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Der Deutschen liebste Meeresbewohner

In der Essener Grugahalle haben im Laufe der Jahrzehnte so ziemlich alle Größen der internationalen und nationalen Musikszene ihre Visitenkarten abgegeben: Ob Bill Haley, Beatles, Rolling Stones, Bee Gees, Deep Purple oder Udo Jürgens (nur eine kleine Auswahl!), alle sorgten sie für ein ausverkauftes Haus.

Ein echtes Phänomen ist die deutsche Schlagergruppe Die Flippers. Egal, wo das fröhliche Trio auch auftritt, überall sind die Hallen bis auf den letzten Platz gefüllt. So auch ihr Gastspiel im März 1999 anläßlich ihrer Jubiläumstour „30 Jahre Die Flippers“.

Selbstverständlich gehöre ich zu der überwiegenden Zahl von deutschen Musikfreunden, die sich diese Musik nicht anhören (und wenn, dann nur, wenn keine Zeugen dabei sind), geschweige denn, ein Konzert von ihnen besuchen würde. Und wenn doch, dann nur mit fadenscheinigen Begründungen. Meine Begründung für den Besuch des Flippers Konzert anno 1999 war die, daß meine Freundin ein echter Fan der Flippers ist und sie diese unbedingt einmal live erleben wollte. Nun, so selbstlos eingestellt wie ich nun mal bin, ließ ich mich breitschlagen und besorgte zwei Karten zum Preis von ca. 40,00 DM pro Platz in der vorletzten Reihe auf dem Parkett.

Als wir den riesigen Veranstaltungstrakt betraten, wurden wir gleich mit einer Überraschung konfrontiert: Die von mir gebuchten Plätze gab es gar nicht bzw. für diese Reihen waren überhaupt keine Sitzgelegenheiten aufgebaut. Sofort machte sich unter den Besuchern der letzten Reihen Unmut breit und die Organisatoren mußten improvisieren. So bekamen wir nach längerem hin und her Plätze auf dem Rang direkt seitlich der Bühne zugewiesen. Das überwiegend weibliche Publikum der hinteren Ränge war natürlich happy, konnten sie ihre Lieblinge fast zum Greifen nahe erleben.

Ein kurzer Blick durch die Grugahalle, und ich mußte zu meinem Erstaunen feststellen, daß diese bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Das Publikum bestand überwiegend aus Frauen so ab 40 Jahren, die sehnsüchtig auf die von ihnen vergötterte Gruppe wartete. Das Licht ging aus und die ersten Takte Musik erklangen. Als dann mit einem Paukenschlag der Vorhang fiel und Delphinluftballons aufstiegen, kreischten die Damen vor Verzückung: Ihre Lieblinge standen auf der Bühne! Es entstand eine Geräuschkulisse, die mich an ein Konzert der Bay City Rollers im Jahre 1977 in der Düsseldorfer Philipshalle erinnerte (wer weiß, vielleicht sind viele der damaligen Bay City Rollers Anhängerinnen inzwischen ins Flipperslager übergetreten).

Und die Flippers legten sofort los mit dem, was sie am meisten im Gepäck hatten: Hits, Hits und nochmals Hits! Und die Fans kannten natürlich alle Texte Silbe für Silbe auswendig. Die einen sangen beseelt mit, andere tanzten zu den flotten (?) Rhythmen auf dem Parkett und auf den Rängen wurde geschunkelt, was das Zeugs hielt.

Sicher, es gab auch den einen oder anderen Zuschauer (so wie ich), der das bunte Treiben fassungslos verfolgte, aber die waren eine verschwindend kleine Minderheit. Aber einen hartgesottenen Konzertbesucher wie mich kann so leicht nichts erschüttern, und außerdem hatte ich in der Vergangenheit Konzerte besucht, gegen die der Auftritt der Flippers schon fast wieder anspruchsvoll war.

Da erinnere ich mich gerne an ein Konzert der britischen Gruppe Motörhead in der Bochumer Zeche im Jahre 1981. Dort bin ich mich zwei Arbeitskollegen hingegangen. Aber die ersten Takte dieser kakophonischen Darbietung waren so grauenhaft, daß ich bereits nach wenigen Minuten panisch und fluchtartig die Halle verlassen habe. Wenn man einen Auftritt von Motörhead mit dem der Flippers vergleicht, dann ist das so, als hätte man die Auswahl zwischen Spülwasser und einem gepflegten Mocca (wobei in diesem Fall Die Flippers eindeutig der Mocca wären). Und siehe da, die Flippers schafften es tatsächlich, daß ich bei dem einen oder anderen Lied sogar mitsang („Tanzen unterm Regenbogen“ und „Der letzte Bolero“). Aber das tat ich so leise, daß niemand etwas davon mitbekam und ich nicht in den Verdacht geriet, wohl möglich ein Anhänger dieser Gruppe zu sein. Nun, die drei Flippers ließen einen Hit nach dem anderen vom Stapel, sehr zur Freude des Publikums. Jedes Lied wurde geradezu frenetisch gefeiert. Bernd Hengst, Manfred Durban und Olaf Malolepski hätten auch „Die Wacht am Rhein“ oder „Alle meine Entchen“ singen können, dem Publikum wäre es egal gewesen. Und ihnen war auch egal, ob die drei alles live spielten oder ob die Musik und der Gesang nur vom Band kamen.

Dann folgte der (bizarre) Höhepunkt des Abends: Vier wohlgenährte Damen trugen tänzelnd eine Riesentorte zur Bühne! Ich fand, daß das keine schlechte Idee war, denn so brauchten sich Die Flippers keine Gedanken mehr darüber zu machen, was sie nach dem Auftritt essen sollten. Mit diesem kalorienreichen Geschenk konnten sie ihre Geschäftskasse schonen. Es hagelte neben der Riesentorte noch jede Menge anderer Geschenke wie Blumen, Stofftiere etc. Und, das ist jetzt wirklich nicht gelogen, flog sogar ein Damenslip auf die Bühne (ob einer der drei Musiker für so ein Präsent Verwendung hat, wage ich allerdings stark zu bezweifeln). Die Flippers bedankten sich artig für die Geschenke und spielten über zwei Stunden ihr Programm in aller Routine herunter. Natürlich kamen sie dem Wunsch ihrer Fans nach Zugaben unverzüglich nach. Nachdem sie sich nach dem Auftritt wieder frisch gemacht hatten, gaben sie ihren Fans von der Bühne herunter bereitwillig Autogramme. Auch das ein oder andere Küßchen wurde dabei verteilt (diesen Wunsch kamen sie allerdings nur der weiblichen Fangemeinde nach!!!).

Als wir die Grugahalle verließen, war meine Freundin natürlich hellauf von dem Konzert begeistert. Ich als Anhänger progressiver Musik (???) konnte natürlich ihre Begeisterung nicht teilen, mußte aber eingestehen, daß dieses Konzert bei weitem nicht so grauenhaft für mich war, wie ich es mir eigentlich gedacht hatte, zumal ich, wie schon erwähnt, in der Vergangenheit wesentlich schlimmere Konzerte besucht hatte. In der Hoffnung, daß ich nie mehr ein Konzert der Flippers besuchen muß, gönne ich den übrigen 7.999 Zuschauern die Freude, die sie an diesem Abend hatten.

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Hier vier Fotos vom Konzert der Flippers

Flippers 1

Flippers 2

Flippers 3

Flippers 4
© Fotos by Claus Salewski, März 1999
 

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