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Ein Besuch im „Film Eck“

Wie in jeder Großstadt gab es auch in Essen eine ganze Reihe Vorstadtkinos. Fast in jedem Stadtteil gab es mindestens ein Lichtspielhaus, in dem man Woche für Woche den Hauch vom großen Kino erleben durfte.

Stellvertretend für die vielen Essener Kinos wie etwa die „Film-Bühne“ in Altenessen, „GEMAR“ in Holsterhausen oder das „Lux am Stern“ in Rüttenscheid soll an dieser Stelle das „Film Eck“ in Essen-Kray genannt werden.

Eintrittskarte Filmeck

Das „Film Eck“ befand sich in der Kiwittstraße in einem Geschäfts- und Wohnhaus und war auf dem ersten Blick ziemlich unscheinbar. Betrat man den Kassenbereich, sah man jede Menge Plakate und Fotos zu den Filmen, die unter der Woche liefen. Das Wochenprogramm war strikt aufgeteilt: Am Dienstag lief meist ein schlüpfriger Film für die Freunde des Fortpflanzungsfilm (z.B. epochale Werke wie „Schulmädchenreport“ oder „Laß jucken Kumpel"). Der Mittwoch und der Donnerstag waren den Freunden von Western und Actionfilmen gewidmet (z.B. „Django“ oder irgendein Handkantenfilm aus Hongkong). Vom Freitag bis zum Montag lief dann der Topfilm der Woche, also jene Filme, die in den großen Kinos der Innenstadt wie z.B. der Lichtburg ihr Geld längst eingespielt hatten und die zur „Resteverwertung“ an die Vorstadtkinos weitergereicht wurden. Unter Umständen konnte man auf so einen Blockbuster schon mal gut und gerne mehr als ein halbes Jahr warten (Die Plakatwerbung sprach immer von "demnächst"), etwa auf die damals ungemein populären Actionkomödien mit Terence Hill und Bud Spencer. Und wenn sie dann endlich im „Film Eck“ anliefen, dann garantierten sie den Betreibern dieses Lichtspielhauses meist ausverkaufte Vorstellungen. Zusätzlich zum Topfilm der Woche gab es am Sonntag um 15.00 Uhr eine Jugendvorstellung. Dem Publikum zwischen 5 bis 14 Jahren wurde da Woche für Woche ein buntes, wenn nicht gar ein krauses Filmprogramm geboten: Auf einen Paukerfilm mit Hansi Kraus, Theo Lingen und Uschi Glas folgte in der kommenden Woche ein „Winnetou“ Film mit Pierre Brice und Lex Barker, um dann das Publikum wieder mit einer Klamotte à la „Wenn die tollen Tanten kommen“ oder einem Monsterfilm wie „Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn“, bei dem man ja panische (*kicher) Angst bekommen konnte, zu beglücken.

Eintrittskarte Filmeck

Ja, dem jungen Publikum wurde einiges an Abwechslung geboten. Hatte man sich die Plakate erst einmal angesehen, war man über das Filmgeschehen der nächsten 7 Tage bestens informiert. Rechts vor der großen Eingangstür zum Foyer befand sich die Kasse, an der man sich neben der begehrten Eintrittskarte auch mit den nötigen Knabbereien für ein gelungenes Filmvergnügen eindecken konnte.

Dann war es soweit, man betrat das Foyer. Was von außen so unscheinbar wirkte, hatte auf einmal einen unverwechselbaren Charme, einen Hauch von großer Theaterwelt. Man stieg drei Stufen hinunter und fand auf der linken Seite eine Sitzecke mit einem Sofa, einige Sessel aus Plüsch und einen Nierentisch ganz im Stil der 1950er Jahre vor. Hinter der Sitzecke hingen an der Wand einige Schaukästen mit Filmplakaten, die den geneigten Filmfreund auf Filme hinwiesen, die für jugendliche Augen nicht geeignet waren.

Eintrittskarte Filmeck

Auf der linken Seite befanden sich drei große Türen, die den Besucher in den Saal seiner Begierde führten. Man durchschritt noch einen Ledervorhang, und schon war man im Kinosaal. Als erstes sah man den großen Vorhang, hinter der sich die Leinwand befand. Die Parkettplätze waren in zwei Kategorien aufgeteilt: Bis zur Mitte des Saals befanden sich die Holzstühle, hart und unbequem, die bei jeder Körperbewegung unangenehm knarrten. Es folgte eine kleine Lücke und dann kamen die gepolsterten Sitze. Wenn man es sich auf einem dieser Sitze bequem machen wollte, mußte man schon 1-2 DM mehr investieren. Als Sahnehäubchen hatte das „Film Eck“ auch eine Loge zu bieten. Dort konnte man sich für ca. 3 DM Mehraufwand einem äußerst komfortablen Kinogenuß hingeben. Natürlich hatte man von der Loge aus auch den besten Blick auf die Leinwand. Während der Jugendvorstellung am Sonntag war der Kinosaal stets rappelvoll. Und es herrschte unter den Kinder und Jugendlichen beste Stimmung, eine Mischung aus Kindergarten und Westkurve des Georg-Melches-Stadion. Hatte das ungeduldige Publikum erst einmal das Vorprogramm (Vorfilm, Werbung und Programmhinweise auf die Filme der kommenden Woche) über sich ergehen lassen und es öffnete der Vorhang sich zum Hauptfilm, dann brachen die Kinder und Jugendlichen in einen ohrenbetäubenden Jubel aus, etwa so, als wenn Rot-Weiß Essen soeben Deutscher Meister geworden wäre.

