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Auf geht's Leit, die Maria kommt ...

Alpenländische Sangeskunst hat auch im Ruhrgebiet eine große Anhängerschaft. Gerade in Bierzelten kommen die schmissigen Melodien besonders gut an, schmeckt ein Pils dabei um so besser. Auch Konzerte der Stars aus diesem Genre sorgen im Revier für volle Hallen. Das hat Tradition.

Eine der populärsten Vertreterinnen der volkstümlichen Musik war und ist Maria Hellwig. In den 70er Jahren war ihre Sendung „Die Musik kommt“ ein echter Hit im ZDF. Mit ihrer oberbayrischen Lebensfreude bat sie, eingebettet zwischen der „ZDF-Hitparade“ und Ilja Richters „Disco“ zur zünftigen Gaudi. Ihre Sendung entwickelte sich zu einem derartigen Quotenhit, daß findige Konzertmanager auf die Idee kamen, Maria Hellwig mit ihrer Erfolgsshow auf Tournee zu schicken. Klar, Anhänger progressiver Musik rümpften über so etwas wie Volksmusik die Nase und ließen kein gutes Haar an Maria Hellwig und „Die Musik kommt“. Die teilweise doch recht hämischen und gehässigen Kommentare konnten aber nicht verhindern, daß die Shows dieser Dame in teilweise ausverkauften Hallen stattfanden.

Am 27.11.1976 gab sich „Die Musik kommt“ auch in der Essener Grugahalle die Ehre. Da sich meine Mutter für diese Art von Musik interessierte bzw. weil sie Maria Hellwigs Fernsehsendung gerne sah, wollte sie eine derartige Show gerne einmal vor Ort sehen. Da mein Vater nicht die geringste Lust verspürte, sich diese musikalische Delikatesse anzutun („Ach geh mich doch weg mit die ollen Seppls“), erklärte ich mich bereit, sie zu dieser Veranstaltung zu begleiten. Für insgesamt 25,00 DM kaufte ich zwei Eintrittskarten im Vorverkauf (für eine Veranstaltung dieser Art muß man heute schon das doppelte in Euro bezahlen!).

Als wir den Innenraum der Grugahalle betraten, war meine Mutter ganz überrascht, was für gute Plätze ich organisiert hatte. Unsere Plätze befanden sich auf dem Parkett in der siebten Reihe, also in unmittelbarer Nähe der Bühne. Direkt auf den Plätzen in der Reihe vor uns saß ein merkwürdiges älteres Ehepaar: sie im Dirndl, er in Lederhose und einem Hut mit Gamsbart. Der Mann schien sich auf die Veranstaltung richtig zu freuen. Er stand immer auf, nahm seinen Hut vom Kopf, schwenkte diesen herum und stieß ein paar deftige Jodler aus. Der Frau war das Verhalten ihres offensichtlich leicht angetrunkenen Gatten peinlich und sie forderte ihn auf, sich zu benehmen. Ein paar Minuten beherzigte er diese Maßregelung, dann legte er wieder los. Ihr wurde das Spiel langsam zu bunt, und sie sagte: „Jupp, wenn de dich nich sofoot vonünftich benimmz, dann geh ich nach Hause. Dann kannze dich dat Gedöns hier alleine ankucken. Getz reiß dich abba ma zusammen!“

Jupp war sichtlich eingeschnappt, gab aber erst einmal Ruhe. Sein Ärger über die Maßregelungen seiner Frau währten allerdings nicht lange, denn nur wenige Minuten nach dieser für ihn unerfreulichen Szene ging das Licht aus. Ein kurzes Raunen ging durch das weite Rund der Grugahalle. Als es fast mucksmäuschenstill in der Halle war, rief eine gellende Stimme: „Auf geht’s Leit, die Musi kommt!“

