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Mörderisches Essen 

Der Kriminalfilm spielte von der Anfangszeit des deutschen Films bis zur Mitte der 1950er Jahre eher ein Schattendasein. Zum größten Teil produzierte die deutsche Filmindustrie Revuefilme, seichte und teilweise absurde Unterhaltungs- und Schlagerfilme sowie, speziell in den 50er Jahren, streckenweise triefend kitschige Heimatfilme. Was aber nicht heißen soll, daß es nicht auch hin und wieder einmal einen Kriminalfilm gab. Der deutsche Pionier auf diesem Gebiet war Fritz Lang mit seinen Filmen "Dr. Mabuse" (ein geschicktes Gemisch mit Elementen aus Krimi und Horror) und "M - Eine Stadt sucht einen Mörder".

Erst mit dem Aufkommen des Fernsehens wurde auch der Kriminalfilm für das deutsche Publikum entdeckt. Die Erschließung dieses Genres ist untrennbar mit dem Namen Jürgen Roland verbunden, der den Kriminalfilm publikumstauglich machte. Seine Fernsehserie "Stahlnetz" entpuppte sich seit ihrem Start Ende der 50er Jahre als echter Straßenfeger. Im Gegensatz zum großen amerikanischen Vorbild wurden hier in erster Linie authentische Fälle nachgespielt, eine frühe Form des Reality-TVs. Die einzelnen Episoden spielten in den verschiedensten Städten und Regionen Deutschlands.

Eine Episode von "Stahlnetz" spielte sich in Essen ab und handelte von zwei Serienbankräubern. Ebenfalls in Essen spielte sich die Handlung von "Der Greifer" mit Hans Albers und Hans-Jörg Felmy ab. In dieser etwas merkwürdig anmutenden Geschichte müssen sich ein Kommissar, genannt der Greifer (Hans Albers), und sein Assistent und Schwiegersohn (Hans-Jörg Felmy) um die Aufklärung eines Postraubes und um einen Serienmörder (brillant gespielt von Horst Frank) kümmern. Der Greifer ermittelt im Zuge seiner Recherchen in der Essener Ganovenwelt, die sehr an die von Fritz Langs "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" erinnert (eher Eierdiebe und Kleinkriminelle mit Herz als Schwerverbrecher). Wie auch immer, "Der Greifer" war für lange Zeit der letzte Film, in dem Essen als Kulisse diente. Spätere Krimiserien wie "Der Komissar" (1968), "Derrick" (1974) oder "Der Alte" (1977) spielten ausschließlich in München, wo im Laufe der Jahrzehnte mordlustige Schurken die Einwohnerzahl drastisch reduziert haben müßten. Alles in allem boten diese vom ZDF produzierten Krimiserien gepflegte Langeweile, die zwar niemanden ernsthaft verärgern, aber im Gegenzug auch keinen vom Hocker reißen. Die ARD startete 1970 als Ersatz für die inzwischen eingestellte Serie "Stahlnetz" den "Tatort". Im Gegensatz zum "Stahlnetz" wurden hier rein fiktive Geschichten erzählt, mit wechselnden Ermittlern in verschiedenen Städten Deutschlands. Als die Serie 1970 mit der Episode "Taxi nach Leipzig" startete, konnte niemand ahnen, daß sich daraus ein Dauerbrenner bis in die Gegenwart entwickeln würde. Die populärsten Ermittler aus der Anfangszeit waren Kommissar Trimmel (Walter Richter) aus Hamburg, Kommissar Veigl (Gustl Bayrhammer) aus München und Oberinspektor Marek (Fritz Eckhart) aus Wien. Die populärste Figur war aber Zollfahnder Kressin (Sieghard Rupp) aus Köln. Bei Kressin war die deutsche Fernsehgemeinde in zwei Lager gespalten: Die einen fanden ihn einfach toll, den anderen war ein deutscher Beamter, der einen so lässigen Lebensstil führte wie er, einfach suspekt. Allerdings war die Figur des Kressin wohl eher als Karikatur gedacht, dafür bürgt allein schon der Autorenname Wolfgang Menge. Um 1973 hatte der Kressin-Darsteller Sieghard Rupp vom Tatort die Nase voll. Da der WDR weiterhin an dieser äußerst populären Krimiserie beteiligt sein wollte, wurde Kommissar Heinz Haferkamp ins Leben gerufen. Diese Rolle wurde mit Hans-Jörg Felmy, dessen Karriere seit einigen Jahren vor sich dahin dümpelte, besetzt. Sein Einsatzgebiet war Essen, die liebenswerte Metropole des Ruhrgebiets.