Jede Filmszene wurde in sich hineingesogen und man fieberte mit den Helden mit. Wenn Winnetou seinen Heldentod starb, brach das halbe Kino in bittere Tränen aus. Trat Godzilla auf den Plan, dann schlotterten nicht wenigen Kindern die Knie. Und strapazierte die deutsche Komikerelite die Lachmuskeln der Zuschauer auf das Ärgste, dann wurde über jeden auch noch so müden und abgestandenen Kalauer lauthals und herzhaft gelacht. Spielten zu allem Überfluß in einer dieser Komödien Schlagersänger wie der damals ungemein populäre Chris Roberts mit, dann verdrehte so manches Mädchen um die 12 Jahre schwärmerisch die Augen. Natürlich gab es während der Filmvorführungen auch die obligatorischen Störenfriede. Dabei waren notorische Vorsager, die den Film schon kannten und ihren Freunden jede Szene vorsagten, oder die, die während der Vorstellung ununterbrochen mit Bonbontüten oder Schokoladenpapier raschelten noch die kleinsten Übel. Zwei besonders üble Spielverderber damals waren Klaus und Michael. Lehrte Godzilla den Kleinen mal wieder das Fürchten oder Winnetou starb wieder einmal theatralisch seinen Heldentod, da lachten diese beiden Kulturbanausen aus vollem Hals. Das war für den Filmvorführer Grund genug, die beiden Spielverderber des öfteren zu tadeln und ihnen mit Rauswurf zu drohen.

Eintrittskarte Filmeck

Besonders interessant wurde es, wenn es am Wochenende als Topfilm das neueste Werk mit Bruce Lee zu bewundern gab. Beginn der ersten Vorstellung am Freitagabend war 17.30 Uhr. Schon eine Stunde vor Beginn hatten sich jede Menge Bruce Lee-Jünger vor dem Kino versammelt und diskutierten heftig darüber, was sie im neuesten Handkantenwerk ihres Lieblings erwarteten. Ein Großteil dieses Publikums waren die nicht gerade geistig hellsten jugendlichen Krayer. Als ihr Liebling dann auf der Leinwand einen Gegner nach dem anderen mit absurden Fratzen und Geräuschen Mores lehrte, waren sie nicht mehr zu halten. Sie ahmten seine Bewegungen und Geräusche nach, oder warnten ihr großes Vorbild vor drohenden Gefahren mit Worten wie: „Paß auf, Bruce“ oder „Hinter dir, Bruce!“ Als wenn Bruce diese Warnungen gehört hätte, bekamen seine Gegner postwendend einen Satz heißer Ohren. Es gab allerdings auch viele Mädchen, die Kampffilmen nicht abgeneigt waren, allerdings nicht so archaische und rabiate Werke à la Bruce Lee. Wie gut, daß es Filme mit Bud Spencer und Terence Hill gab. Da gab es jede Menge Training für die Lachmuskeln und für die Mädels die blauen Augen von Terence Hill.

Lange Jahre gab es mit dem „Merkur“ im Blittersdorfer Weg  eine ernsthafte Konkurrenz für das „Film Eck“. Vom Programm und der Stimmung her konnte das „Merkur“ locker mit dem „Film Eck“ mithalten. Allerdings hatte das eher spartanisch ausgestattete Lichtspielhaus nicht annähernd das Flair vom Kino in der Kiwittstraße. Und die Jugendvorstellung am Sonntag war eher etwas für die Jungen, denn hier liefen überwiegend italienische Sandalenfilme wie „Herkules“, oder „Godzilla“ trieb mal wieder sein Unwesen. Nur selten lief eine Komödie bzw. ein Schlagerfilm. Da war das Programm am Sonntagnachmittag im „Film Eck“ schon eher kinder- und jugendfreundlich. Das änderte sich allerdings, als um 1973/74 das „Merkur“ seine Pforten für immer schloß. Fortan gab es in der Jugendvorstellung im „Film Eck“ zum Teil harte Kost. Etwa „Dracula im Schloß des Schreckens“, ein streckenweise recht harter Horrorfilm, der für Zuschauer unter 16 Jahren mit Sicherheit nicht geeignet war/ist.

Wie für die meisten Vorstadtkinos gab es im „Film Eck“ irgendwann Ende der 70er die letzte Vorstellung. Das Publikum hatte einfach keine Lust mehr, auf die Topfilme monatelang zu warten und zog es vor, sich diese Filme zeitnah in den großen Kinos der Innenstadt anzuschauen. Außerdem machte das Fernsehen und das langsam aufkommende Medium Video den kleinen Kinos in den Vorstädten ebenfalls schwer zu schaffen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen („Eulenspiegel“ und „Galerie Cinema“) sind die Vorstadtkinos völlig von der Bildfläche verschwunden. „Eulenspiegel“ und „Galerie Cinema“ hatten die Zeichen der Zeit erkannt und auf Programmkino, Außenseiterfilme und anspruchsvolles Kino umgesattelt. Was von den Vorstadtkinos, speziell dem „Film Eck“ bleibt, sind unvergeßliche Kinostunden und schöne Erinnerungen an die Jugendzeit in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

 Filmeck Essen-Kray
In diesem Haus war früher das Filmeck.

Merkur in Kray
Und hier am Blittersdorfer Weg war früher das Merkur.

© Text und Foto 2/2006, Claus Salewski
 

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