Und da zog auch schon die Gastgeberin des Abends ziemlich ungestüm ein. In ihrem Schlepptau hatte sie eine Bergmannskapelle, die „Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt“ spielte, zu der sie wie beseelt den Text sang. Als sie endlich auf der Bühne stand, war ihr erstes Lied für diesen Abend auch schon beendet. Das Publikum honorierte Marias musikalische Verbeugung vor dem Ruhrgebiet mit einem besonders frenetischen Applaus. Nachdem sich das Publikum ausgetobt hatte, begrüßte sie ihr Publikum auf das herzlichste. Für das Publikum war diese äußerst freundliche Begrüßung Grund genug, sie noch einmal mit einem ausgiebigen Applaus zu belohnen. In den nächsten eineinhalb Stunden bot sie ein buntes Programm, das das Herz eines jeden Liebhabers alpenländischer Musik höher schlagen ließ. Für Jupp in der Reihe vor uns war das bunte Programm jedenfalls eine Mordsgaudi.

Wer da nun im einzelnen auftrat, weiß ich nicht mehr so genau. Zwei Sachen sind mir allerdings in Erinnerung geblieben. Das war zunächst einmal eine Schuhplattlergruppe. Gut, ein solcher Auftritt ist nichts besonderes, wäre einem der Schuhplattler nicht ein schmerzhaftes Mißgeschick passiert. Wie vom wilden Affen gebissen haute er, während er tanzte, mit seinen Händen auf seine Oberschenkeln. Allerdings ging ein Schlag daneben und er traf seine intimste Stelle. Mit einem Mal sank er zu Boden und winselte nur noch statt zu jodeln. Die Zuschauer in den ersten Reihen, die dieses denkwürdige Schauspiel mitbekommen hatten, forderten sofort eine Zugabe. Danach stand dem armen Mann aber nicht der Sinn. Zwei freundliche Helfer vom Roten Kreuz halfen ihm diskret hinter die Bühne, wo er wohl sofort die Hilfe bekam, die er benötigte (Eisbeutel?).

Der Höhepunkt des Abends aber war der Auftritt des damals sehr populären Medium-Terzetts. Durch ihre permanente Medienpräsenz waren sie auch mir ein Begriff. Und ich muß gestehen, was die drei Herren im mittleren Alter dort auf der Bühne ablieferten, hat sogar mir gefallen. Ihre gute Laune übertrug sich sofort auf das Publikum, und es dauerte nicht lange, bis sie dieses voll im Griff hatten. Die Stimmung erreichte ihren Siedepunkt als sie ihr allseits bekanntes „Ein Loch ist im Eimer“ zum Besten gaben. Das Medium-Terzett verbreitete eine solche Mordslaune, daß die Grugahalle Kopf stand. Erst nach der dritten Zugabe entließ sie das Publikum in ihren verdienten Feierabend. Einen solchen Zuschauerzuspruch genoß natürlich auch Maria Hellwig, die zwischen den Auftritten ihrer Gäste genau die Lieder sang, die das Publikum von ihr hören wollte. Beim „Kufstein-Lied“ schunkelte es, was das Zeugs hielt. Auch sie wurde nicht ohne Zugaben von der Bühne gelassen.

Nach dieser Veranstaltung war ich erst einmal geplättet. So viel alpenländischer Frohsinn ist in dieser komprimierten Form doch ziemlich anstrengend. Meiner Mutter hatte die Show recht gut gefallen, auch wenn es ihr etwas zu laut war. Ich sagte ihr, daß diese Lautstärke im Gegensatz zu diversen Rockkonzerten eine eher stille Veranstaltung war.

Ach ja, kurz vor Beginn dieser Veranstaltung hatte ich mir an der Vorverkaufskasse noch eine Eintrittskarte für das Konzert der englischen Gruppe UFO gesichert, die eine Woche später in der Grugahalle auftrat. Tja, so war das in den 70er Jahren, da hatte man keine Probleme damit, sich nacheinander Maria Hellwig und Heavy Metal reinzuziehen.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014