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Am 30. August 2009 fanden in Nordrhein-Westfalen mal wieder Kommunalwahlen statt. Aus diesem Anlaß erinnern wir an die Kommunalwahl 1979 vor dreißig Jahren.

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Jetzt wird’s bayrisch

Kommunalwahlkämpfe sind in der Regel noch langweiliger und fader als die Wahlkämpfe für Landtags- und Bundestagswahlen. Nur die Wahlkämpfe für die Europawahlen gestalten sich noch trister. Köpfe und Namen von Personen, die keiner kennt, sowie leere Worthülsen schmücken die Wahlplakate, die von einfallslosen Werbeagenturen für viel Geld entworfen werden.

Einen besonderen Kommunalwahlkampf gab es allerdings 1979. In Essen hatte die hiesige CDU das Bedürfnis, sich nach über 20 Jahren wieder an die Stadtspitze zu setzen. Dieses Unterfangen war äußerst schwierig, dessen war sich die CDU bewußt, denn gegen den in der Bevölkerung äußerst populären Oberbürgermeister Horst Katzor von der SPD hatte ihr Kandidat Norbert Königshofen kaum Chancen. Also ließen sich die schlauen Köpfe der Essener CDU-Parteispitze etwas ganz Besonderes einfallen: Für eine Wahlveranstaltung boten sie als prominenten Wahlredner Franz-Josef Strauß auf. Diese Gelegenheit ließ sich der bayrische Ministerpräsident nicht entgehen, schließlich wollte er im Jahr darauf bei den Bundestagswahlen Bundeskanzler werden. Und er war sich bewußt, eine Bundestagswahl kann man nur gewinnen, wenn man genügend Stimmen im traditionell sozialdemokratisch geprägten Ruhrgebiet gewinnt. Deshalb hängte er im Kommunalwahlkampf 1979 noch einen Termin in Dortmund sowie in der rheinischen Metropole Köln dran. Allerdings sollte sich seine kleine Blitztournee als Schuß nach hinten erweisen. Am 14. September 1979 trat Franz-Josef Strauß auf seiner ersten Station auf dem Essener Burgplatz zu einer Rede auf, die hohe Wellen schlagen sollte und bundesweit für Schlagzeilen sorgte.

Wie kein zweiter Politiker jener Zeit polarisierte Franz-Josef Strauß das deutsche Wahlvolk. Die einen, zumeist seine bayrischen Landsleute und - freundlich ausgedrückt - äußerst konservativ eingestellten Zeitgenossen liebten und verehrten ihn geradezu abgöttisch, während vernünftig denkende Deutsche ihn kategorisch ablehnten. Seine Amtszeiten als Verteidigungs- und Innenminister unter Konrad Adenauer, verknüpft mit zahlreichen Affären (allen voran Lockhead und Spiegel) sowie bizarre Auftritte im Bundestag mit teilweise äußerst suspekten Äußerungen und Sprüchen waren allgegenwärtig und hatten ihn vor allem in der linken Szene zur Reiz- und Haßfigur Nummer 1 der deutschen Politik gemacht. Gerade deshalb stießen seine öffentlichen Wahlreden auf ein großes Publikums- und Medieninteresse, weil jeder wußte, wo er auftritt, immer etwas los ist. Aber was sich dann am Nachmittag des 14. September 1979 in Essen und in den darauffolgenden Tagen in Dortmund und Köln abspielte, stellte alles bisherige in den Schatten, womit selbst wohl Franz-Josef Strauß am wenigsten gerechnet hatte.

Schon am Mittag versammelten sich unzählige, überwiegend linke Demonstranten auf dem damaligen Wiener Platz. Einige von ihnen hatten sich vorsorglich auf dem Großmarkt kistenweise mit Tomaten und Eiern eingedeckt, die sie großzügig in Tüten verpackt an die übrigen Demonstranten verteilten. Der Zufall wollte es, daß zu diesem Zeitpunkt mein Weg am Wiener Platz vorbeiführte. Schnell erfuhr ich, was die Ursache für diese Massenversammlung war und ich war Feuer und Flamme für die Idee, Franz-Josef Strauß gebührend in Essen willkommen zu heißen. Ein äußerst hilfsbereiter Zeitgenosse versorgte mich schließlich mit einer mit Tomaten prallgefüllten Papiertüte. Etwa 20 Minuten vor Beginn der Veranstaltung zogen wir geschlossen zum Burgplatz. Als der Imperator aus München die Kanzel des Burgplatzes betrat, wurde er mit einem gellenden Pfeifkonzert empfangen. Das Klatschen der ihm freundlich gesonnenen Besucher ging im Lärm völlig unter. Jedes Wort, das er sprach, wurde mit einem ohrenbetäubenden Lärm, bestehend aus Pfiffen und Trillerpfeifen, quittiert.

