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Getz gehn wa auffen Markt

Der Wochenmarkt, unendliche Warenangebote. Wir schreiben die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der kleine Claus dringt zusammen mit seiner Mutter in Warenangebote vor, die er nie zuvor gesehen hat.

Einer der interessantesten Wochenmärkte in Essen ist mit Sicherheit der in Kray. Mittwochs und Freitags lockt er mit seinem reichhaltigen Warenangebot die Krayer (und mit Sicherheit auch viele Interessierte aus den angrenzenden Stadtteilen Schonnebeck, Steele, Frillendorf, Bochum-Wattenscheid und Gelsenkirchen-Rotthausen) an. Ob frisches Obst und Gemüse, Kartoffeln, Fleisch, Wurst, Wild und Geflügel, Fisch, Brot und Backwaren/Gebäck, Eier, Blumen, Kurzwaren oder Textilien: hier bekommt man alles, was man so braucht. Bis in die 1960er Jahre hinein konnte man hier auch lebendige Hühner und Kaninchen erwerben.

Dabei dient der Markt nicht nur als Bezugsquelle von alltäglichen Lebensmitteln, sondern ist darüber hinaus auch noch Treffpunkt und Austauschstelle für den aktuellen Straßenklatsch. Meine Mutter ließ es sich in den 60er und 70er Jahren nicht nehmen, mindestens einmal in der Woche, vornehmlich am Freitag, den Krayer Markt zu besuchen. Für ihre Marktbesuche hatte sie stets eine Begleitung, Frau M. aus der Schönscheidtstraße. Frau M. war eigentlich eine sehr umgängliche Person, trotzdem war sie mir nicht ganz geheuer. Vielleicht lag es an ihrer doch recht stattlichen Erscheinung. Sie war nämlich eine sehr große und korpulente Frau. Ab und zu hatten sie auch schon mal Frau J. aus unserer Straße in ihrem Schlepptau. Sie ließ es sich dann nicht nehmen, meine Mutter und Frau M. mit dem neuesten Klatsch und Tratsch zu versorgen. Und da war die gute (?) Frau ganz in ihrem Element. Sie war nämlich sehr mitteilungsbedürftig (boshafte Zungen würden sagen, sie war geschwätzig) und es bereitete ihr große Freude, ihren Nachbarinnen brühwarm ihre infamen und völlig aus den Finger gesogenen Lügen zu erzählen. Spannende und aufregende Geschichten wußte sie zu berichten. Sie merkte noch nicht einmal, wie absurd und hanebüchend ihre Geschichten eigentlich waren und daß sie in erster Linie ihrer lebhaften Phantasie als der Realität entsprangen. Wenn sie meine Mutter und Frau M. zum Markt begleitete, kamen ihre Geschichten wie vom Fließband über ihre Lippen. Und sie sprach so laut, daß die halbe Straße sie hören konnte. Meiner Mutter und Frau M. blieb nichts anderes übrig, als fassungslos und kopfschüttelnd sich diese Geschichten anzuhören. Glücklicherweise traf sie auf dem Markt einige Bekannte, bei denen sie ihren geistigen Müll entsorgen konnte und so blieb meiner Mutter und Frau M. ihre Anwesenheit auf dem Rückweg erspart. Und während wir längst zu Hause waren und beim Mittagessen saßen, machte sich Frau J. erst auf den Heimweg.

Freitags war der Marktplatz immer am besten belegt und dieser Tag war für meine Mutter auch der bevorzugte Termin. Freitags deshalb, weil sie hier die einzige Bezugsquelle von Frischfisch hatte. In der ersten Reihe, entlang am Heinrich-Sense-Weg, gab es gleich drei Fischhändler nacheinander. Sie entschied sich für den Fischhändler in der Mitte. In der gleichen Reihe, einige Stände weiter, hatte sie ihren Kartoffelhändler. Dieser Händler kam aus Altenessen, aus der Schemannstraße (diese Straße gibt es seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr. Aus ihr  wurde in Verbindung mit dem alten Verladebahnhof der Zeche Carl die Wilhelm-Nieswandt-Allee). Gleich neben dem Kartoffelhändler war ihr bevorzugter Obsthändler. Zwei Stände auf dem Markt genossen meine besondere Aufmerksamkeit und zwar der Gebäck- und der Süßwarenstand in der letzten Reihe. Auch in dieser Reihe hatte meine Mutter ihre bevorzugten Stände und zwar einen Metzger aus dem Blittersdorfer Weg, einen Bäcker aus Borbeck, den Plätzchenstand, einen Margarinehändler aus dem Münsterland und den kleinen Stand zweier älterer Schwestern, die am Krayer Markt einen kleinen Gemüseladen betrieben. In der kleinen Reihe an der Joachimstraße kaufte sie sich hin und wieder schon einmal Blumen. Überhaupt war diese Reihe den Blumenhändlern vorbehalten.

