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Wenn dat Wasser inne Ruhr goldnes Bier wär

Ein urtypisches Stück Ruhrgebiet ist seit jeher das reichhaltige Angebot an Gaststätten. Früher gab es davon allerdings wesentlich mehr, bedingt durch die Zechen und Stahlwerke. Gerade die Nähe zu den Werktoren waren für viele Wirte (Glücksritter?) der bevorzugte Standort für ihre Kneipen. Hier brauchte man sich über mangelnden Gästezuspruch nicht beklagen. Ganz im Gegenteil, stürmten nach den Schichtwechseln die Kumpel und Stahlkocher in die Gaststätten, um sich bei einem herrlich kühlen Export von der anstrengenden Arbeit zu erholen. Auch wenn es im Umfeld der Zechen und Hütten reichlich Kneipen gab, so etwas wie Konkurrenzkampf kannten die Wirte nicht. Denn jede Gaststätte war gleichermaßen gut besucht, so daß jeder Wirt gleich gut verdiente. Besonders beliebt waren natürlich die Kumpel und Stahlkocher, zwischen denen und dem Alkohol eine tiefe und innige Freundschaft bestand (davon gab es reichlich) und den Wirten einen ordentlichen „Deckel“ bescherten.

Wie überall im Ruhrgebiet gab es auch in Kray ein reichhaltiges Angebot an Kneipen. In den meisten Gaststätten wurde lokales Bier ausgeschenkt, sprich Stern, Stauder und Essener Kronen. Es gab aber auch Kneipen, die Bier aus anderen Revierstädten wie Gelsenkirchen, Bochum, Duisburg und Dortmund im Ausschank hatten. Die Krayer Kumpel und Stahlkocher waren natürlich echte Lokalpatrioten und tranken mit Vorliebe das Bier aus ihrer Stadt. Wer ein Anhänger des FC Schalke 04 war, suchte natürlich eine Kneipe auf, in der „Glückauf Bier“ ausgeschenkt wurde. Und es gab auch eine Reihe Zeitgenossen, denen war es egal, was für ein Bier sie bekamen, Hauptsache, sie konnten sich nach Schichtende zuschütten.

Die von der Lunemannsiepen aus nächstgelegenen Gaststätten waren in der Hubertstraße zum einen „Zur Brücke“ und zum anderen, nur wenige Meter entfernt, „Schweres“. Beide Gaststätten lagen in unmittelbarer Nähe der Zeche Joachim. Hier versammelten sich nach Schichtende die durstigen Kumpel. „Schweres“ war auch bei einem jüngeren Publikum gefragt, stand in dem kleinen Gang zu den Toiletten ein Kickertisch. Hier konnten wir an den Nachmittagen die Bundesligabegegnungen nachspielen. Im Gegensatz zur Realität ging in diesen Spielen meist Rot-Weiß Essen, der liebenswerte und sympathische Kultverein von der Hafenstraße, als Sieger hervor.

Apropos Fußball: Fußball gehörte in den Kneipen dazu wie das Bier und der Klare. Hinter den Tresen hatten die Wirte Wimpel ihrer Vereine angebracht. Um keinen Gast zu verärgern, hing neben dem Wimpel von Rot-Weiß Essen meist auch noch einer vom FC Schalke 04, Schwarz-Weiß Essen (sie wissen schon: „Unvergessen, Schwarz-Weiß Essen“), Westfalia Herne und Borussia Dortmund. Dementsprechend traf man sich auch am Samstagnachmittag in der Kneipe, um sich die Bundesligaübertragungen von WDR 2 gemeinsam anzuhören und sich später am Abend die Sportschau anzuschauen. Den Wirten konnte es nur recht sein, denn Fußball garantierte ihnen immer gute Einnahmen. In erster Linie wurde getrunken, Speisen gab es so gut wie keine. Das einzig Eßbare, was die Wirte ihren Gästen anboten, waren Soleier, Mettbrötchen oder, vor allem an den Wochenenden, heiße Würstchen.