Der bayrische Ministerpräsident war einiges gewohnt und hatte für Demonstranten meist nur ein müdes Lächeln und einen kernigen Spruch parat. Doch an diesem Tag schlug ihm pure Ablehnung entgegen, die ihn völlig die Fassung verlieren ließ. Anstatt gar nicht oder gelassen auf die Demonstranten zu reagieren, brach er teilweise in wüste Beschimpfungen aus. Er nannte die Demonstranten „Pöbelhorden“ und beschimpfte sie als die besten Nazis, die es je gab (hat es je Nazis mit langen Haaren gegeben oder würde je ein Nazi auf die Idee kommen, sich ein Konterfei von Che Guevara oder das Peace-Zeichen auf die Jacke zu nähen?). Diese „Nettigkeiten“ brachten das Faß zum Überlaufen. Ein Orkan von Tomaten und Eiern flog ihm entgegen. Die Personenschützer und Angehörige der Essener CDU versuchten zwar, den Politrüpel mit Regenschirmen zu schützen, was aber angesichts der Massen von Tomaten und Eiern ein aussichtsloses Unterfangen war. Franz-Josef Strauß versuchte seine Rede fortzuführen, was aber im Lärm und dem Tomaten- und Eierhagel ein unmögliches Unterfangen war. Also beschränkte er sich darauf, weitere Beschimpfungen vom Stapel zu lassen. Je mehr er wetterte, um so mehr wurde er beworfen. Schließlich brach er seine unselige und völlig überflüssige Rede ab (wobei man im Wahlkampf von einem Politiker seines Kalibers von einer Rede nicht sprechen darf, eher von Agitation). Es dürfte in seiner politischen Karriere nicht oft vorgekommen sein, daß er vor einem Publikum kapitulieren mußte. Zum Abschluß sangen er und seine Essener CDU Kollegen noch die deutsche Nationalhymne, doch dieser kakophonische Beitrag ging im Lärm der Massen unter. Die Essener Demonstranten  hatten ihn in die Knie gezwungen (ebenso wie wenige Tage später das Wahlvolk in Dortmund und Köln).

Sein bizarrer Auftritt auf dem Burgplatz schlug bundesweit hohe Wellen. Für die Tagesschau war es am Abend das Ereignis des Tages. Politiker der CDU heuchelten angesichts der Vorkommnisse Betroffenheit und warfen der SPD, speziell der in Essen, Gleichgültigkeit und Versagen vor. Einige wenige sprachen sogar von einem Angriff auf die Demokratie, einen Angriff auf die Meinungsfreiheit. Franz-Josef Strauß war von seinem Debakel auf dem Burgplatz und seiner Kapitulation gegenüber dem standhaften Essener Wahlvolk so angefressen, daß er die Behauptung aufstellte, der Essener Oberstadtdirektor hätte bewußt Schulklassen zum Protest aufgerufen. Die Behauptung war selbstverständlich aus der Luft gegriffen und die Essener Stadtspitze erwog sogar gegen diese Behauptungen gerichtlich gegen den ungeliebten Gast aus Bayern vorzugehen. Aber so nobel wie echte Essener bzw. Ruhrpottler nun mal sind, ersparten sie dem bayrischen Ministerpräsidenten diese Peinlichkeit. Die CDU-Opposition im Essener Stadtrat versuchte aus den Vorkommnissen vom 14. September  Kapital zu schlagen, doch bei den Wahlen ließen sich die Essener Bürger nicht für dumm verkaufen. Sie wählten ihren Horst Katzor erneut zum Oberbürgermeister und erklärten den Herausforderer Norbert Königshofen zum zweiten Sieger.

Nach der bizarren Veranstaltung auf dem Burgplatz trat ich voller Ruhm und Stolz den Heimweg an. Ich erzählte meinem Vater, was sich auf dem Burgplatz abgespielt hatte und was sein mißratener Sohn zusammen mit den anderen Demonstranten veranstaltet hat. Als er das hörte, machte er mir die schlimmsten Vorwürfe. „Warum hast Du mir nicht gesagt, daß Strauß heute kommt? Ich hätte dem Bazi die dickste Tomate und das faulste Ei an seinen fetten Schädel geschmissen,“ waren seine Vorwürfe. Nun, einen Politiker mit Tomaten und Eiern zu bewerfen ist nicht unbedingt die feine Art, und es gibt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nur ganz wenige Politiker, die auf diese Art „geadelt“ wurden. Heute würde ich so etwas nicht mehr machen, was in erster Linie daran liegt, daß es in der heutigen Politik keine Personen gibt, die dermaßen polarisieren wie einst Franz-Josef Strauß. Auch die Demonstranten haben sich geändert. Als 1994 im Bundestagwahlkampf der amtierende Bundeskanzler Helmut Kohl auf dem Kennedyplatz eine Rede hielt, verhielten sich die anwesenden Demonstranten verhältnismäßig moderat. Mich interessierte seine Rede überhaupt nicht. Während er seine Rede hielt, zog ich es vor, mit meiner damaligen Freundin bei DeLorenzo auf der Kettwiger Straße ein gepflegtes Eis zu mir zu nehmen. Eine Rede von einem Politiker ist wie ein hochprozentiger Schnaps auf nüchternen Magen, ein Eisbecher bei DeLorenzo dagegen ein Hochgenuß. Ja, so ändern sich die Zeiten.

 

 

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