merry X-mas everybody“ von Slade. Der absolute Höhepunkt in der Tüte war aber ein großer dunkelroter Apfel, der traumhaft schmeckte.

So unerfreulich die Zeit bei Kray 04 für mich auch war, die Weihnachtsfeier hat für vieles entschädigt und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014