Davon einmal abgesehen, die meisten Kneipenbesucher interessierten sich eh nur für „flüssiges Brot“ oder andere liquide Produkte aus Getreide. Selbstverständlich vertrieb man sich die Zeit nicht nur damit, daß man Bier und Klaren trank und die ganze Zeit nur über Fußball diskutierte, denn ein wichtiger Bestandteil eines Kneipenbesuchs waren unter anderem Kartenspielen und Würfeln. Da standen natürlich Skat und Kniffel, im Volksmund auch Rattenschwanz genannt, an erster Stelle. Um den Reiz der Spiele zu erhöhen, wurde um Geld gespielt. Die Einsätze waren gering (meist waren es fünf oder zehn Pfennige), wer aber Fortuna auf seiner Seite hatte, der konnte an einem Abend schon so manch erkleckliches Sümmchen mit nach Hause nehmen. Andere versuchten ihr Glück an den Spielautomaten, und mit etwas Glück konnte man auch hier eine nicht unerhebliche Summe gewinnen. In der einen oder anderen Gaststätte gab es auch einen Billardtisch, an der so manch eitler Zeitgenosse zeigen konnte, was er so drauf hatte.

Etwa 100 Meter entfernt von „Zur Brücke“ und „Schweres“ gab es „Unterberg“ in der Unterbergstraße, der Verbindungsstraße zwischen Hubertstraße und Joachimstraße. Die Gaststätte vermittelte einen etwas gehobenen Eindruck. Die Räumlichkeiten waren hier sehr groß, außerdem besaß diese Gaststätte eine Kegelbahn.

Im Fischweiher gab es das „Hansa Stübchen“, eine kleine und urgemütliche (?) Gaststätte, in der, wie der Name schon andeutete, Hansa-Bier aus Dortmund ausgeschenkt wurde. Diese Kneipe war das Stammlokal von Otto K. und Peng-Peng, zwei tumben und äußerst unangenehmen Zeitgenossen aus unserer Straße. Otto K. war dadurch bekannt, daß er neben seiner tiefen und innigen Leidenschaft für den Alkohol gerne und regelmäßig seine Frau und Kinder verprügelte und überhaupt ein sehr streitfreudiger Zeitgenosse war, der keinem Streit aus dem Weg ging. Wo er auftauchte, endete seine Anwesenheit nicht selten in eine wüste Schlagerei. Sein ständiger Begleiter Peng-Peng machte seinem Namen alle Ehre. Wie er mit richtigen Namen hieß, konnte ich nie in Erfahrung bringen, da ich ihn nur unter Peng-Peng kannte. Mein Vater hatte mir berichtet, daß, als Peng-Peng seine Arbeit bei Buderus aufnahm und der Meister ihn fragte, wie er heiße, antwortete: „Man nennt mich Peng-Peng.“ Während sein Hirn nur auf Sparflamme arbeitete, arbeitete seine Leber stets unter Hochdruck. Es war schon erstaunlich, welche Mengen an Bier und Schnaps er in sich hineinschütten konnte. Wenn es sein mußte, konnte er auch Otto K., seinerseits ein erfahrener Kampftrinker, locker unter den Tisch saufen. Ab und zu erweiterte seine Frau das trinkfreudige- und feste Duo in ein fröhliches Zechertrio. Auch sie war äußerst trinkfest und konnte, was den Alkoholkonsum anging, mit den beiden locker mithalten. Wenn Otto und Peng-Peng mit ihr unterwegs waren, konnte man sie schon von weiten hören, denn die äußerst korpulente Frau verfügte über ein sehr lautes Organ (Die Einzelhändlerin Frau Urban charakterisierte Peng-Pengs Frau mit den Worten: „Der Arsch ist noch in Kray, der Kopf schon in Steele.“). Wenn Otto erst einmal ein paar über den Durst getrunken hatte, dann haute er zunächst mächtig auf den Putz. Laut seinen Schilderungen hätte man den Eindruck gewinnen können, er sei eine Kreuzung aus Superman, Pelè und Albert Einstein. Ab und zu sagte er aber schon einmal die Wahrheit, z.B. dann, wenn er über seinen ältesten Sohn zu berichten wußte: „Mein Alfred ist schlecht in der Schule“ (Wer den äußerst tumben Alfred kannte, hätte ihm bei dieser Feststellung garantiert nicht widersprochen). Sobald Otto eine gewisse Menge Alkohol intus hatte, fing er an zu stänkern. Er kam dann zu der Erkenntnis, daß alle Menschen um ihn herum nur dumm seien und er der einzig intelligente Mensch wäre. Nicht selten endete seine Pöbelei in einer Schlägerei.

