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Germany Television Proudly Presents: Heiße Rocknächte in der Grugahalle

Als Rockfreund schaute man in der ersten Hälfte der 1970er Jahre im Fernsehen nicht selten in die Röhre. Ihre bevorzugte Musik wurde von den Musikredakteuren der beiden Fernsehsender ARD und ZDF übersehen. Die Zeiten des „Beatclub“ waren längst vorbei und man konnte froh sein, wenn man in Sendungen wie „Musikladen“ oder „Disco“ mal etwas Rockiges sehen und hören durfte.

Auftritte von Nazareth, Bachman-Turner-Overdrive und (wenn man den Begriff Rock nicht zu eng auslegt) The Sweet waren schon das höchste der Gefühle. Der „Musikladen“ mit Manfred Sexauer und Uschi Nerke war eigentlich eine höchst erfreuliche Sendung, bot der Produzent dieser Show, Mike Lekkebusch, der auch schon in den 1960er Jahren den „Beatclub“ aus der Taufe gehoben hatte, ausschließlich internationale Stars aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Pop, Soul, Disco, etwas C&W und gelegentlich Rock.

Eigentlich war auch gegen „Disco“ nichts einzuwenden, bot Moderator Ilja Richter ein Spiegelbild der deutschen Hitparade. Demzufolge gab es regelmäßig eine recht krause Zusammenstellung: Eingebettet zwischen Heino, Chris Roberts, den Les Humphries Singers und Ilja Richters „Sketchen“ durften dann auch mal The Sweet, Suzi Quatro oder Nazareth so etwas wie Rockfeeling verbreiten.

Das änderte sich im Jahre 1974. In diesem Jahr rief der Westdeutsche Rundfunk, seit je her einer der innovativen Sender im deutschen Fernsehen, den „Rockpalast“ ins Leben.

Gewiß, anfangs spielte sich alles in einem bescheidenen Rahmen ab und die Sendung lief nicht regelmäßig, aber der geneigte Musikfreund bekam Gruppen und Interpreten wie z.B. Procol Harum geboten, die man im deutschen Fernsehen so gut wie nie zu Gesicht bekam. Mit dem „Rockpalast“ bewies der WDR, daß es im deutschen Fernsehen noch etwas anderes gab als so anspruchsvolle Musiksendungen wie „Hitparade“, „Zum blauen Bock“ oder „Die Musik kommt“.

Daß die Macher vom „Rockpalast“ mit ihrer Sendung richtig lagen, bewiesen die Einschaltquoten, denn bald wurde die einzelnen Sendungen auch in den anderen dritten Programmen ausgestrahlt.

Im Jahre 1976 kam die Redaktion des „Rockpalast“ auf die Idee, einmal so etwas wie ein großes Festival zu organisieren. Da nach Mitternacht meist Sendeschluß war, konzipierten sie eine Rocknacht. Nach einjähriger Vorbereitungszeit war es am 23. Juli 1977 soweit: Die erste Rocknacht fand statt, und wo hätte man diese Veranstaltung besser und würdiger austragen können als in der Essener Grugahalle.

Per Eurovision war halb Europa angeschlossen, um dieses denkwürdige Ereignis live zu übertragen. Das Programm der ersten Rocknacht konnte sich mehr als sehen lassen: Rory Gallagher, Little Feat und Roger McGuinn. Rory Gallagher und Roger McGuinn waren den europäischen Rockfreunden seit längerem ein Begriff, Roger McGuinn in erster Linie durch sein Mitwirken bei The Byrds. Little Feat waren in den USA eine echte Topgruppe auf dem LP-Sektor und dort eine heißbegehrte Liveband, doch in Europa waren sie nahezu unbekannt. Das sollte sich nach ihren Auftritt in der Grugahalle gewaltig ändern.

Auch in den kommenden Jahren bewiesen die Macher vom Rockpalast bei der Auswahl der Gruppe für die Rocknächte stets ein gutes Händchen. Wer erinnert sich nicht gerne an die spektakulären Auftritte von Mothers Finest, Patti Smith, Mitch Ryder, ZZ Top oder The Police?

