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Wichtel dich wat Schönes
oder
Die Sache mit dem Frust kurz vor Weihnachten

Die Adventszeit in der Grundschule war immer etwas Besonderes für mich. Wir nahmen Kerzen mit in die Schule, die die Lehrerin in der ersten Stunde anzündete. Anschließend erzählte sie uns eine Geschichte passend zum Thema Advent. Da es bekanntlich im Dezember morgens kurz nach 8.00 Uhr noch nicht besonders hell ist, entwickelte sich im Klassenraum eine ganz besondere Atmosphäre.

Schon in den 1960er Jahren (Gott hab sie selig) war das Wichteln äußerst populär. Im zweiten Schuljahr machte ich erstmals Bekanntschaft mit dieser Art von Beschenkung, die viel Freude, aber noch viel mehr Frust bereiten kann (da brauchen sie nur mal meine Schwester fragen, die hat zu diesem Thema „leidvolle“ Erfahrungen machen müssen). Unsere Klassenlehrerin Frau Jansen erklärte uns, wie das Wichteln funktioniert: Jeder besorgt ein schönes Geschenk, verpackt es weihnachtlich und klebt anschließend eine Nummer drauf, die er gezogen hat. Am letzten Tag vor Beginn der Weihnachtsferien bekommt dann jeder sein individuelles Geschenk.

Ich fand die ganze Sache besonders aufregend, meine Mutter stand der Aktion etwas skeptisch gegenüber. Trotz ihrer (berechtigten) Bedenken besorgte sie mir etwas, das sich sehen lassen konnte: Einen etwa 20 cm großen Globus, den sie für wenig Geld bei Defaka erstanden hatte. Der Globus gefiel mir so gut, daß ich ihn am liebsten selber behalten hätte. Ich trug meiner Mutter das Argument vor, der Globus wäre doch das ideale Weihnachtsgeschenk für mich. Sie ließ sich davon nicht überzeugen, war sie doch der Meinung, diesen Gegenstand habe sie für ein anderes Kind gekauft, damit ich mich bei der „Bescherung“ nicht blamieren muß. Nun, die „Bescherung“ war aufgrund der gezogenen Nummer anonym, und so wußte am Ende keiner, von wem er sein Geschenk bekommen hatte. Den Globus reicherte sie mit einer Tafel Schokolade an und verpackte das Ganze dann aufwendig. Im Klassenraum wurde das Päckchen in der Glasvitrine des Bücherschranks verstaut. Nach und nach füllte sich die Vitrine immer mehr, bis schließlich zum Anfang der Weihnachtswoche nichts mehr hineinpaßte.

Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien fand dann in der ersten Stunde die „Bescherung“ statt. Jeder war natürlich aufgeregt auf die Dinge, die auf ihn zukamen. Da ich die Nummer 31 gezogen hatte, kam ich so ziemlich als letzter in den Genuß meines „Geschenks“. Als ich die kleine Weihnachtstüte öffnete, mußte ich beim Anblick des Inhalts erst einmal tief schlucken. Die Tüte war mit viel Papier ausgestopft und zwischen dem Papier fand ich ein Fläschchen mit einem Sirup gegen Halsschmerzen und eine schrumpelige Orange. Was für ein tolles Geschenk, der Tag war für mich gelaufen. Alle meine Klassenkameraden hatten tolle Geschenke bekommen, nur ich hatte die Niete gezogen. Im Mittelpunkt des Interesses (und des Neides) der Kinder stand Norbert, der das große Los in Form eines tollen Globus gezogen hatte. Wer mich mit meinem tollen Geschenk beglückt hatte, habe ich nie erfahren und es ist mir auch egal.
Eine Fügung des Schicksals sollte mich an diesem Tag dennoch fröhlich stimmen. Mein Tischnachbar und bester Freund Uwe war krank und so bat mich die Lehrerin, sein Geschenk nach Schulschluß bei ihm abzuliefern. Auf dem Nachhauseweg kam ich auf Idee, die Geschenke einfach auszutauschen. Meine Gründe dafür waren rein praktischer Natur, denn Uwe lag mit einer starken Erkältung im Bett und so konnten der Sirup und ein Vitamin C-Stoß in Form einer Orange seiner Genesung nur dienlich sein. Nachdem ich sein „Geschenk“ bei seiner Mutter abgeliefert hatte, öffnete ich in einer sicheren Seitenstraße das für ihn vorgesehene Päckchen. Der Inhalt ließ mich jubeln, denn es enthielt ein Buch und zwar „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson, sowie eine Tafel Schokolade. Als ich die beiden Sachen meiner Mutter zeigte, war sie mit meiner Ausbeute mehr als zufrieden, denn sie hatte schon befürchtet, daß ich irgendeinen billigen Ramsch bekommen würde (wie recht sie mit ihrer Befürchtung hatte, hat sie nie erfahren).