Eine besonders große Dichte an Gaststätten bot der Krayer Markt. Gleich fünf Kneipen buhlten um die Gunst durstiger Kehlen. Die größte Gaststätte davon war „Stattrop“ im Heinrich-Sense-Weg, Ecke Hubertstraße. Die Inhaber versuchten in den 70er Jahren mit einer allwöchentlichen Disco auch ein jüngeres Publikum für sich zu gewinnen. Trotz dieser Dichte an Kneipen am Krayer Markt hatte jede von ihnen ihr Stammpublikum. Das gleiche galt auch für die Lokale auf der Krayer Straße. Die Gaststätte „Zur Post“, gleich neben Plus, war eine der wenigen Gaststätten, die ihren Gästen auch Speisen anbot. Interessant war auch die Gaststätte auf der Krayer Straße, Ecke Joachimstraße. Den Namen weiß ich leider nicht mehr, aber die Tatsache, daß hier die Vereinsgaststätte vom DJK Kray 09 war. In den frühen 1990er Jahren wurde dieses Lokal zu einer Bank umgebaut.

Eine ähnlich bewegte Geschichte haben auch die Räumlichkeiten der ehemaligen Gaststätte „Meerbeck“ auf der Krayer Straße, Ecke Soester Straße. Um 1974 schloß die Gaststätte und die Räumlichkeiten wurden jahrelang als Sparkasse genutzt. Als Ende der 80er Jahre eine neue Sparkasse auf der Krayer Straße, Ecke Joachimstraße gebaut wurde, zog in den Räumlichkeiten wieder eine Kneipe ein, um einige Jahre später einer Spielhalle Platz zu machen.

Zwei besonders schöne Kneipen in Kray waren die beiden Bahnhofsgaststätten der Bahnhöfe Kray-Nord und Kray-Süd. Leider wurde der bildschöne Bahnhof in Kray-Süd nach einem Brand abgerissen. Daß der Bahnhof in Kray-Nord noch steht, hat er dem Umstand zu verdanken, daß sich einige türkische Mitbürger zusammengetan haben und den Bahnhof der Deutschen Bahn abgekauft haben, um sich dort ein Kulturzentrum einzurichten. Diesem glücklichen Umstand hat das Gebäude zu verdanken, daß ihm nicht das gleiche Schicksal widerfuhr wie dem Gebäude in Süd.

Und dann gab es gegenüber vom Nordbahnhof, an der Gabelung Krayer Straße, Heinrich-Sense-Weg, den „Nordpol"“. Um diese Gaststätte rankten sich viele Mythen und Legenden. So u.a., daß hier ein besonders zwielichtiges Publikum verkehren sollte und daß an den Wochenenden regelmäßig zu wüsten Schlägereien kommen sollte. Ob an diesen Aussagen etwas Wahres dran war, konnte ich nie klären, weil ich diese Gaststätte nie betreten habe. In späteren Jahren haben die Pächter und der Name des Lokals des öfteren gewechselt. Das letzte dort ansässige Lokal war ein chinesisches Restaurant, seit einiger Zeit werden die Räumlichkeiten als Textilgeschäft genutzt.

