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Aber bitte den Udo

Einer der großen deutschsprachigen Stars ist seit den frühen 1960er Jahren Udo Jürgens.

Spätestens seit seinem Sieg beim Grand Prix Eurovision de la Chanson 1966 mit dem Titel „Merci, Cherie“ ist sein Name aus der deutschsprachigen Szene nicht mehr wegzudenken. Es folgte Hit auf Hit.

In der ersten Hälfte der 70er Jahre lief es dann nicht mehr so gut, die ganz großen Hits blieben erst einmal aus. Ein Grund dafür war, daß der gebürtige Österreicher seinen Stil ein wenig geändert hatte, weg von den banalen Liebesliedern hin zu aussagekräftigen Liedern mit teilweise sozialkritischen Texten. Gute Beispiele dafür sind „Lieb Vaterland“ (1971) und „Geschieden“ (1974). Zur Jahreswende 1974/75 war er dann wieder da, aber wie: mit „Griechischer Wein“ feierte er in Deutschland nicht nur seinen ersten und einzigen Nummer 1-Hit, dieses Lied war gleichzeitig auch sein größter Hit überhaupt. Der Erfolg dieses Liedes überrascht um so mehr, wenn man sich einmal den Text anhört, ging es in „Griechischer Wein“ doch nicht über Liebe, Triebe (aber bitte im jugendfreien Rahmen) oder Friede, Freude, Eierkuchen, sondern um die Sorgen und Nöte griechischer Gastarbeiter in einem fremden Land.

„Griechischer Wein“, die Nachfolgesingle „Ein ehrenwertes Haus“ und die LP „Udo ‘75“ machten Udo Jürgens neben Michael Holm zum erfolgreichsten deutschsprachigen Künstler des Jahres 1975. Mit derartigen Erfolgen im Rücken konnte, nein mußte seine Tournee in der zweiten Jahreshälfte ein Erfolg werden. Sie wurde nicht nur ein Erfolg, sie wurde für ihn zu einem Triumphzug.

Eine seiner Stationen auf dieser Tournee war am 13.09.1975 die Essener Grugahalle. Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht gerade der, den man unbedingt als Udo Jürgens-Fan bezeichnen konnte. Gewiß, das eine oder andere Lied von ihm hat mir durchaus gut gefallen, nur zugegeben hätte ich es nicht. Unter den jugendlichen Rock- und Popfans war deutscher Schlager verpönt. Schließlich wollte man als ganzer Kerl dastehen, und ein solcher Kerl hörte natürlich Deep Purple, Led Zeppelin, Black Sabbath, Uriah Heep, UFO, Golden Earring, Alice Cooper, Pink Floyd oder zur Not auch noch The Sweet. Aber Schlager? Um Gottes Willen - das war doch etwas für Weicheier und Mädchen (die wiederum auch nicht gerne zugaben, daß sie gerne Schlager hörten und sich untereinander stritten, wer denn nun besser sei, David Cassidy oder Donny Osmond).
Aber dem deutschen Schlager der 70er Jahren konnte sich keiner entziehen, und so hörte sich auch der härteste jugendliche Rockfan regelmäßig Schlager, wenn auch nur heimlich und unter Ausschluß seines Bekanntenkreises an. Und wenn ihm ein Lied von Michael Holm, Chris Roberts, Freddy Breck, Rex Gildo oder gar Heino besonders gut gefiel, dann kaufte er sich die Single. Das machte er im Sandwich-Verfahren. Das heißt, er kaufte sich drei Single, z.B. „Block Buster!“ von The Sweet, „Bianca“ von Freddy Breck und „Smoke On The Water“ von Deep Purple. Die Single von Freddy Breck packte er dann ganz diskret zwischen den Platten von The Sweet und Deep Purple. Falls er dann auf dem Heimweg einen Bekannten traf, der dann neugierig wissen wollte, was für heißen Stoff er sich da gekauft hatte, konnte er stolz die obere und untere Single präsentieren. Falls der Bekannte dann doch Freddy Breck entdeckt haben sollte, konnte man sich immer noch damit rausreden, daß diese Single für die Schwester wäre. Das war dann eine logische, plausible und einleuchtende Erklärung, die keine weiteren unangenehmen Fragen nach sich zog.

À propos Schwester: meine Schwester hatte sich für das Udo Jürgens-Konzert am 13. September 1975 in der Essener Grugahalle eine Karte im Vorverkauf gesichert. Leider wurde die Arme wenige Tage vorher krank und sie bat mich, sie bei dem Konzert zu vertreten. Schließlich wäre es schade, die Karte ungenutzt verfallen zu lassen. Dieses Argument leuchtete mir ein, und so selbstlos und uneigennützig wie ich nun einmal eingestellt bin, kam ich ihrer Bitte nach.

Dieser 13. September 1975, ein Samstag, war der reine Streß für mich. Am Nachmittag mußte ich erst einmal zum Fußball. Auf dem Programm der Bundesliga stand an diesem Spieltag unter anderem die Partie Rot-Weiß Essen (genau, der sympathische und liebenswerte Kultverein von der Hafenstraße) gegen den 1. FC Kaiserslautern. In einem der besten Spiele, das ich je an der Hafenstraße gesehen habe, fegten die Rot-Weißen die roten Teufel mit 5:1 vom Platz. Die älteren Anhänger werden sich mit Sicherheit noch gerne an die Saison 1975/76 erinnern, denn in dieser Spielzeit erreichten die Rot-Weißen mit dem achten Platz ihre beste Plazierung in der Bundesliga und verpaßten nur ganz knapp Platz 7, der ihnen die Teilnahme am UEFA-Cup gesichert hätte. Tja, damals war es selbstverständlich, daß die Rot-Weißen in der Bundesliga spielten. Heute sind das Geschichten, die die junge Anhängerschaft nur aus den Fabeln und Legenden ihrer Großväter und Väter kennen (frei nach dem Motto: „Schön, schön, so schön war die Zeit“). Aber eines haben die alten und jungen Anhänger gemeinsam, den unerschütterlichen Glauben daran, daß es eines Tages doch wieder aufwärts geht (Einsam sind die Tapferen).

