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Wir gestalten einen Weihnachtsgottesdienst

Wer der evangelischen Kirche angehört, kommt eines Tages in den Genuß des Konfirmandenunterrichts. In meinem Fall wäre es ab 1972 soweit gewesen. Ab dem Spätsommer 1972 besuchte ich den Unterricht in der Leither Straße bzw. Eckenbergstraße. Als besonderes Bonbon hatten die beiden Pastoren Rojahn und Steckel einen einwöchigen Urlaub am Lugano See während der Herbstferien im Programm, der den Konfirmandenunterricht um ein halbes Jahr verkürzen sollte. Leider konnte ich die Reise in die Schweiz nicht wahrnehmen, weil ich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt zu einer Kinderkur nach St. Peter-Ording mußte. Also begann mein Unterricht erst im Spätsommer 1973.

Für den im Spätsommer 1973 beginnenden Konfirmandenunterricht ließen sich die Pastoren etwas Besonderes, etwas Neues einfallen. Statt des althergebrachten Unterrichts boten sie in den Gemeindezentren in der Leither Straße, Eckenbergstraße, Kappertsiepen, Brünninghofer Weg und in der Meistersingerstraße sogenannte Kurse mit den verschiedensten Themen aus den Bereichen Kirche und Gesellschaft an. Da waren oft Themen bei, die mit Kirche und Konfirmation nicht das Geringste zu tun hatten wie z. B. Rauschgift. Da gab es interessante Sachen und man hatte die freie Auswahl. Ich suchte mir meist die Kurse aus, die in der Eckenbergstraße stattfanden. Das Highlight dieser Kurse war im Herbst 1974 „Wir gestalten einen Weihnachtsgottesdienst“ unter der Leitung von Pastor Dannenberg. Eigentlich wollte ich diesen Kurs gar nicht besuchen, weil mich dieses Thema nicht wirklich interessierte. Ich hatte mich für einen Kurs in der Leither Straße entschieden, dessen Thema auf breites Interesse stieß und dementsprechend schnell belegt war. Als Ausweichkurs hatte ich „Wir gestalten einen Weihnachtsgottesdienst“ gewählt, weil dieser in der Eckenbergstraße stattfand. Wie das oft so ist, erwies sich die Alternative als Glücksfall. Was in erster Linie an Pastor Dannenberg lag, einem Menschen mit Fingerspitzengefühl und einer Engelsgeduld. Neben seinen Berufskollegen Rojahn, Steckel und Dahl hatte er ab 1972 frischen Wind in die evangelische Gemeinde Kray gebracht und sorgte dafür, daß der Konfirmandenunterricht sich nicht mehr auf das bloße Auswendiglernen von irgendwelchen Psalmen und Bibelpassagen beschränkte.

Der Kurs „Wir gestalten einen Weihnachtsgottesdienst“ begann Mitte September und war gut besucht. Viele der angehenden Konfirmanden kannte ich von der Schule und mit einigen war ich näher bekannt. Zuerst mußte Pastor Dannenberg uns für das Thema begeistern, denn so eine Thematik lag uns nicht wirklich. Wir interessierten uns eher für Popmusik, Fußball und all die anderen Sachen, die einen Jugendlichen im Alter von 13 und 14 Jahren so bewegen. Bei unserer ersten Sitzung im Gemeindesaal machte er erst einmal ein Brainstorming. Unsere Gedanken und Vorschläge schrieb er auf eine große Schiefertafel. Daß sich darunter einige abstruse und fragwürdige Dinge befanden, versteht sich von selber. Beim anschließenden Aussortieren wurde sie vom Pastor auch prompt gestrichen. Nun, „Hell Raiser“ von den Sweet während eines Weihnachtsgottesdienst zu spielen oder die Kirchenwände mit Postern von Deep Purple oder Che Guevara zu schmücken, würde auf die Besucher eines Gottesdienstes mehr als befremdlich wirken. Die Initiatoren dieser Vorschläge reagierten auf die Nichtberücksichtigung ihrer Ideen eingeschnappt.

Mein Vorschlag, während des Gottesdienstes am 1. Weihnachtstag ein kleines, kritisches Theaterstück zum Thema Weihnachten aufzuführen, stieß bei Pastor Dannenberg auf offene Ohren. So etwas hatte er in der Vergangenheit in seiner ehemaligen Gemeinde schon einmal gemacht und wie der Zufall es wollte, hatte er ein entsprechendes Stück in seiner Aktentasche. Es las uns den etwa 10 Minuten langen Einakter vor. Anschließend fragte er uns, was wir davon hielten. Die Geschichte handelte von einer Familie, die sich am Morgen des ersten Weihnachtstages wegen des gemeinsamen Essens mit der ungeliebten Tante Else stritt. Die Geschichte stieß fast einstimmig auf Zustimmung. Fast einstimmig heißt, daß es zumindestens einen Nörgler gab. Oh Schreck, dieser Nörgler war ich. Pastor Dannenberg wollte wissen, was mir an diesen Einakter nicht gefiel. Ich sagte, daß die Geschichte sowie die Dialoge zu seicht seien. Darauf machte er mir den Vorschlag, daß ich bis zur nächsten Zusammenkunft den Text nach meinen Vorstellungen umschreiben solle. Das war für mich (selbstverständlich) eine Aufforderung zum Tanz. So ließ ich in den nächsten Tagen an den Nachmittagen meiner Kreativität (?) freien Lauf und schrieb eine Geschichte so richtig aus dem Leben gegriffen (??). Bei der nächsten Zusammenkunft legte ich Pastor Dannenberg den von mir umgeschriebenen Text vor. Er hatte bis auf einige Kraftausdrücke (fängt mit A an und hört mit Loch auf) und dem Götz-Zitat nichts daran auszusetzen.

Als nächstes ging es um die Rollenverteilung. Ich sollte den Vater spielen. Allerdings lehnte ich dieses Rollenangebot ab, weil mir die Rolle des aufmüpfigen Sohnes mehr lag. So uneigennützig wie ich nun einmal eingestellt bin, hatte ich dieser Figur in meinem Skript einen besonders breiten Platz eingeräumt, daß heißt, ich hatte diese Rolle voll auf mich zugeschnitten. Da ich als „Autor“ die freie Rollenauswahl hatte, fiel mir die Verkörperung des Sohnes zu. Auch für die weiteren Rollen, Vater, Mutter, Tochter und Tante Else fanden sich sofort interessierte Laiendar... ähhh Nachwuchsschauspieler. In den folgenden Wochen studierten wir den Einakter gewissenhaft (?) ein, und zur Generalprobe einen Tag vor Heiligabend konnten wir das Stück mühelos aufführen. Allerdings sollte das Stück dann nicht zur Aufführung kommen, was an mir lag. Am Tag der Generalprobe ging es mir nicht besonders gut und am Tag darauf, ausgerechnet am Heiligabend, lag ich mit einer fiebrigen Erkältung im Bett. Pastor Dannenberg hatte für mein Nichterscheinen wegen einer Erkältung volles Verständnis und strich den Einakter aus dem Gottesdienst am 1. Weihnachtstag. Einige Wochen später sagte er mir, daß es ihm bei dem Einstudieren des Einakters darum ging, daß wir uns einmal Gedanken über den Sinn des Weihnachtsfestes machen. Daß er nicht zur Aufführung kam, fand er gar nicht schlimm. Vielmehr freute er sich darüber, daß wir uns einmal ernsthaft Gedanken über das Weihnachtsfest gemacht hatten.

© Claus Salewski, Juli 2010

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