In den nächsten Jahren habe ich beim Wichteln Geschenke erhalten, die zwar nicht unbedingt meinen Vorstellungen entsprachen, aber im Gegenzug keinen Grund zum Frust boten. Mit Frust beim Wichteln hatte jedes Jahr meine Schwester zu kämpfen. Der Höhepunkt ihrer Ausbeute war einmal ein lausiges Nuts.

Meine letzte Wichtelei erlebte ich kurz vor Weihnachten 1972. Unsere damalige Klassenlehrerin Frau Krüger hatte sich dabei etwas Neues einfallen lassen. Statt Nummer zu ziehen zogen wir Namen, damit wir ganz gezielt schenken konnten. Ich hoffte, daß ich den Namen eines Mädchens ziehen würde, um mit einem Geschenk mal so richtig auf den Putz hauen zu können. Ich hatte da zwei Mädchen im Auge, die mir ganz besonders gut gefielen. Aber erstens kommt es anders, als man.... Und in der Tat, ich zog den Namen eines Mädchens. Allerdings hieß sie nicht Petra oder Angelika, sondern Maria. An für sich ist Maria ein schöner Name. Aber diese Maria mochte ich nicht. Eigentlich mochte in unserer Klasse keiner diese Maria. Sie war eine notorische Petze, die keine Gelegenheit ausließ, um ihre Mitschüler bei den Lehrpersonen anzuschwärzen und sich dadurch deren Sympathien zu erschleichen.

Ich haderte erst einmal mit der Laune der Glücksgöttin Fortuna, die mir ausgerechnet Maria zugespielt hatte. Ich fand mich aber schnell mit meinem schweren Schicksal ab und überlegte, was ich ihr gutes schenken könnte. Da ich nun mal nicht wußte, was man einem Mädchen schenkt, wandte ich mich an meine Mutter. Die wusste doch sicher am besten darüber Bescheid, wie man ein Mädchen glücklich machen kann. Und sie hatte auch bald ein passendes Geschenk erworben und zwar ein Geschenkset mit einer Flasche Parfüm und einem Stück Seife in Form einer Rose. Mir war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, einem Mädchen etwas zu schenken, über das sich eher eine Frau gefreut hätte. Aber ich sagte mir, schließlich ist es egal, Maria wird nie erfahren, wer für das Geschenk verantwortlich ist. Meine Freunde wollten von mir wissen, wen ich beschenken sollte. Es war mir unangenehm zu sagen, daß ich Maria gezogen hatte. Nach einigem Zögern gab ich den Namen der von mir Beschenkten preis. Gute (oder auch schlechte) Nachrichten verbreiten sich in Windeseile und so erfuhr Maria schon am nächsten Tag den Namen ihres Gönners. Am Tag der „Bescherung“ war sie über das Geschenk sichtlich gerührt. Auch unsere Klassenlehrerin Frau Krüger war über die Tatsache, daß sich jemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat, was er einem Mitschüler gezielt schenken soll, bewegt. Bis auf Frau Krüger wußte jeder in der Klasse darüber Bescheid, wer für Marias Geschenk verantwortlich war. Sie warf mir einen mehr als dankbaren Blick zu. Ich tat das, was ich in solchen Situationen zu tun pflegte, ich wurde knallrot. Nur gut, daß sie nicht noch auf die Idee kam, mir vor lauter Dankbarkeit einen dicken Kuß auf die rechte (wahlweise auch linke) Wange zu verpassen. Ich glaube, mit einer solchen Aktion hätte sie dafür gesorgt, daß ich für einen längeren Zeitraum die Zielscheibe des Spotts meiner Klassenkameraden gewesen wäre. Immer, wenn ich Maria nach den Weihnachtsferien begegnete, warf sie mir schmachtende Blicke zu. Ich ignorierte das Mädchen einfach und so gab sie Mitte 1973 ihre Versuche auf, mich für sie zu gewinnen.

Ach ja, ich muß noch erwähnen, daß ich bei der Wichtelei 1972 ein ganz tolles Geschenk bekommen habe: einen aktuellen Jerry Cotton-Roman und eine Tafel Schokolade.

Wer einmal so richtig Frust kurz vor Weihnachten erleben möchte, der sollte es mal mit Wichteln probieren. Ich garantiere dafür, der Frust ist vorprogrammiert. Na dann, fröhliche Weihnachten!

 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014