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Hoch auf dem gelben Wagen

Ab 1974 war Gotthilf Fischer mit seinen Chören ein echter Star. Die Verkaufszahlen seiner Langspielplatten und regelmäßig ausverkauften Konzerte ließen so manchen internationalen Star vor Neid erblassen.

Schlagartig bekannt wurde Gotthilf Fischer, als er mit seinem Chor 1974 bei der Eröffnungsfeier der Fußballweltmeisterschaft im Frankfurter Waldstadion auftrat. Gemeinsam mit Freddy Quinn schmetterten sie „Das große Spiel“. Von diesem Zeitpunkt an rissen sich das Fernsehen und die Konzertveranstalter um die Fischer-Chöre. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre gab es kaum eine Unterhaltungssendung im Fernsehen, in der er nicht auftrat. Dabei war das musikalische Konzept der badischen Frohnatur (?) eher simpel, bot er mit „Den größten Chor der Welt“ (in den besten Zeiten hatten die Fischer-Chöre Mitgliederzahlen, die in die Hunterttausende ging) eine Mischung aus populären Volksliedern, volkstümlichen Liedern, alten Schlagern, bekannten Operettenliedern oder auch schon mal bekannte Liedern aus Opern wie der „Gefangenenchor“ aus Nabucco.

Ob man das musikalische Programm der Fischer-Chöre nun mochte oder nicht, man muß ihnen zugestehen, daß ihre Versionen bekannter und populärer Lieder doch sehr markant und speziell klangen und man im Gegensatz zu anderen Chören sofort die Fischer-Chöre erkannte. Mit seinen Arrangements verlieh Gotthilf Fischer seinen Chören eine unverwechselbare Note. Seine Popularität stieg dermaßen an, daß sich bundesweit Fischer-Chöre bildeten. Das hatte für den Chorleiter den Vorteil, daß, wenn er auf Tournee ging, nicht immer mit dem gleichen Chor unterwegs war und er auf seine lokalen Chöre zurückgreifen konnte. So hielten sich die Reisekosten in Grenzen, und das schlug sich auf die extrem günstigen Eintrittspreise seiner Konzerte nieder. Ihm ging es auch nicht darum, mit seinen Konzerten das große Geld zu machen, denn es bereitete ihm sichtlich Freude, die Menschen zum Singen zu bringen. So war der Besuch eines Konzerts ein Vergnügen (??) für jung und alt.

Im Herbst 1975 war Gotthilf Fischer mit seinen Chören auf großer Deutschlandtournee. Klar, daß er auch in der Essener Grugahalle (damals eine der ersten Adressen für Veranstaltungsorte) ein Gastspiel gab. Da meine Mutter von den Fischer-Chören ganz angetan war, wollte sie sie unbedingt einmal live erleben. Da ich nun einmal uneigennützig und selbstlos eingestellt bin, tat ich ihr den Gefallen, sie zu diesem Konzert zu begleiten. Die erste Überraschung war die, daß ich im Vorverkauf für die beiden Eintrittskarten gerade einmal 10,50 DM (inklusive Vorverkaufsgebühr) bezahlte. Die zweite Überraschung war die, als ich beim Betreten des Innenraums der Grugahalle sah, wie voll die Halle war. Gut und gerne 8.000 Zuschauer sorgten schon vor Beginn des Konzerts für eine richtig gute Stimmung. Von den Zuschauerzahlen gesehen, hätte man meinen können, die Rolling Stones, Pink Floyd oder eine sonstige internationale Supergruppe würde an diesem späten Nachmittag ein Konzert geben.

Im Foyer gab es einige Tische, an denen diverse Schallplatten der Fischer-Chöre angeboten wurden. Was mich wunderte, war die Tatsache, daß diese Platten zum Preis von 10,00 DM und nicht zum damaligen Standardpreis von 22,00 DM veräußert wurden. Kein Wunder, daß die Schallplatten reißenden Absatz fanden. Meine Mutter ließ es sich nicht nehmen, zwei Langspielplatten zu erwerben. An den Eingängen zum Innenraum verteilten Ordnungskräfte kleine Hefte mit dem Liederprogramm des Nachmittags.

Wie bei einem Rockkonzert hatten wir freie Platzwahl. Wir entschieden uns für einen Platz auf einem der Ränge mit seitlichen Blick auf die Bühne. Die Plätze waren gut gewählt, denn von hier aus konnte man optimal das Geschehen auf der Bühne verfolgen. Ein Blick in das weite Rund der Grugahalle zeigte mir, daß das Publikum altersmäßig bunt gemischt war, vom Vorschulkind bis hin zu betagten Senioren.

Pünktlich um 16.00 Uhr begann das Konzert. Unter tosendem Applaus betraten Gotthilf Fischer und der Chor die Bühne. Während Gotthilf Fischer das Publikum auf seine für ihn typisch verbindliche Art begrüßte, nahm der Chor Aufstellung (einige Zuschauerinnen in den vorderen Reihen fielen beim Anblick ihres Schwarms vor Verzückung fast in Ohnmacht oder verdrehten zumindestens schwärmerisch die Augen). Unter tosendem Applaus und diversen Jubelstürmen sangen sie zunächst ein Medley bekannter Volkslieder. Wie beseelt dirigierte Gotthilf Fischer den Chor und ab und zu das Publikum. Es dauert nur wenige Takte und er hatte seinen Chor und das Publikum voll im Griff. Man sah ihm an, daß er voll in seinem Element war. Bei „Hoch auf dem gelben Wagen“ erreichte die Stimmung ihren Siedepunkt. Wäre das Lied nicht ein altes Volkslied (und von Walter Scheel ein Jahr zuvor zum Hit gemacht), so hätte man meinen können, Gotthilf Fischer hätte es selber geschrieben. Ob der Chor nun „Hoch auf dem gelben Wagen“, „Das große Spiel“, „Horch was kommt von draußen rein“ oder „Gefangenenchor“ sang, jedes Lied wurde vom Publikum geradezu euphorisch mitgesungen und ebenso euphorisch beklatscht.

Zum Höhepunkt des Konzerts stellte sich Gotthilf Fischer in der Mitte des Parketts auf und dirigierte seinen Chor und das Publikum gemeinsam. Nach knapp eineinhalb Stunden war der ganze Budenzauber dann vorbei. Meiner Mutter hatte diese Veranstaltung gut gefallen und ich war froh, daß ich diese für mich musikalische Tortur heil überstanden hatte. Was mich an diesen Konzert allerdings beeindruckt hat, war, wie sehr es Gotthilf Fischer verstanden hatte, das Publikum in sein Programm einzubeziehen. Ich habe schon einiges an Konzerten unterschiedlichster Art gesehen, aber selten habe ich jemanden agieren sehen, der das Publikum so im Griff hatte und ihm das Gefühl gibt, ein Teil der Veranstaltung zu sein. Wie dem auch sei, nach dieser Veranstaltung war ich erst einmal geplättet und mein Bedarf an Chorgesang für die nächsten Jahrzehnte gedeckt.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014