Die Marktage am Mittwoch nutzte sie, wenn sie etwas zum Anziehen brauchte. Mittwochs standen gewöhnlich sehr viele Textilstände auf dem Markt. Unsere Nachbarin Frau E. wußte zu berichten, daß es einige Textilhändler gab, die sagenhaft günstige Sachen für den Preis von nur 98 Pfennige zu veräußern hätten. Seltsam war nur, wenn meine Mutter wegen dieser sagenhafte Angebote auf den Markt ging, die entsprechenden Händler nicht anwesend waren! Ich stellte schon mal die Theorie auf, daß die Händler kurz nach Frau E’s. Anwesenheit ihre Waren zusammengepackt hatten und von dannen gezogen seien. Wie dem auch sei, in knapp 12 Jahren konnten wir nie klären, ob es einen entsprechenden Händler mit Sachen für 98 Pfennige gab oder ob dieser nur in der Phantasie von Frau E. existierte.

Im Dezember, in der Weihnachtszeit, buhlten mehrere Händler mit ihren reichhaltigen Angeboten an Tannenbäumen um die Gunst der Käufer. Letztendlich kam von ihnen keiner zu kurz, fanden ihre Bäume doch reißenden Absatz. Weitaus interessanter als einen Weihnachtsbaum auszusuchen, fand ich den Besuch bei der bevorzugten Gebäckhändlerin meiner Mutter. Diese bot in dieser Zeit ein reichhaltiges Angebot an sehr interessantem Weihnachtsgebäck an. Alles sah gleichermaßen verlockend aus, so daß man sich gar nicht recht entscheiden konnte, was man eigentlich für den bunten Teller mitnehmen sollte. Meine Mutter entschied sich in der Regel für zweierlei Sorten Printen (Gewürz- und Schokoladenprinten) sowie Spitzkuchen. Letztere Delikatesse genoß auf dem Nachhauseweg meine ungeteilte Aufmerksamkeit, konnte ich schon einmal einen kleinen Vorgeschmack auf Weihnachten in Augenschein nehmen.

Interessant waren auch schon mal die Stände von den sogenannten Propagandisten, die an ihren kleinen Ständen die neuesten Errungenschaften marktschreierisch anpriesen, die ihrer Meinung nach den Alltag einer geplagten Hausfrau erleichtern sollte. Staunend verfolgten die Frauen (selbstverständlich war auch der eine oder andere Mann, sprich Pantoffelheld, dabei!) diese Vorführungen und waren ganz verblüfft, wie einfach man dieses oder jenes Gerät benutzen konnte. Daß der Lappen, der Staub wie ein Magnet anzieht, oder dieses zangenartige Gerät, mit dem man im Handumdrehen Fettgebackenes herstellen konnte, völlig nutzlos waren bzw. daß es erst dann richtig funktionierte, wenn man lange genug damit geübt hatte (eine solche Geduld hat eine praktisch denkende Hausfrau natürlich nicht), merkte man erst, wenn man daheim nach dem wiederholten Versuch einem Wutanfall nahe war.

Heute haben die Wochenmärkte viel von ihrer Warenvielfalt und ihrem Charme verloren. Wenn man einmal aufmerksam über einen Markt geht und stöbert, dann stellt man fest, daß immer mehr Textilhändler diese Einrichtung nutzen und dadurch die Warenvielfalt von einst nach und nach verloren geht. Nichtsdestotrotz ist meiner Ansicht nach der Krayer Markt noch einer der besten und interessantesten Wochenmärkte in Essen überhaupt.

Bürger dieser Republik: Schaut auf diesen Wochenmarkt!
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014