Eine Besonderheit war die Gaststätte „Kuhaupt“ im Zehnthof, Ecke Bocklerbaum. Wie in „Zur Post“ gab es hier eine Speisekarte, und das Lokal verfügte neben Übernachtungsmöglichkeiten über einen großen Festsaal mit einer Bühne. Hier veranstaltete der FC Kray 04 seine alljährlichen Weihnachtsfeiern. Dieser Verein verfügte über eine kleine, aber sehr feine Vereinsgaststätte direkt an seinem Vereinsgelände an der Schönscheidtstraße. Hier konnte man nach den Spielen über das vergangene Spielgeschehen diskutieren oder halt in Erinnerungen über längst vergangene Zeiten schwelgen.

Erwähnenswert ist vielleicht noch die Gaststätte „Zum Film Eck“ in der Kiwittstraße, Ecke Bocklerbaum. Hier konnte man sich nach einem aufregenden Kinobesuch im angrenzenden „Film Eck“ erfrischen. In der gleichen Straße, gleich neben der St. Christopherus Kirche gab es eine Gaststätte, den Namen weiß ich leider nicht mehr, die als Vereinsgaststätte des VFL Kray genutzt wurde. Der VFL spielte gegenüber auf der Bezirkssportanlage an der Buderusstraße (der Platz wurde auch vom DJK Kray 09 genutzt. Beide Vereine fusionierten Anfang der 90er Jahre zum FC Kray und schafften Ende der 90er Jahre immerhin den Sprung in die Verbandsliga, der fünfthöchsten Spielklasse). Gut 200 Meter entfernt im Pramenweg, Ecke Am Zehnthof, in unmittelbarer Nähe zum Südbahnhof, gab es „Zum Kiwitt“. Genau wie bei „Kuhaupt“ wurde auch hier eine Vielzahl an Speisen und Zimmer angeboten. Seit einiger Zeit ist in diesen Räumlichkeiten ein „Club“ ansässig, dessen überwiegend weibliches Personal die Hotelzimmer gegen ein entsprechendes Entgelt der männlichen Kundschaft adäquat zu nutzen weiß.

Nicht vergessen sollte man die Gartenwirtschaft in der Schrebergartenanlage in der Lunemannsiepen. Gewiß, diese Wirtschaft war kein Lokal im herkömmlichen Sinn. Es wurde von den Pächtern der Gartenbesitzer betrieben und hatte nur dann geöffnet, wenn dort ein Gartenfest oder eine private Veranstaltung stattfand. Dann kam es des öfteren schon einmal zum Eklat, wenn der bereits erwähnte Otto K. mit einigen anderen fröhlichen Zechern ungebeten auftauchte. Zwar war er ein nicht gern gesehener Gast, und er hatte aufgrund einiger unangenehmer Vorkommnisse in der Vergangenheit Hausverbot, aber um des lieben Friedens willen wurde auch er wie alle anderen Gäste bedient. Dieses wohlwollende Entgegenkommen nutze er dann dahingehend aus, daß er eine Schlägerei von Zaun brach. So endete ein fröhliches Zusammensein der Gartenpächter regelmäßig in einem Fiasko, so daß sie sich hinterher zweimal überlegten, ob sie überhaupt noch ein Gartenfest oder eine andere Feier in dem Gebäude ausrichten.

Nach wie vor gibt es in Kray eine Vielzahl von Gaststätten. Allerdings sind für die Wirte (das gilt für die Wirte im Ruhrgebiet im allgemeinen) die goldenen Zeiten längst vorbei. In den längst vergangenen Zeiten von Zechen und Stahlwerken konnten sie sich einst goldene Nasen verdienen; für so manchen Wirt erwies sich seine Kneipe als wahre Goldgrube. Das Zechensterben und die Schließung der meisten Hütten ließ ihren Klondyke-River versiegen. Heute müssen sie angesichts der Konkurrenz sehen, daß sie einigermaßen über die Runden kommen. Nichtsdestotrotz verfallen immer noch viele Leute dem Irrglauben, mit einer Kneipe könne man das große Geld machen. Nach nur wenigen Wochen kommt dann nicht selten das böse Erwachen. Wie sagt doch meine große Schwester immer so treffend: „Wer nichts wird, wird Wirt (Und wem das nicht gelungen, der verkauft Versicherungen. Hat er das nicht drauf, dann macht er Telefonverkauf)".
 

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