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Die Essener Songtage und heiße Rocknächte

Nach den harten Nachkriegsjahren erstarrte die westliche Gesellschaft im Wohlstand, im unendlich erscheinenden Luxus, der nun für jedermann erreichbar schien und im Verdrängen des Grauens. Dies spiegelte sich auch in der populären Musik der 50er Jahre wieder. Hier war die Welt in Ordnung, hier wurde von fernen, exotischen Ländern geträumt und Kritik am System außen vorgelassen. Die erste musikalische Revolution kam aus Amerika: Der Rock’n’Roll. Musiker wie Bill Haley, Chuck Berry oder Elvis Presley schockten die verlogene Konsumgesellschaft mit wilder Musik und teilweise anzüglichen Texten. Diese Musik und ihre Protagonisten stießen vor allem bei der bürgerlichen Gesellschaft auf massive Ablehnung, teilweise sogar auf Haß. Die Jugend hingegen war umso begeisterter, hatten sie nun doch endlich ihre Musik, brachten die Musiker ihr Lebensgefühl auf den Punkt. Anfang der 60er Jahre war aus der Rockrevolte purer Kommerz geworden. Die Interpreten des Rock’n’Roll hatten sich der Maschinerie des Showbusiness angepaßt.

Die 60er Jahre waren geprägt von gesellschaftlichen Umbrüchen. Dann kam der Herbst 1962, der alles verändern sollte. Als am 27.10.1962 „Love me do“ die erste Beatles-Platte Platz 27 der britischen Hitparade erreichte, ahnte die Popwelt noch nicht, welcher Orkan über sie einbrechen sollte und das anschließend nichts mehr so war, wie es vorher einmal war. Ihr erster UK-Nummer 1-Hit „Please, please me“ war im Februar 1963 der Startschuß zur größten Musikinvasion, die je von Großbritannien ausgegangen ist. Im Kielwasser der Beatles eroberten junge und unbekümmerte Gruppen wie Rolling Stones, Who, Kinks usw. mit ihrer aggressiven Musik die Hitparaden der Welt. Nicht nur, daß diese Gruppen anders spielten als alle bisher dagewesenen, mit ihrer Musik und ihrem Outfit (lange Haare, lässige Kleidung) verkörperten sie das Lebensgefühl einer anbrechenden neuen Ära. Im Gegensatz zum doch recht braven Rock’n‘ Roll der 50er Jahre wirkten diese Gruppen wild, roh und ungehobelt. Nebenbei machten sie eine verteufelt gute Musik. Endlich hatte die nach dem 2. Weltkrieg geborene Jugend ihre Musik, ihre Mode und vor allem ihre Lebensanschauung, mit der sie sich gegen die konservative und spießige Gesellschaft auflehnen konnte. Mit dem Aufkommen der Beatmusik veränderten sich langsam auch die Gesellschaften der westlichen Welt. Als 1967 in Paris erstmals Studenten auf die Straße gingen, konnte keiner ahnen, daß das der Auftakt zu weltweiten Studentenunruhen war, die ihren Höhepunkt 1968 in Paris und Berlin fanden. In dieser Zeit fanden auch die ersten Rockfestivals der Musikgeschichte statt. Den Anfang machte 1967 das Rockfestival in Monterey, dem 1969 das unvergessliche Woodstock und als trauriger Höhepunkt 1970 Altemont folgten (Traurig deshalb, weil während des Auftritts der Rolling Stones einige als Ordner engagierte Mitglieder der Hells Angels einen farbigen Jugendlichen erstachen).

Etwas im Schatten dieser Großereignisse stehen die Essener Songtage, die vom 25. bis 29. September 1968 in der Essener Grugahalle stattfanden. Die Essener Songtage waren ein einmaliges Ereignis in Europa und bis in die Gegenwart hat es keine vergleichbare Veranstaltung auf dem Kontinent mehr gegeben.

Für 4 Tage wurde Essen das Mekka für Hippies und Rockfans. Abseits jeglichen Kommerzes gaben über 40 Gruppen und Interpreten aus den Bereichen Rock, Jazz, Folk, Kabarett, Liedermacher und Polit ihre musikalischen Visitenkarten ab. Aus Deutschland kamen u.a. Hans-Dieter Hüsch, Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader, Ulrich Roski, Amon Düül, Floh de Cologne, Xhol Survivor, Guru Guru und Tangerine Dream. England wurde u.a. von Julie Driscoll & Brian Auger, Pink Floyd und Julie Felix sowie Amerika u.a. von Tim Buckley, The Fugs und Frank Zappa vertreten. Im Gegensatz zu heute waren die internationalen Stars froh, auch gegen geringe Gagen bei solchen Festivals in Europa vor einem interessierten Publikum überhaupt spielen zu dürfen. Trotz diverser Bemühungen um eine Neuauflage der Songtage blieb dieses Ereignis eine einmalige Angelegenheit und genießt mittlerweile einen schon legendären Ruf. Daß Essen auch später noch ein Geheimtip für Rockfreunde blieb, zeigten die Rocknächte des WDR, die von 1977 bis weit in die 80er Jahre auf großes Interesse stießen. Wurden die ersten Rocknächte ausschließlich nur im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, gingen die späteren Ausgaben weltweit auf Sendung. Mit kompetentem Sachverstand suchten die Redakteure des Rockpalast die Gruppen aus, die in den Rocknächten ihre musikalischen Visitenkarten abgeben durften. Oft wurden Bands aus den USA verpflichtet, die in den Staaten schon zur Elite der Szene zählten, in Europa aber nahezu unbekannt und nur einem Insiderpublikum ein Begriff waren. Unter der Ankündigung „German Television proudly presents“ der Moderatoren Alan Bangs und Albrecht Metzger traten unter anderen auf: Roger McGuinn, Little Feat, Rory Gallagher, The Who, The Police, Grateful Dead, ZZ Top, Mink deVille oder The Kinks. Allein diese Aufzählung liest sich schon fast wie ein Geschichtsbuch der Rockmusik der 70er Jahre. Sind Großereignisse wie die Essener Songtage oder die Rocknächte heute noch realisierbar? Wohl kaum, denn die horrenden Gagenforderungen von Topstars und derer, die sich dafür halten, würden in der heutigen Zeit jeden finanziellen Rahmen sprengen. Orientierte sich früher der Marktwert eines Stars ausschließlich nach den Plattenverkäufen, so ist es heute der sogenannte Mehrwert bzw. die Gewinnausschöpfung aus CD-Verkauf, Konzerten, Werbung und die Vermarktung der einzelnen Lieder auf diversen Samplern, der den Wert eines Künstlers bestimmt. So ist es nicht verwunderlich, daß man für das Konzert eines Solisten oder einer Gruppe aus der zweiten oder dritten Reihe ein Vielfaches von dem bezahlt, wofür man in den 60er und 70er Jahren drei, vier oder fünf Konzerte von Superstars besuchen konnte. Ärgern wir uns nicht über die horrenden Gagen der Stars der Gegenwart, sondern schwelgen mit einer Träne im Knopfloch in den Erinnerungen an die Essener Songtage und den Rocknächten.

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014