Eigentlich war Essen auf der Kriminallandkarte ein weißer Fleck, denn was soll im Ruhrgebiet schon groß passieren? Haben die Kumpels und Malocher außer ihrer Arbeit und ihren Vorlieben für Tauben, Schrebergärten und Fußball überhaupt Zeit, um irgendwelche krummen Dinge, ja sogar Morde zu begehen? Ab 1974 bewiesen Heinz Haferkamp und sein Assistent Willi Kreuzer (Willy Semmelrogge), daß in Essen mitunter mehr Menschen auf unnatürliche Weise ums Leben kamen als bei Grubenunglücken. Der manchmal etwas lustlos wirkende Haferkamp schlug beim Publikum sofort voll ein und wurde schnell der beliebteste Tatort-Fahnder. Kein Ganove (und vor allem keine Frikadelle) war vor ihm sicher. Wußte Haferkamp mal nicht weiter, holte er sich Rat bei seiner Ex-Frau (Karin Eickelbaum), eine für die damalige Zeit im deutschen Fernsehen sehr selbstbewußte und emanzipierte Frau. Kritisieren kann man die Tatsache, daß in den einzelnen Haferkamp-Episoden kein Klischée vom dreckigen und trostlosen Ruhrgebiet ausgelassen wurde. Man denke nur an diverse Beerdigungsszenen, die alle auf dem Katernberger Friedhof an der Viktoriastraße mit den qualmenden Schloten der Kokerei Zollverein im Hintergrund gedreht wurden. Da die Autoren anscheinend nicht aus Essen bzw. aus dem Revier stammten, kann man diese Tatsache lächelnd übersehen. Dafür gab es als Entschädigung viele unvergeßliche Szenen, z. B. wie ein potentielles Mordopfer an der U-Bahn Baustelle Hauptbahnhof von ihrem Mörder verfolgt wurde, Jürgen Prochnow als Lehrer im Bischöflichen Gymnasium in Stoppenberg oder daß der Lindenbruch, die sportliche Heimat der Sportfreunde Katernberg, als Kulisse für die Episode "Fortuna 3" (1976) diente.
 
Auch die Jubiläumsfolge des Tatorts, Episode 100, kam aus Essen. Das zeigt, welchen Stellenwert die Figur des Kommissar Haferkamp innerhalb der Serie hatte, was einzig und allein an dem überzeugenden Hans-Jörg Felmy lag. 1980 war aber Schluß mit Kommissar Haferkamp, Hans-Jörg Felmy wollte nicht mehr. Seiner Ansicht nach wurden die Drehbücher immer schwächer, und ihm wurde der Einfluß auf die Gestaltung neuer Geschichten einfach verwehrt. Eigentlich schade, denn Hans-Jörg Felmy war Haferkamp und die Figur hätte noch einige Jahre ausgereizt werden können und sein Nachfolger beim WDR-Tatort, Götz George als unsympathischer Pöbelbulle Horst Schimanski, wäre der TV-Gemeinde erspart geblieben. Es gab aber trotzdem nach Hans-Jörg Felmys Ausstieg noch einen Tatort aus Essen. Die Drehbuchautoren hatten Haferkamp kurzerhand in den Urlaub geschickt und Willi Kreuzer ermittelte gemeinsam mit einer Urlaubsvertretung (Jörg Hube) gegen einen Bundeswehrdeserteur. Allerdings kam diese Episode beim Publikum nicht besonders gut an.
 
Was bleibt, ist die Tatsache, daß Hans-Jörg Felmy neben Willy Lippens der beste Botschafter Essens in den 70er Jahren war. Wie wäre es, wenn Hans-Jörg Felmy wegen seiner Verdienste im Kampf gegen das Verbrechen in Essen die Ehrenbürgerschaft verliehen würde?
 
© by Claus Salewski, September 2006

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