Den Vogel schossen sie aber für die achte Rocknacht am 28. März 1981 ab. Diesmal traten nur zwei Gruppen auf, aber diese beiden Gruppen waren Dynamit pur: The Who und The Grateful Dead. Das war die einzige Rocknacht, die besucht habe. Ich mußte zwei Arbeitskollegen lange überreden, mitzukommen. Die beiden Jugendlichen standen eher auf New Wave und Kiss, und hatten dementsprechend keinen Bock darauf, sich solche „Opas“ wie The Who und The Grateful Dead anzuschauen.

Als wir den Innenraum der Grugahalle betraten, herrschte schon eine unglaublich angespannte Stimmung. Als Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwistle und Kenny Jones schließlich die Bühne betraten, explodierte die Stimmung in einen grenzenlosen Jubel, fast so, als wäre Rot-Weiß Essen (der sympathische und liebenswerte Kultverein von der Hafenstraße) soeben Deutscher Meister geworden.

Die Musiker der Who, damals immerhin schon seit fast 17 Jahren eine der erfolgreichsten Gruppen überhaupt, hatten mit einem derartig euphorischen Empfang wohl nicht gerechnet. Die Stimmung in der überfüllten Grugahalle übertrug sich sofort auf die Musiker, die so spielten, daß man meinen konnte, hier spielen keine Rockveteranen, sondern eine junge dynamische Newcomerband. Sie boten einen bunten Querschnitt durch ihr reichhaltiges Programm der letzten beiden Jahrzehnte, sowie einige Stücke aus ihrer neuen LP „Face Dances“ sowie ihren brandneuen Hit „You Better You Bet“. Ob „Substitute“, „Can’t Explain“, „My Generation“, „5.15“, „Pinball Wizards“ oder „Who Are You“, fast zwei Stunden boten sie einen Knaller nach dem anderen. Meine beiden Begleiter, die die Gruppe vorher mit äußerster Skepsis beäugt hatten, fielen fast die Augen aus. Sie konnten einfach nicht glauben, welch fulminantes Spektakel sich da vor ihren Augen abspielte. Und den Knaller des Abends hatten sich The Who ganz für den Schluß aufgehoben. Zu den Klängen von „Won’t Get Fooled Again“ bewegte sich Roger Daltrey in einem Lasergewitter, und zum Abschluß erweckte eine gigantische Lichtmaschine den Eindruck als würde die ganze Bühne in einem weißen Licht explodieren. Nun rastete das Publikum vollends aus, eine Steigerung schien nicht mehr möglich.

Da hatte es anschließend The Grateful Dead aus San Francisco mit einem fast vierstündigen (?) Auftritt sehr schwer. Jerry Garcia & Co. gaben sich zwar die größte Mühe, doch eine ähnliche Publikumsresonanz wie The Who erreichten sie nicht. Als die Rocknacht gegen 5.00 Uhr am nächsten Morgen beendet war, waren meine beiden Begleiter immer noch ganz begeistert von dem Auftritt der Who und wir waren uns einig, einen solchen Knaller wird es in der Rocknacht nie wieder geben.

Und in der Tat, auch wenn in den kommenden Jahren noch einige gute Gruppen in der Rocknacht auftraten (u.a. The Kinks), den Who konnte keiner das Wasser reichen. Überhaupt blieben in den nächsten Jahren die ganz großen Namen aus, was zur Folge hatte, daß entsprechend die Zuschauerzahlen zurückgingen. Die Macher der Rocknächte hatten Schwierigkeiten, an die ganz großen Namen heranzukommen, was in erster Linie daran lag, daß die Gagenforderungen ins Unermeßliche stiegen.

In späteren Jahren griffen sie dann auf Leute wie Nena oder Paul Young zurück, was ihnen zwar wieder eine volle Grugahalle bescherte, aber die echten Rockfans vergraulte.

Was bleibt, sind die Erinnerungen an die unglaublichen Rocknächte der Jahre 1977 bis 1982. Man muß einmal dabeigewesen sein, um die Atmosphäre nachempfinden zu können, die seinerzeit in der Grugahalle geherrscht hat. In Zeiten von MTV, Viva und Massenveranstaltungen von der Stange erscheinen einem die Rocknächte wie Ereignisse einer längst vergangenen Zeit.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014