In einer ganz anderen Liga als Rot-Weiß Essen spielte damals (und auch heute noch) Udo Jürgens. In Europa war und ist er einsame Spitze, und gemessen an seinem Können und seinem unerschöpflichen Repertoire kann er es mit den größten internationalen Stars aufnehmen, und wenn es sein muß, diese mal so eben locker überbieten. Davon konnte ich mir in der Grugahalle ein Bild von machen. Im Vorfeld habe ich mir von diesem Konzert nicht all zu viel versprochen, brachte ich den Namen Udo Jürgens in erster Linie mit Liedern wie „17 Jahr‘, blondes Haar“, „Merci, Cherie“, „Es wird Nacht, Senorita“, „Anuschka“, „Zeig mir den Platz an der Sonne“ und „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ in Verbindung. Allerdings, die Texte seiner beiden 75er Hit „Griechischer Wein“ und das recht bissige „Ein ehrenwertes Haus“ hatten auch mir gezeigt, daß dieser Udo Jürgens doch einiges mehr zu bieten hatte.

Als ich den Innenraum der Grugahalle betrat, war ich erstaunt, wie viele Menschen diesem Konzert beiwohnen wollten. Zu Konzertbeginn war die Halle bis auf den letzten Platz besetzt. Gut, die Hälfte der Zuschauer waren Frauen, die ihren Schwarm einmal aus nächster Nähe sehen und anhimmeln wollten. Und dann kam der Mann, auf den alle in der ausverkauften Grugahalle gewartet hatten. Nachdem er sein Publikum begrüßt hatte, sang er zunächst einige Lieder aus seiner aktuellen LP „Udo ‘75“. Er ließ das Publikum spüren, daß er nur für sie da war. Und dieser positive Funke sprang sofort auf die Menschenmassen über. Ich war erstaunt, daß das Publikum um mich herum die Texte dieser Lieder auswendig kannte. Es waren einige wirklich sehr schöne Lieder dabei, wie z.B. „Weil ich deine Liebe brauche, bin ich hier“ oder „Irgendwann war es Liebe“. In den nächsten ca. 70 Minuten bot Udo ein buntes Programm aus neuen und alten Liedern. Klar, daß besonders seine alten Hits beim Publikum besonders gut ankamen. Als dann „Griechischer Wein“ erklang, lauschte das Publikum andächtig und ergriffen, um anschließend in einem grenzenlosen Jubel auszubrechen. Udo verabschiedete sich für eine kleine Pause. Im Voyer der Grugahalle stärkte sich ein Großteil des Publikums bei Sekt, Bratwurst und Bier für den zweiten Teil des Abends. Und in diesem zweiten Teil zog Udo ein echtes Feuerwerk mit seinen alten Hits ab. Darin eingebettet war auch seine brandneue Single „Ein neuer Morgen“, die beim Publikum auf großes Interesse stieß.

In den letzten 20 Minuten des Konzerts schienen alle Dämme zu brechen. Das Publikum rannte zum Bühnenrand, um ihren Star einmal aus allernächster Nähe zu sehen. Frauen reichten ihm Taschentücher, mit denen er sich den Schweiß aus seinem Gesicht abwischte. Als die Frauen ihre Taschentücher mit diesem „Souvenir“ zurückbekamen, waren sie ganz stolz darauf, etwas ganz Persönliches von ihrem Star bekommen zu haben. Eine Frau war darüber so sehr verzückt, daß sie das schweißgetränkte Taschentuch vor lauter Verzückung in ihr Gesicht rieb. Irgendwann zog der völlig verschwitzte Udo seine Jacke aus. Die Jacke landete am Bühnenrand, und einige Frauen prügelten sich förmlich um dieses begehrte Souvenir. Die Siegerin dieser Schlacht war sichtlich glücklich, war aber vernünftig genug, um sich die Jacke nicht umgehend überzuziehen.

Nachdem Udo sein fast zweistündiges Programm beendet hatte, verabschiedete er sich brav von seinem Publikum. Das war aber jetzt so in Fahrt und verlangte vehement nach einer Zugabe. Die bekam es wenige Minuten später dann auch. Udo hatte sich in der Zwischenzeit umgezogen und seine Bühnenkleidung gegen einen Bademantel eingetauscht. Von diesem Outfit waren vor allem seine weiblichen Fans verzückt. Udo setzte sich noch einmal an sein Klavier und heizte die Stimmung mit einigen seiner bekannten Hits noch einmal kräftig an. Erst nach der dritten Zugabe und einem letzten kräftigen Schluck vom „Griechischen Wein“ war das Spektakel dann endgültig vorbei. Zwar verlangte das Publikum nach einer weiteren Zugabe, die es aber dann nicht mehr bekam, weil Udo in seinen wohlverdienten Feierabend ging. Als das Publikum dann merkte, daß er nicht mehr auf die Bühne kommt, leerten sich die Ränge nach und nach.

Ich war überrascht, wie sehr mir das Konzert gefallen hatte und ich nahm mir vor, bei der nächstbesten Gelegenheit ein weiteres Udo-Jürgens-Konzert zu besuchen. Allerdings sollten bis dahin fast 25 Jahre vergehen, denn erst im Jahre 2000 sah ich den guten Udo in der Dortmunder Westfalenhalle wieder.
 

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© Hildegard Salewski, 9.2004 - 2014